Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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W. Aus der Provinz Posen, im Oktober. Aus Anlaß des Allerhöchsten Geburtstages Ihrer Majestät der Kaiserin Haben nachbenannte Personen folgende Auszeichnungen erhalten: das Frauenverdienstkreuz in Silber Fräulein Berta Jacobi in Marienwerder; die Rote-Kreuz-Medaille dritter Klasse Kaufmann Hermarm Eisenstaedt in' Putzig, Schn hrnache r meister Isidor D r z e z i n s k i in Hohensalza, Frau Großkaufnrann Jda A s ch und Frau Kaufmann Berta B r o d n i tz geb. Spiro in Posen. — Skalmierzhce. Dem Kaufmarm und Fürstlich Lippischen Hoflieferanten Wolfs Hierselbst ist die Erlaubnis zur Anlegung des ihm verliehenen Kreuzes zum Fürstlich Lippischen Leopoldsorden mit der Krone erteilt worden. — Posen. Am Mittwoch, dem 28. Tischri, wurde die Jahrzeit des verstorbenen Rentiers Salomon David Tuch in der hiesigen israelitischen Waisenknabenanstalt ernst und würdig begangen. Tuch hat vor seinem Ableben in Wreschen unserem Waisenhause eine größere Summe testamentarisch hinterlassen. Von einem Anstaltszöglinge wurde das Kaddisch im Betlokale der Anstalt verrichtet. Herr Waisenhausinspektor Uhlfelder verrichtete dann das Gebet für die Seelenruhe des Dahingeschiedenen, nachdem er vorher einen Abschnitt aus der Mischna vorgetragen hatte. Aus der hiesigen jüdischen Gemeinde, zum Teil auch aus anderen jüdischen Gemeinden der Provinz Posen und weiter hinaus werden Waisenknaben von nicht unter fünf und nicht über zwölf Jahren ausgenommen und bis nach vollendetem sechzehnten Lebensjahre verpflegt. Um das Bestehen der Anstalt zu sichern, ist bei ihrer Gründung ein Erhaltungsfonds gebildet worden, welcher aus einem von einem edlen Menschenfreunde, der nicht genannt sein wollte, der Anstalt geschenkten höheren Kapital herrührt. Wer einen Beitrag von mindestens drei Mark jährlich zur Anstalt zu zahlen sich verpflichtet, wird Mitglied der Anstalt. Im vergangenen Jahre beliefen sich die Gesamtbeiträge auf 2768,60 Mark, Spenden 3475 Mark, Sammelbüchse 264,50 Mark. Jur ganzen balancierten die Einnahmen und Ausgaben mit 42443,07 Mark. Während des Berichtsjahres waren in der Anstalt fünfzehn Zöglinge; in der Berufsausbildung befanden sich sechzehn. Breslau, 2 7. Oktober. Im Jüdischen V o l k s h e i m fand am letzten Sonntag die Wiedereröffnung des Erholungsheims für verwundete Soldaten der Garnison Breslau durch eine stimmungsvolle Feier statt. Nach einem Harmonium- Vorspiel des Oberorganisten Lilge trug Oberkantor Cer in i, begleitet am Klavier von seiner Gattin, in klangvoller Weise die Arie „Dann werden die Gerechten leuchten" aus dem Oratorium „Elias" (Mendelssohn) vor, worauf der Vorsitzende, Herr Dr. med. Jos. Schlesinger, in einer Begrüßungansprache die Vertreter der Behörden und Gesellschaften, darunter auch den des Stadtkommandanten, bewillkonunnete. Die Freude, welche der Vorstand an dem Liebeswerk empfinde, sei größer als die der empfangenden Soldaten. Er hoffe, wie der Kampf für das Vaterland alle eine ohne Unterschied des Glaubens, der Friede auch die Einigkeit im Innern bringen werde. Dazu solle dies Liebeswerk beitragen. Rabbiner Dr. Simonsohn erklärte als Vertreter des Rabbinats und als Seelsorger der Verwundeten, daß der Vorstand, wenn er auch keinen Dank beanspruche, doch denselben in hohem Maße verdiene; er übe im Geiste des Judentums Thora und Zedakah, Gottesfurcht und Menschenliebe. Auch er könne versichern, daß er überall in den Lazaretten bei den Soldaten gehobene Stimmung und Begeisterung für das Vaterland vorgefunden habe. ^Justizrat Hirsch berg versprach namens der Nepräsentantenversammlung die weitere Förderung des Liebeswerkes. Freilich könne er nicht gleich den Vorrednern so zuversichtlich sich der Hoffnung hingeben, daß die großen Opfer, welche unsere Glaubensgenossen aller Orten leisten, den inneren Frieden sichern werden. Bedenklich mache doch erst wieder der jüngste Beschluß des Reichshaushaltsausschusses, von der Reichsregierung eine konfessionelle Statistik der Angestellten bei den Kriegsgesellschaften zu fordern: ein Vorgehen, das doch nur darauf hinauslaufe, die Juden als Drückeberger hinzustellen. Wichtiger aber als der innere Friede sei der äußere Friede, der bald kommen möge. Ter Präsident der Lessing-Loge, Fabrikbesitzer W a l s ch, rühmte an der Tätigkeit der Gesellschaft, daß sie die Grundlehren des Judentums, die in „Glaube und Heimat" wurzeln, hier in die Tat umsetze, die Nächstenliebe der Bibel und die Vaterlandsliebe des Talmuds, „Staatsgesetz ist Gesetz". Der Schatzmeister des Heims, Kaufmann F i s ch l e r , dankte allen Rednern und sprach die Hoffnung aus, daß, wie im vorigen Jahre 47 000 Verwundete hier Erholung gefunden haben, dies auch im kommenden Winter möglich sein werde, in den sie mit der Anerkennung des Stadtkommandanten eintreten, der sich persönlich von dem segensreichen Wirken überzeugt und dies dem Vorsitzenden ausgesprochen habe, und mit der Genehmigung des Oberpräsidenten zur Vornahme einer Sammlung. Hildachs Kaisergebet, von Cerini vorgetragen, und Lilges Harmoniumspiel beschlössen die schöne Feier, worauf die Bewirtung der Verwundeten durch das schöne Geschlecht einsetzte. Görlitz, 27. Oktober. Dr. Bruno Alexander-Katz hat der Stadt anläßlich seiner Silberhochzeit 20 000 Mark zur Verfügung gestellt, um ein Heim zugunsten der Heranwachsenden Jugend unter dein Namen „Bruno-und-Lisbeth-Alexander-Katz- Stiftung" zu gründen. Zu diesem Zwecke soll das Haus Große Wallstraße 29 nebst Garten käuflich erworben werden. Die Stiftung soll vom Magistrat verwaltet und dem Zentralwaisenrat unterstellt werden. Wie der Stifter bemerkt, bedürfe das Vaterland ganz besonders der Erstarkung der Heranwachsenden Jugend. Die Stadtverordnetenversammlung erklärte sich am 20. d. M. zur Annahme bereit. n. Leipzig, 27. Oktober. Weite Kreise der Gemeinde betrauern in der kürzlich im Alter von 90 Jahren Heimgegangenen Jeanette Rapaport geb. Biedermann eine ihrer edelsten Wohltäterinnen. War doch ihr Leben vornehmlich stillem Wohltun und wahrer Frömmigkeit geweiht. Der Familie von Salomo Jehudah (Löb) Rapoport (gestorben in Prag 1867) gehörte sie durch die Eheschließung mit dessen Neffen Munisch Rapaport an, den Begründer des altangesehenen Leipziger Pelzhauses M. Rapaport & Sohn (lange vor ihr verstorben). Am Tage der Gesetzesfreude wurde sie beerdigt. Rabbiner Prof. Dr. Porges rühmte dabei ihre nacheifernswerten Tugenden. E. M. Halberstadt, 27. Oktober. Das vor vier Jahren hier begründete Altersheim „Israelitisches Heim Reweh Menuchoh" entwickelt sich in befriedigender Weise. Die Zahl der Insassen beträgt jetzt sieben, darunter sechs Frauen. Durch gemeinsamen Erlaß der Minister des Innern, der Finanzen und der Justiz ist das Heim als milde Stiftung anerkannt worden. Die jährlichen Beträge beliefen sich im letzten Rechnungsjahr auf 1125 Mark, die einmaligen Zuwendungen auf 900 Mark. Durch Stiftungen im Gesamtbeträge von 10 400 Mark stieg das Anstaltsvermögen auf 26 265 Mark. Seesen a. Harz, 27. Oktober. Mit Beginn des neuen Schuljahres konnte der Oberlehrer an der Iacobso n-Schule zu S e e | c n a. H., Prof. Tr. Dannenberg, auf eine 25 jährige segensreiche Amtstätigkeit an genannter Anstalt zurückblicken. Mit Rücksicht auf die Zeitverhältuisse wurde zwar auf Wunsch des Jubilars von einer besonderen Schulfeier abgesehen, doch benutzte das Kuratorium die Gelegenheit, um an den verdienstvollen Jugendbildner, der sich allgemeiner Hochschühung erfreut, ein anerkennendes Schreiben zu richteu, welches ihm gleichzeitig mit einer Ehrengabe (einer künstlerischen Bronzeplakette) vom Direktor bei Eröffnung des Semesters überreicht wurde. §2 Seesen a. H., 27. Oktober. Der frühere wissenschaftliche Hilfslehrer an der Jacobson-Schule zu Seefen ä. H., Dr. Arth u r S ü ß m a n n , ist am 7. d. M. an den Folgen einer in der Sommeschlacht erlittenen schweren Verwundung in einem Feldlazarett verstorben. Ein Hörer des Rabbinerseminars zu Breslau, hat er sich gleichzeitig dem Studimn der Geschichte und Philosophie gewidmet und bestand die Oberlehrerprüfung. Nach erlangter Anstellungsfähigkeit war er 214 Jahre Lehrer an der Seesener Realschule und ging dann nach Berlin, wo er sich wissenschaftlichen Arbeiten widmete .und zuletzt an einigen höheren Schulen jüdischen Religionsunterricht erteilte. Seine Veröffentlichungen, welche die volkswirtschaftliche Seite der jüdischen Geschichte des Mittelalters betreffen, haben in Fachkreisen Beachtung und Anerkennung gefunden. Alle, die Dr. Süßmann näher kannten, schätztenihn wegen der Lauterkeit seiner Gesinnung, wegen seines hohen Jdealisnnrs und seiner Pflichttreue. Ein begeisterter Jude, wurzelte er ebenso treu und fest im Deutschtum, für welches er sein junges Leben geopfert hat. — Aachen, 27. Oktober. Irr den hiesigen Lazaretten befinden sich nicht wenige verwundete Soldaten jüdischerr Glaubens. Wie für alle Krieger ist auch für sie leiblich und seelisch wohl gesorgt. Der Besuch dieser Leidensstätteu zeigt, mit welcher Geduld diese Tapferen ihre Schmerzen ertragen und wie gewaltig die Begeisterung für die