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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-03 · Heft 44 (3.11.1916) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 44 (3.11.1916)
Date
1916-11-03
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
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527 Kräften. Und j e tz t ist die Zeit dafür besonders gekommen, in der diese Aufforderung, in materieller und geistiger Hinsicht Fürsorge zu treiben, an jeden einzelnen Juden, an jede einzelne Jüdin ergeht und ergehen muß. fUitjf um puge. RuMcher Sozialroman von M. Pulvermann. (Schluß.) (t2 r atmete tief auf und fuhr fort: „Dann starb dein Vater, >V und sein Tod war für mich ein Finger Gottes, der mit feurigen Buchstaben, in seinem ewigen Firmament niedergeschrieben, daß sein Volk viel zu groß und erhaben sei, um seinen Fortbestand von irgendeinem anderen als nur von seiner allmächtigen Vorsehung abhängig zu machen. Für seine Rettung sollte das Volk nicht einer Null gleich mir dankbar sein müssen. Er, der Hüter seiner verwaisten Kinder, nimmt dieses Vorrecht für sich allein in Anspruch, und darum starb dein Vater — durch eine Fügung Gottes!" »Vorsehung! Finger Gottes"! Als was denn sonst sollte er Baruchs letzte Tat bezeichnen? Die Tat, bei welcher Gabriel ihn in der vorigen mitternächtlichen Stunde überrascht und von der, außer Gabriel, keine Menschenseele eine Ahnung hatte? Armer, hochherziger, zynischer, irrender Baruch! Was würde er wohl zu der Ironie des Schicksals sagen, wenn er wüßte, daß seine heroische, heldenhafte Tat, auf die er sich sicherlich so viel eingebildet, die er ganz gewiß für sein ureigenstes Eigentum hielt, jetzt zu einer Vorbestimmung, zu dem Ausfluß einer höheren Macht gestempelt wurde? — Was würde er wohl sagen, wenn er wüßte, -aß auch sein freiwilliger, gewiß schwer erkämpfter Tod, wiederum nur einen Mißerfolg gezeitigt, wie ja sein ganzes Leben aus lauter Mißerfolgen zusammengesetzt war? Dann sah Schmulikof wieder auf die traurige Gestalt Almas, und er fühlte ein Brennen und Zerren in seinem Gehirn, daß ein Mensch, der diesem Engelwesen so nahe gestanden, dessen Fleisch und Blut es ist, solche gräßlichen Geschehnisse zur Notwendigkeit machen konnte. Als habe sie seine Gedanken erraten, wollte sie dieselben mit den nächsten Worten widerlegen. „Ich konnte dir nicht in allem folgen, Gregor. Aber ich glaube, du irrst doch in meinem Vater. Er kann nicht so böse gewesen sein, da doch fein Herz von Liebe für mich übervoll war. Gregor, hast du keine besseren Gründe anzuführen, die dir die Bürde des Lebens ein wenig erleichtern könnten?" „Ja, Alma," erwiderte er schnell, da er von ihrer rührenden Fürsorge für ihn aufs schmerzlichste betroffen war; „ja; ich habe für unsere Trennung einen Grund, triftiger und einleuchtender als der deinige. In meiner Religion ist ein ungeschriebenes Gesetz vorhanden, daß kein Abtrünniger wieder zu seinem Volke zurückkehren kann, wenn er nicht, als Zeichen seiner Reue und Buße, ein Opfer darbringt, das ihn in den Tagen seines Abfalles das Liebste und Teuerste auf Erden gewesen. Alma, ich laste dich zurück, ich gebe dich auf; ich erkaufe mir mein Wiedergeburtsrecht um einen Preis zurück, wie er bisher von keinem Sterblichen gezahlt wurde!" „Dafür danke ich dir herzlich, Gregor. Jetzt erst hast du mich ausgerichtet, da du mich mit dem gleichstellst, was den höchsten Wert in deinen Augen hat." Ihre Stimme vibrierte leise wie die Saiten einer Windharfe. Dann wurde sie ruhiger und fragte gelassen: „Welche Pläne hast du für deine Zukunft? Wohin gehst du, Gregor?" „Ich weiß es noch nicht. Aber ich gehe zu meinen Brüdern, zu den Bedrückten und Verfolgten; ich gehe zu meinen Menschenbrüdern, zu den Schwachen und Dienenden, um ihnen zu helfen und beizustehen. Und ich gehe mit voller Zuversicht, Alma; denn ich habe ja schon ein Leben hinter nur, bei einem Alter, wo andere erst anfangen den Schulranzen abzulegen. Aber nicht mehr will ich es versuchen, im Heimlichen den Helfer und Wohltäter zu spielen; jede Heimlichkeit gleicht der finsteren, schreckerzeugenden Nacht; nein, offen und frei will ich den Armen zur Seite stehen und mit meinen Kenntnissen ihnen dienen, soviel in meinen schwachen Kräften steht!" „Ja, Gregor; ich habe es dir bereits gesagt, daß du ein herrlicher, wunderbarer Mann bist"; sie sah ihn stolz an, mit feuchten, glänzenden Augen. Eine Träne löste sich von ihren Wimpern, die andere aber weinte sie in ihrem Herzen. „So ist es recht, Alma!" rief er, indem er sie mit einer plötzlichen Bewegung leidenschaftlich an seine Brust preßte. „Weine nicht! Unser Geschick ist ein außergewöhnliches, darum wollen wir es nicht zum Gewöhnlichen herabwürdigen, nach Art der gewöhnlichen Menschen!" „Weder durch Tränen noch durch Küsse," sagte sie, ihren Mund von seinen Lippen wegwendend. „Wie wir, selbst in den Tagen unserer innigsten Gemeinschaft, keinen Augenblick heiterer, ungetrübter Freude genossen und -unsere Liebe nicht durch kleine Münze verzettelt haben, so wollen wir uns auch trennen, mit unserer Liebe bis zum Rande unseres Herzens vollgefüllt, ohne einen Tropfen zu verschütten. Unser Geschick war ein außergewöhnliches und soll es auch bis zur letzten Minute bleiben!" Ihre zitternden Hände suchten die seinen, und so standen sie einige Augenblicke im Schweigen versunken. „'Muß es jetzt schon sein?" fragte er, als ihre Hände sich lockerten. „Ja, Gregor, jetzt schon! Oder nein! Warte noch eine Minute. Gregor, sage mir vorher noch ein gutes, helfendes Wort. Aber keinen oberflächlichen Notbehelf, nichts Selbsttrügerisches, aber etwas Hvffnungerweckendes. Etwas Wahres, Aufrichtiges, deiner Würdiges, das mich laben und erquicken soll, von dem ich zehren will, wenn du von mir gegangen bist." Er sann ein wenig nach und sprach dann ernst und feierlich: „Höre, Alma! Es ist gut und weise von der Vorsehung eingerichtet, daß die Nationen mit ihren verschiedenen Religionen und Glaubensbekenntnissen getrennt und gesondert voneinander bleiben und jede Nation ihre persönlichen und individuellen Tugenden ausübt und jede Religion ihre besonderen Wahrheiten verkündet. Denn durch dieses Forschen und Vergleichen, durch diesen beständigen Wettstreit wird die Vollkommenheit erreicht, wird die Heilsvereinigung aller Menschengeschlechter hervorgehen. Aber, Alma, es wird das Wunderwerk der ewigwährenden, allbezwingenden göttlichen Vorsehung sein, währendas Planen und Formen der Staubgeborenen mit ihrem Haß und Vorurteil, mit ihren Schranken und Banden, mit ihrem Wollen und Begehren die Bedeutung einer Mücke hat, die mit ihrem Flügelschlag das verzehrende Feuer des Blitzes aufhalten will!" „Ich danke dir, Gregor. Ich will mir diese Worte fest einprägen und sie als ein teueres Vermächtnis betrachten." Sie wendete sich ab, und -ie Hände vor sich ausgestreckt, als müßte sie sich einen Weg durch die Finsternis tasten, verließ sie das Zimmer. Nach einer Minute war auch er fort. Schmulikof sah Alma nicht wieder, obwohl er erst in der Nacht die Reise antrat. Vorher aber begab er sich noch einmal nach dem Friedhof, um noch einen Blick auf die Gräber der Eltern zu werfen. Zu seiner Ueberraschung fand er dort i J! r! J

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