Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 3. November 1916 89-“Nr-" Oer Oemetndebote. Skllsge zur „Allzemetnen Leitung drF IudrntumK". KorrrljwnIlrnHkn und Aachrichtm. SkUtfchlsnd. L. M. Berlin, 31. Oktober. Im Verein für jüdische Geschichte undLiteratur sprach am 26. d. M. Professor Dr. Ludwig Stein über die Weltanschauung des Islams. Redner erläuterte in scharfsinnigen Ausführungen die Berührungspunkte des deutschen Volksgeistes mit dem islamitischen. Die engen Zusammenhänge mit dem Judentum, die sich in Mohammeds Weltanschauungen spiegeln, hat schon, wie er einleitend bemerkte, Abraham Geiger in seiner Schrift „Was hat Mohammed aus dem Judentum ausgenommen" nachgewiesen. Mohammed selbst wollte seine Beeinflussung durch die beiden älteren Religionen auch nicht in Abrede stellen und erkannte Moses und Jesus als Propheten an, denen er sich als dritter zugesellte. Durch diese Uebernahme entstand eine Verwandtschaft der Anschauungen, welche nicht aus das religiöse Gebiet beschränkt blieb, sondern auf das gesamte Geistesleben Übergriff und sich am deutlichsten in den philosophischen Anschaungen ausdrückt. Die Philosophie eines Volkes hängt aber von dessen Personal- und Nationalcharakter ab. Manchen Völkern, wie z. B. den Japanern, fehlt mit einer eigenen wurzelechten Kultur und Religion auch die Philosophie, die nach einem Worte Melanchthons dem Gebildeten ebenso notwendig ist wie ein Vaterland. Im Gegensatz zu den Japanern, die nie etwas Eigenes schufen, sondern nur Fremdes übernahmen, ist der Islam nicht nur Nehmer, sondern auch Spender edelsten Kulturgutes geworden. Im frühen Mittelalter gab es eine Zeit, in der die Jslamiten die Lehrer Europas waren, als die islamitischen Philosophen das von ihnen bewahrte geistige Erbe der großen Denker dem Abendlande Weitergaben. Sie beeinflußten unseren größten jüdischen Philosophen Maimonides ebensogut und ebenso stark wie die christlichen Scholastiker Albertus Magnus und Thomas von Aquino, deren Lehren noch heute für die katholische Kirche bindend und die durch die Kirche von unabschätzbarer Bedeutung für die Gestaltung des deutschen Geisteslebens geworden sind. Neben dem großen Denker Maimonides standen auch andere jüdische Philosophen wie Levy ben Gerson, Abraham ibn Diaud und der Bibelkritiker ibn Esra unter dem Einflüsse der von den Arabern weitergegebenen Lehren des Aristoteles und Plato. Diese beherrschen überhaupt alle Scholastiker jener Zeit so sehr, daß sich Juden, Christen und Mohammedaner eigentlich nur dadurch unterscheiden, daß sie ihre Beweise aus dem Alten oder Neuen Testament oder dem Koran holen. Die aus dieser Zeit stammende Uebereinstimmung der deutschen und islamitischen Philosophie hat jedoch eine weit altere Wurzel als die gemeinsame Uebernahme griechischer Weisheit. Der jüdische Arabist Goldzieher hat nämlich in seinen „Mohammedanischen Studien" nachgewiesen, daß die arabischen Philosophen schon im 9. Jahrhundert, also noch vor einer Beeinflussung durch die griechischen Lehren, in den grundlegenden Anschauungen der Philosophie denselben Standpunkt eiimahmen, den die deutschen Philosophen der Gegenwart vertreten. Sowohl in der deutschen wie in der islamitischen Philosophie gilt die Gerechtigkeit als das höchste Attribut Gottes; beide glauben, daß kein Weltgesetz dem Chaos, sondern jedes dem Kosmos dient. Auch die Frage der Willensfreiheit beantworteten die islamitischen Philosophen ähnlich wie die deutschen. Es besteht also eine ausgesprochene Gemeinsamkeit der Geistesrichtung der islamitischen Nationen mit dem Deutschtum, dessen geistige Verwandtschaft mit dem Judentum Professor Dr. Hermann Cohen nachgewiesen hat. Alle drei befinden sich im gemeinsamen Gegensätze zu der schon im 13. Jahrhundert rein utilitaristisch gerichteten englischen Philosophie, für die das Ich der Mittelpunkt, das Ganze aber nur eine Fiktion ist. Während der englische Moralbegriff auf dem Nutzen aufgebaut ist, lehrt die deutsche, jüdische und islamitische Weltanschauung, daß nicht die Tat selbst, sondern die Gesinnung den Wert einer Handlung bestimmt. Diese geistigen Gemeinsamkeiten lassen das Bündnis mit der islamitischen Welt nicht als Zufall, sondern als Notwendigkeit erscheinen. — Das zahlreich Publikum dankte dem Redner durch lebhaften Beifall für seine geistvollen Ausführungen. £2 Berlin, 31. Oktober. Das Mitglied des Kuratoriums der Lehranstalt für dieWissenschaft des Judentums, Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Hermann Cohen, kündigt für das Wintersemester folgende Vorlesung an: „Griechische Philosophie." Die Vorlesung findet vom 7. November ab jeden Dienstag abend von 8 bis 9 Uhr statt. Ferner Uebungen über „Platons Jdeenlehre" und über „Maimonides More I", je zwei Stunden. Die Zeit für die Uebungen soll nach Vereinbarung festgelegt werden und ist im Sekretariat der Lehranstalt zu erfahren. Außerdem liest Herr Dr. I. Freund über „Die literarische Behandlung der Judenfrage seit dem 18. Jahrhundert in ihrer Rückwirkung auf Politik und Gesetzgebung in Preußen" vom 15. November ab jeden Mittwoch abend 8 bis 9 Uhr. Die Vorlesungen sind öffentlich und unentgeltlich. Die Zulassung erfolgt nach persönlicher Anmeldung im Sekretariat, Artilleriestraße 14. Berlin, 31. Oktober. Die Vorsitzende des Vereins Berliner -Kinderheilstätten, Frau Geheime Negierungsrat Tony Lieb ermann geb. Neichenheim, die nach längerem Leiden am 24. d. M. verstorben ist, wurde am letzten Sonntag zu Grabe getragen. Der Beisetzung ging im Trauerhause, Matthäikirchstraße, eine Trauerfeier voraus, zu der die Kaiserin ihre Hofstaatsdame Fräulein v. Gersdorsf entsandt hatte. Zahlreiche Wohlfahrtsvereine, wie der Verein für Kindervolksküchen und Volkskinderhorte, der Freiwillige Erziehungsbeirat für schulentlassene Waisen, das Werner-Kaufmann-Erholungsheim, Vereine vom Roten Kreuz usw., waren vertreten und ließen Kranzspenden niederlegen. Der Schwiegersohn der Entschlafenen, der Berliner Stadtrat Professor Dr. Hugo P r e u ß, hielt die Gedächtnisrede. Dann fand die Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee statt. Berlin, 31. Oktober. Zu dem Vortrag von Frau H c n - riet te M>a Y, Wer den wir in Nr. 43 ein.Referat brachten, teilt uns der H r l s s v e r e i n d e r T e u t s ch e n I u d e n mit, daß die gesamten Unterstützuuasgelber für die besetzten Gebiete von den Joint Distribution Comnrittees iu New Uork (den Vereinigten Jüdischen Hilfskomitees in Amerika) herrühren und durch Vermittlung des Jüdischen Hilfskomitees für Polen und Litauen nach den besetzten Gebieten gelangen. Berlin-Pankow, 31. Oktober. Unser hochgeschätzter Mitbürger, der bekannte Fabrikbesitzer Herr Josef G a r b a t y - R o s e n - thal, h at anläßlich des ersten Jahrzeitstages seiner Fr all Rosa geborene Kaplan mehrere Wohlfnhrtseiil r icht u ugen mit namhaften Zuwendungen bedacht. Unter anderem erhielt die Unterstützungskasse für hiesige jüdische Arure 3000 Mark, das hiesige Mädchenhaus 5000 Mark, das jüdische Kinderfürsorgej heim' in Niederschönhausen 1000 Mark, die Kriegshilfskommisston! der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 6000 Mark und der Shnagogeni verein Ahawas Zion in Berlin 3000 Mark. Dem hiesigen Zweiten! Waisenhause der Jüdischen Gemeinde zll Berlin schenkte er einen kost-! baren, kunstvoll gearbeiteten silbernen Thoraschmuck, und eine größere i Kapitalszuwendung steht diesem Hause, dem er seine besondere Für-; sorge zuwendet, noch bevor.! Königsberg i. Pr., 27. Oktober. Kommerzienrat Marx,! lmser hochgeschätzter Mitbürger, hat seine trelle Lebensgefährtin! verloren, deren Beerdigung am 17. d. M. unter Anteilnahme! weiter Kreise stattfand. Gertrud Marx war eine warme, gütige Freu, die ihre hilfsbereite Mütterlichkeit auf jeden ausstrahlte, der ihrem Kreise zugehörte. Als Ausfluß ihrer starken gottesglänbioen Persönlichkeit und nicht weniger ihrer wertvollen künstlerischen Begabung dürfen ihre Gedichte gelten, von welchen der Oeffentlichkeit leider nur eine kleine Auswahl zugänglich gemacht ist (Gertrud Marx. Gedichte. S. Freund, Vertag, Berlin) — eine kleine Auswahl, die ein schönes Bild gibt von dieser liebe- und gedankenreichen Frau, deren Dichten und Leben fast zil unbeachtet dahinfloß in der abgeschlossenen Stille ihres Heims mit seinen offenen Bedrängte. Ehre ihrem Andenken. erschienene Türen für