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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-03 · Heft 44 (3.11.1916) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 44 (3.11.1916)
Date
1916-11-03
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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520 — von 1000 bis 1910 von 257 712 auf -306 000 gewachsen ist. Recht sympathisch ist mir, daß der Berfasser gegen das Jüdisch-Deutsche lebhaft Stellung nimmt. Am wichtigsten ist der letzte Abschnitt. „Die Zukunft". Der Verfasser leugnet, daß nach dem Kriege ein erheblicher oder gar bedrohlicher Zuzug der Ostjuden nach Deutschland stattfinden würde, tut dar, daß, wenn das Deutsche Reich einen Einfluß auf das ehemalige Königreich Polen gewinnt, es die Verhältnisse innerhalb dieses Gebietes so regeln würde, daß eine Veranlassung zur Auswanderung aushören würde, und protestiert lebhaft dagegen, daß etwa hier ein neuer nationaler jüdischer Staat geschaffen werden könne oder solle. Alle diese Vorschläge und Betrachtungen stimmen mit dem überein, was in diesen Blättern oft und eindringlich gesagt worden ist. Nach einen: geschichtlichen Rückblick auf die Entwicklung der Ostjuden, wobei er der preußischen Regierung in ihrer zivilisatorischen Tätigkeit ein gutes Zeugnis ausstellt, setzt Goldmann") auseinander, daß der Rabbiner bei Beurteilung des Problems die religiöse Seite in erster Linie zu berücksichtigen habe. Trotzdem weist er darauf hin, daß es ein Irrtum sei, den Juden in den besetzten Gebieten besonders warme Sympathien für Deutschland zuzuschreiben, und daß ein fernerer Irrtum darin bestehe, daß die ganze Frage mit der Auswanderung gelöst werden könne. Als Aufgabe des Rabbiners bezeichnet er 1. mitzuwirken, daß die allgemeine Volksschule auch für die Juden eingesührt würde; 2. daß der Chassidismus bekämpft urw zurückgedrängt werden müsse zugunsten des Thora-Judentums. Zu der letzteren Verbesserung gehöre die Reform des Cheder, die Erweiterung des Lehrstoffes, der Urrterricht in der polnischen Sprache, wobei der Verfasser doch mehr, als uns sympathisch ist, zugunsten des Jiddischen eintritt. Kürzer als das Bisherige wird das wirtschaftliche und das religiöseLeben gestreift, während wir der Meinung sind und nach dem Anfang der Ausführungen des Redners auch erwarteten, daß gerade diese letzte Frage ausschließlich oder vorzugsweise behandelt werden würde. Goldmanns Darlegungen sind sachkundig und im ganzen so, daß wir ihnen lebhaft zustimmen können. Ob der am Schluß mit Sperrdruck hervorgehobene Satz: „Die Zukunft des Judentums liegt in Wahrheit nur im Osten, und das ist für uns der tiefste Sinn der Ostjudenfrage" vollkommen richtig ist, möchte ich bezweifeln. Sollte wirklich das deutsch-amerikanische Judentum an der Zukunft der Juden nicht in erheblicher Weise mitzuarbeiten berufen sein? Gewiß ist die Ostjudenfrage von hoher Bedeutung, aber daß die Zukunft des Judentums n u r in: Osten läge, möchte ich entschieden in Abrede stellen. Ludwig Fraenkel"), unser geschätzter Mitarbeiter, stellt eine Anzahl Zeitungsartikel zusammen, die wert sind, aufbewahrt zu werden, ferner die Aufrufe der deutschen und österreichischen Negierung an die jüdischen Bewohner der besetzten Landesteile und gibt endlich die Titel einiger Schristen an, die sich mit der Ostjudenfrage beschäftigen, ferner charakteristische Proben aus einigen Zeitungsartikeln. Die Zusammenstellung ist höchst lehrreich und besonders wertvoll dadurch, daß sie in einer ernsten Monatsschrift steht. Zeitungen und Broschüren vertieren sich, ja verschwinden völlig. Eine solche Monatsschrift dagegen wird von Privaten und namentlich von Bibliotheken aufgehoben und die darin enthaltenen Artikel sind dadurch vor dem Untergänge geschützt. Endlich sei auf das zweite Heft einer nützlichen Sammlung^) hingewiesen (das erste Heft war schon in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" beurteilt); auf diese Anzeige ist in dem Vorwort des neuen Heftes Rücksicht genommen. Das nun vorliegende Heft enthält folgende Wschnitte: Bücher, Abhandlungen usw., Predigten, Gebete und Gebetbücher, Kriegsgefangenenliteratur, Zeitschriften, Bilder und Postkarten. Man lernt viel daraus und erkennt, wie reich diese Literatur ist. Dem Wunsche des Herausgebers, der zugleich Verleger ist, daß sein drittes Heft als Schlußheft in Bälde, aber in der Friedenszeit erscheinen möge, schließen wir uns von Herzen an. L. G. n) „Tie Stellung des deutschen Rabbiners zur Ostjudenfrage." Vortrag für die Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Deutschland. 9./10. Mai 1916. Von Dr. Felix Goldmann, Rabbiner der Shnagogengemeindc Tppeln. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kauffmann. 1916. 32) Pros. Tr. Ludwig Fraentel: „Das amtliche Rußland und die Juden au Anfang des Weltkrieges 1914." Eine authentische Sammlung wichtiger Dokumente. Erschienen in „Nord und Süd", September 1916. „Verzeichnis jüdischer Kriegsschriften." Zusammengestellt von Lonis Lamm. Zweites Heft. 1916. Verlag Lollis Lamm, Berlin C 2. Mrlvrge. Von Rabbiner Dr. Friedman n in Lublimtz. n dieser schweren Zeit des fürchterlichen Völkerringens. \ in welcher die Lebensmittel knapp sind und selbst die notwendigen Bedürfnisse nur spärlich fließen, kann man es von neuem lernen, daß diejenigen am besten für solche Zeiten gerüstet sind, welche schon früher hin und wieder aus religiösen oder nationalen Gründen gewohnt waren, sich von mancherlei Genüssen fernzuhalten, sie sich aus freien Stücken zu versagen, aus sie zu verzichten. Und wer hat das mehr verstanden als Israel?! Außer vielem anderen ist schon der Monat Tammus geeignet, dafür einen Beleg zu bieten. Erinnert er uns doch an den Beginn der Katastrophe, welche über unser Stammland Palästina hereinbrach, an die schweren Kämpfe, welche wir mit Babel, und Rom zu führen hatten, an die große Not, welche über uns kam! Und dieser schweren Zeit haben wir auch noch nachher das Gedächtnis bewahrt; auch nach dem Verlust des Landes trugen wir der traurigen Erinnerung in der Praxis Rechnung, indem wir uns während der drei Wochen vom 17. Tammus bis zum 9. Aw von jedwedem Vergnügen und vom Fleischgenuß fernhielten. Wir begnügten uns damit, daß wir nur am Sabbat in den „drei Wochen" Fleischspeisen aßen. Und wenn wir in der Gegenwart aus deutschnationälen Gründen auf den Genuß von Fleischspeisen zeitweilig verzichten müsien, so kann uns dieser „Zwang" nicht schwer fallen, nachdem wir uns einem solchen Verzicht schon früher aus freien Stücken unterworfen hatten. Im übrigen aber gilt es, dafür zu wirken, daß niemand am Nötigen Mangel leide, und sich ein Beispiel zu nehmen an dem großen Geschwister-„Kleeblatt" Mirjam, Aharon und Mose, die einst auf der Wüstenwanderung so sehr für die Gesamtgemeinde besorgt und bedacht waren. Bemerken doch unsere Weisen recht sinnig: „Den drei Führern Mose, Aharon und Mrjam verdankte Israel drei Wohltaten in der Wüste: den Brunnen, die Wolke und das Manna; den Brunnen dem Verdienste Mirjams, die Wolke dem Verdienste Aharons und das Manna dem Verdienste Moses!" — Der Brunnen, welcher mit den Kindern Israels vom Choreb an durch die Wüste gezogen war, versiegte auch in Kadesch, als Mirjam st a r b; die Wolke, welche die Kinder Israels schützend und wegeweisend begleitete durch die Wüste, verließ sie am Berge Hör, wo Aharon starb, und das Manna, das ihnen als nährende Speise diente, hörte auf bald nach dem Tode Moses. So haben nach dem sinnigen Ausspruch der Weisen diese drei Führer für die materielle und physische Wohlfahrt ihres Volkes Sorge getragen. Nicht minder aber auch für dessen g e i st i g e und seelische Wohlfahrt. Denn jene drei Wohltaten in physischer Hinsicht weisen wohl auch aus die entsprechenden Wohltaten in geistiger und seelischer Hinsicht hin. Der Brunnen mit seinem erquickenden, stets erfrischenden und ruhigen Wasser weist hin auf den Born, aus dessen Tiefe alle erquickende Heiligung des Lebens fließt, aus den stillen keuschen Wandel, wie ihn die Prophetin Mirjam als belehrendes Musterbeispiel für alle Frauen bekundete und bewährte. Die schützende Wolke wiederum weist hin aus die Milde und die opferfreudige Liebestätigkeit, wie sie in der Wirksamkeit des Hohenpriesters Aharon in die Erscheinung trat. Und das Manna endlich auf das H i m m e l s b r o t, welches die Bedingung und Grundlage der Kraft und Dauer alles Menschen- und Völkerlebens ist, aus das Gesetz, die Lehre und das Recht, deffen Ueberbringer uns Mose war. Wer diesen drei e r st e n Führern des Volkes Israel nachahmt, wer in die Fußtapsen einer Mirjam, eines Aharon oder Mose tritt, der sorgt für die Wohlfahrt, für die materielle und geistige, seiner Umgebung, seiner Gesamtheit mit allen seinen

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