Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-03 · Heft 44 (3.11.1916) · p. Seite 528

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 44 (3.11.1916)
Date
1916-11-03
Page
Seite 528 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229277--72643-3285097
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

bereits einen Menschen. Er erkannte Malka, die bei seinem Anblick einen Schreckensruf ans stieß. „Was machst du da. Malka?" fragte er mit sanfter Stinnne. „O Gabriel, habe Erbarmen und strafe mich nicht gar zu hart," jammerte sie, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend.. „Warum sollte ich dich denn strafen, Malka?" „Weil ich doch so schlecht zu dir war. Ich bin deshalb zu deinen Eltern hergeeilt, daß sie meine Fürsprecher werden, daß sie mir deine Verzeihung erflehen." „Wovon sprichst du denn? Ich verstehe dich nicht. Was soll ich dir denn verzeihen, Malka?" „Weil ich meine böse Zunge habe laufen lassen, well ich dein Geheimnis deinen Feinden verriet." „Du warst es also!" sprach er gleichmütig. „Mache dir keinen Kummer darüber, Malka. Du hast mir dadurch keinen Schaden zugefügt. Im Gegenteil; du hast mir, wenn auch unbewußt, manche Gewissensreue erspart." Er lächelte ihr ernst und freundlich zu. Sie brannte vor Begierde zu wissen, was er damit meinte, aber ihr fehlte der Mut, ihn danach zu fragen. Bald aber erzählte er ihr alles freiwillig. „Ich gehe noch heute von hier fort," schloß er seinen Bericht, „um nie wieder zurückzukehren. Hier, Malka, nimm dieses." Er händigte ihr ein umfangreiches Paket mit Banknoten ein. „Teile es in drei gleiche Teile: mit dem einen bezahlst du Baruchs Beerdigung, falls seine Leiche doch noch gefunden werden sollte; den zweiten übergib dem jüdischen Gemeindevorsteher, um dafür eine feste Steinmauer um den Friedhof zu errichten, und den letzten Teil behalte für dich oder verwende ihn nach deinem Belieben. Ich freue mich, daß ich 'dich noch einmal gesehen. Und nun, Malka, lebe wohl!" Er berührte flüchtig mit seinen Lippen ihr Haar und ging dann zu den Gräbern seiner Eltern. Dort beugte er sich nieder und blieb lange Zeit in dieser Stellung. Dann erhob er sich, nahm eine Hand voll Erde von den Gräbern, die er sorgfältig an seiner Brust verbarg. Es sollte dieses ein Talisman sein bei dem neuen Leben, das er jetzt beginnen wollte. Und lange, lange, nachdem das Zwielicht bereits der finsteren Nacht gewichen war, stand Malka noch immer aus der heiligen Stätte, und ihre Tränen befeuchteten die Gräber der Toten und ihre Seufzer folgten dem Lebenden. Literarische Mitteilungen. V o m j ü bischen Wese u. Von Tr. Emil Spiege l. Vortrag, gehalten im Israelitischen Humanitätsverein „Bohemia" Vne Brith in Prag am 6. November 1915. Wien 1916. Als jüdisches Wesen bezeichnet der Verfasser den „geschichtlichen Optimismus, der auf der Idee Gottes als Bürgen für das sittliche Ziel aller Entwicklung beruht und sich an diesem Ziele irr der Form des messianischerr Ideals orientiert". Pietät, treue Nächstenliebe, Solidarität, Sorgen und Wirken für die ganze Menschheit werden als GrundZüge dieses Wesens dargestellt. Der Vortrag, der in einer Verherrlichung der Bestrebung des Vereins gipfelt, für den er gehalten worden ist, enthält treffliche Gedanken, in schöner Sprache vorgetragen. L. G. Gebetund Wohltun, eine Geburtstagsfeier im Sinne des Kaisers. Predigt am 27. Januar 1916, gehalten in der Synagoge Zu Schwerin i. M. von Tr. S. Silberstein, Großherzogl. Landesrabbiner. Die Stellung Preußens und Mecklenburgs zum Artikel XVI der deutschen Bundesakte. Von Dr. S. Silberstein, Landesrabbiner in Schwerin i. M. Sonderabdruck aus der Festschrift zum siebzigsten Geburtstage Martin Philippsons. Breslau, Buchdruckerei A. Favorke. 1916. Zwei Schriften Silbersteins, freilich sehr verschiedenen Inhalts, mögen hier zusammengefaßt werden. Die eine ist eine Predigt, die dem Kaiser huldigt, ihn trotz des Krieges, in den er verstrickt wurde. ajs - Friedensfürsten feiert und die das Gelöbnis ablegt, tu seinem Zinne dem Vaterland zu dienen mtb gleichfalls nach seinem Vorbilde den Darbenden und Leidenden beizustehen. , Ganz anderen Charakters ist die zweite Arbeit. Sie ist geschichtlichen Inhalts. Neu ist in ihr hauptsächlich der Hinweis aus Mecklenburg ans bisher unbenutzten Aktenstücken. Aus ihnen geht die nrerkwürdige Tatsache hervor, daß 1817 Preußen und Oesterreich (letzteres vielleicht durch den Einfluß Rothschilds) den judenfeindlichen Standpunkt des einen mecklenburgischen Staates zu brechen suchten, daß aber dann die einsetzende Reaktion die Ausführung dieser toleranten Absicht hinderte. Die fleißige Arbeit verdient alles Interesse. L. G. * — Geschichte des Talmud s. Von Dr. Netter, Oberrabbiner von Lothringen. Metz 1916. Im Selbstverlag des Verfassers. 84 S> Das Büch enthält eine kurzgefaßte Darstellung der gesamten jüdischen Literaturgeschichte, und da diese sich nach der ganzen Art ihrer mittelalterlichen Entwicklung vorzugsweise auf die Erforschung und Weiterbildung des Talmuds aufbaut, ist der Gesamtüberblick in den Rahmen einer Geschichte des Talmuds eingespannt. Bei dem unauflöslichen Verwoben sein der Geschichte des jüdischen Geistes mit der Geschichte des jüdischen Volkes mußte die Schilderung gleichzeitig zu einen: raschen Gange durch die jüdische Geschichte überhaupt werden. Die Darstellung ist anregend und faßlich und legt von der Wärme, die den Verfasser für sein Thema beseelt, Zeugnis ab. D i e n e m a n n (Ratibor). * — Praktische B i b e l e r k l ä r u n g. (VI. Reihe der „Religionsgeschichtlichen Volksbücher".) 8. Alttestamentliche Lyrik. Von Paul Fleischmann, Pfarrer in Berlin. Tübingen (Verlag I. C. B. Mohr) 1916. 60 Seiten. 50 Pfennig. Welchen Standpunkt man auch immer gegenüber der Tendenz der Schielesche Religionsgeschichtlichen Volksbücher einnehmen mag (ohne Seitenhiebe aus die Frömmigkeit des Durchschnittsisraeliten Isiehe S. 46 des vorliegenden Heftesj, auf das schadenfrohe und rachsüchtige Israel ssiehe S. 9 und 34] geht es nun einmal noch immer nicht ab!), ihr Streben nach Vertiefung der religiösen Probleme in der großen Masse des Volkes und insbesondere ihre Bemühungen, zum Verständnis der Bibel beizutragen, verdienen auch die Beachtung jüdischer Kreise. Und diese Beachtung und zugleich Anerkennung verdient in vollem Maße der vorliegende Band, in dem die alttestamentliche Lyrik von Paul FLeischmann behandelt wird. Das kleine, 60 Seiten umfassende Heft führt den Leser in ansprechender Form ein in das Singen und Sagen im alten Israel. Daran schließt sich ein kürzer Ueberblick über die dichterische Form der alttestamentlichen Lyrik, während der Hauptinhalt der Entstehung des Psalters (Entstehungszeit, Verfasser und Sprache) und der Erklärung ausgewühlter Psalmen (im ganzen 19) gewidmet ist. Den Schluß bildet eine geschickte Auswahl aus dem Hohenliede, über dessen Entstehung und Erklärungsversuche eine kurze Einleitung den Leser trefflich unterrichtet. Inwiefern es dem Verfasser gelungen ist, sich in den Gedankenkreis der Psalmen einzufühlen, seinen Gefühlsinhalt auszuschöpsen und dem Verständnis des Lesers nahezubringen, das mag man selbst Nachlesen! Mir hat die Erklärung der Psalmen 19, 8 und 104 am besten gefallen. Ich glaube, dieses wohlfeile Büchlein (es kostet 50 Pfennig) jedem jüdischen Religionslehrer wärmstens empfehlen zu können; er kann daraus mannigfache Anregung schöpfen für die Behandlung der biblischen Poesie im Religionsunterricht, aber auch der gebildete Laie wird reiche Belehrung darin finden. Dr. Arthur Rosenzweig (Aussig a. d. E.). Mchrreinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. An meine Gemeinde in Bremen zu Rosch Haschona 5677. Bon Armee-Rabbiner Dr. Rosenack. Sei stark! Ein Evinnerungsblatt zum Schlußsest des Jahres 5677 (1916) m bie Kameraden im Felde. Bon Armee-Rabbiner Dr. Rosenack. Wilhelm Bode: „Der weimarische Musenhof. 1756—1781." Mit zahlreichen Abbildungen. Berlin, E. S. Mittler u. Sohn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.