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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-03 · Heft 44 (3.11.1916) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 44 (3.11.1916)
Date
1916-11-03
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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525 Assimilantismus — übrigens ein schauderhaftes Wort-—, für welch letzteren sich der Verfasser keineswegs erwärmen kann, jüdische Ideologien, jüdische Wanderung, Ostjudenproblem, praktische Judenpolitik, Deutschtum und Judentum abgehandelt. In dein letzten Abschnitt macht der Verfasser den mit Sperrdruck hervorgehobenen Satz zu dem seinigen: „Die Juden, sind eine Nation kraft ihres Eigenbewußtseins und kraft des Bewußtseins der Nichtjuden." Der letzte Abschnitt führt die Ueberschrist „Jüdische Weltanschauung". Ein kurzer Schluß, der den Titel führt: „Losung der Judenfrage" gibt keine entscheidende Antwort. Der Verfasser will auch eigentlich nur zusammenstellen, was geschehen und geschrieben ist, freilich nicht äußerlich bibliographisch, sondern inhaltlich referierend. Sein eigener Standpunkt wird nicht völlig klar; nur das ist deutlich, daß er weder zu den Zionisten noch zu den Orthodoxen gehört. Er wehrt sich auch dagegen, ein Asflnulant zu fein, aber sein Trost, daß nur die Wissenschaft imstande sei, die Judenfrage zu lösen, ist ein schwacher, und wenn man sie als Antwort ans die gestellte Frage anzusehen hat, so dürste llnan sie eben als keine Antwort bezeichnen. Josef Meisl^) bietet den Auszug eines größeren Werkes dar. Er sagt ausdrücklich, und wir glauben es ihm gern, daß seine Arbeit aus gründlichem Studium hervorgegangen sei. Er vermeidet es aber, die Quellen, die er zu Rate gezogen hak, zu nennen und Belegstellen zu geben. Er führt den Leser bis zur Gegenwart heran, behandelt diese aber nicht, sondern entläßt uns mit der allgemeinen Bemerkung: „Eine Assimilation der Juden an dieses oder jenes anders geartete Element kann nicht in dem Sinne eines Ausgehens, sondern nur auf der Grundlage einer beiderseitigen Gleichberechtigung erstrebenden Verständigung wünschenswert und möglich sein, welches alles altsschaltet, was dieser elementaren Forderung der Gerechtigkeit und der Jndividualfreiheit der Nationen widerspricht." Wohl durch diesen Sah, aber nicht durch ihren Hauptinhalt gehört die Schrift nicht ganz in den Rahmen dieser Uebersicht, da diese nlehr der Gegenwart als der Vergangenheit gewidmet sein soll, und doch ist gerade eine solche geschichtliche Würdigung für die Gegenwart.nicht unwichtig, weil sie zeigt, wie schon seit dem 15. Jahrhundert auch auf diesem Gebiete die Judenfeinde am Werke waren. Aber der Verfasser gibt — und auch dies ist ein Vorzug seiner Schrift — nicht bloß Betrachtungen und Mitteilungen über die judenfeindlichen Strömungen, sondern er betrachtet gewissenhaft die innere Organisation und die geistige Entwicklung. (Sehr interessant sind die Mitteilungen über Frank (S. 41 ff.) und über die polnisch-nationale Begeisterung, wie sie sich auch bei den Juden zeigte (S. 65 ff.). Die Schrift ist also ein sehr interessanter Beitrag aus der Vergangenheit, für die Gegenwart zu einpfehlen. Den Vorschlag, den Herr M e i ß n e r5 6 * *) macht, ist, wenn ich recht verstehe, einfach der: Da die Juden namentlich in Oesterreich durch ihren Anschluß an die Liberalen nichts oder wenig erreicht haben, so sollen sie sich taufen lassen ltnb sich den Christlichsozialen anschließen; dann erhalten sie alle Rechte, Anteilnahme an den verschiedensten Berufen und können zum Heile des Vaterlandes Mitarbeiten. Das klingt freilich nach den Anschauungen des Verfassers sehr schön, ist freilich nicht neu und ist gewiß kein Vorschlag, der dem Judentum nutzt. Die ganze Schrift ist vielmehr eine Lobpreisung der christlichsozialen Theorien und ein Sturmlausen gegen den Liberalismus als ein wirkliches Eingehen in jüdische Verhältnisse. Wer den Inden rät, sich taufen zu lassen, schafft dadurch freilich die Judenfrage aus der Welt, aber er verficht damit nur eine Theorie und kümmert sich nicht um die wirklichen Zustände, nicht um das, was die Juden wollen. Die Schrift des Herrn Birnbaums ist eine offizielle, im Aufträge des Komitees zur Aufklärung über ostjüdische Fragen geschriebene. Eine historische Beantwortung der Frage gibt der Verfasser nicht; er versucht vielmehr, die Kultureigentümlichkeit der im Osten lebenden Juden, ihre große Gelehrsamkeit, die in jiddischer Sprache gepflegte Literatur (besonders die Dichtungen), ihre Neigung zur Kunst hervorzuheben, wenn er auch bemerkt, daß es eine ostjüdische Kunst nicht gebe. (Wir setzen zu diesem Bekenntnis den Aus¬ 5) »Die Juden im Zartum Polen." Ein geschichtlicher Ueberblick von Dr. Josef Meist. A. Marcus & E. Webers Verlag (Dr. Albert Ahn), Bonn, 1916. °) »Juden und Christlichsoziale." Ein Vorschlag von A. Meißner. Wien 1916, Meistrik Verlag. ') „Was sind Ostjuden?" Zur ersten Information von Dr. Nathan Birnbaum. „Flugschriften' zur Aufklärung über ostjüdische Fragen" Nr. 1. Wien 1916, R. Löwit Verlag. ruf hinzu: Gott sei Dank!) Die praktische Frage, was bei der neuen Gestaltung der politischen Verhältnisse aus den Ostjuden werden soll, erörtert der Verfasser nicht, obgleich man bei seiner bekannten Stellung annehmen kann, daß er sich im Traum eines neuen jüdischen Reiches wiegt. Er entläßt vielmehr den Leser mit der Bemerkung: „Wir haben die Ostjuden als eine große geschlossene, von jüdischen Lebensgesetzen bestimmte, in eigenen jüdischen Lebensformen sich realisierende, eigene Kulturgemeinschaft festgestellt und in dieser Wesenheit das Moment erkannt, das sie von der Westjudenheit unterscheidet. Wir haben sie als einen großen jüdischen Kulturblock kennengelernt — vielleicht den größten, den es jemals gab —, von innerer Bewegung erfüllt, reich an Vergangenheit, gegenwartsstark und zukunftsvoll/' Herr S a l a m o n Dembitzer ^), der sich bisher in kleinen hübschen Gedichten versucht hak, unternimmt es, in dem vorliegenden Hefte Aufsätze, Skizzen, Sprichwörter, Novellen zusanunenzustellen, die einen inneren Zusammenhang dadurch haben, daß sie sich alle aus den Osten beziehen. Er selbst hat zu dem ersten Hefte des von ihm geleiteten Unternehmens eine Skizze „Mottele" beigesteuert. Sie behandelt das traurige Schicksal eines kleinen galizischen Kaufmanns, der am Kriege teilnehmen muß, verwundet wird und im Bewußtsein, einen Juden getötet zu haben, in Wahnsinn gerät. Der erste Aufsatz des Heftes von Julius Becker „Die Juden des Ostens" fordert zu reichen Spenden für den Osten auf. Die übrigen versuchen eine Charakteristik der östlichen Juden zu geben. Aus dem Rahmen der übrigen Beiträge fällt der von Doris Wittner einigermaßen heraus, die über die Juden auf der Bühne plaudert, aber dabei ebensoviel vom Westen als vom Osten erzählt. Die novellistischen Beiträge sind lesenswert, die Zeichnung von Struck in seiner bekannten Manier. Wenn man unter den mitgeteilten Sprichwörtern auch das folgende liest: „Ein Pole und ein Jude sind nur gebraten gut", so fragt man sich verwundert, wozu ein solches Sprichwort in einer jüdischen Zeitschrift abgedruckt werden muß. Das Wertvolle der Schrift von G e r m n n o - I u d ä u s 9) besteht in den Proben aus dem Jiddischen, die S. 9 mitgeteilt sind. Was die Frage betrifft, die der Verfasser stellt: ob Deutsch, Polnisch oder Jiddisch die Unterrichtssprache der Ostjuden sein soll, und deren Beantwortung, daß das Jiddische den Vorzug hat, so sind wir durchaus anderer Meinung als der Verfasser. Darüber kann ja gar kein Zweifel sein, daß als Uebergangssprache zunächst das Jiddische gewählt werden muß, da die Schüler einstweilen keine andere Sprache kennen; ebenso überzeugt sind wir, daß eine ausschließliche dauernde Durchführung des Jiddischen nur von dem größten Nebel sein könnte. Denn sie würde den Ausschluß der jüdischen Volksmasse von der übrigen Bevölkerung entweder künstlich erzeugen oder die vorhandene Spaltung beibehalten und vermehren. Wird wirklich Polen zu einem selbständigen Staate, so kann nur Polnisch die Unterrichtssprache werden, mit fakultativer oder obligatorischer Beibehaltung des Deutschen; kommt Polen zu Deutschland oder Oesterreich, so müßte als Unterrichtssprache das Deutsche gewählt werden, wiederum mit der Möglichkeit, nebenbei auch das Polnische als Unterrichtsgegenstand, nicht aber als Unterrichtssprache beizubehalten; denn dann wäre das nichtigste, die neuen Bürger eines deutschen Staates oder eines solchen, in dem Deutsch die Hauptsprache ist, vollständig der deutschen Kultur zuzuführen. Aber in keinem Falle darf das Jiddische als Unterrichtssprache in Betracht kommen, wenn es auch für manche Kreise Literatursprache bleiben kann. Sehr viel Neues bietet die Schrift von Zivier^) nicht. Am wenigsten in dem Abschnitt über Nassentheorie, die er völlig abweist; in dem Abschnitt wird im wesentlichen gegen Chamberlain protestiert und werden hauptsächlich die scharfen Urteile des Genannten über Heine in ihrer Schiefheit dargelegt. Der Abschnitt „Ostjuden" ist wesentlich geschichtlich uud sucht ferner im einzelnen darzutun, daß das Gros der Juden in nationalem Jndifserentismus verblieb und den Gebrauch des Jiddischen beibehielt. Interessant ist eine statistische Notiz, aus der sich ergibt, daß die jüdische Bevölkerung in Warschau *) „Der Osten." Literarisches Sammelheft. Herausgegeben von Salomon Dembitzer. 1. Heft. Berlin, Verlag von Louis Lamm, 1916. v) „Deutsch, Polnisch oder Jiddisch?" Betrachtungen und Urkunden zur Ostjudenfrage von Germano-Judäus. Berlin W57, E. A. Schwetschke & Sohn. 10) Dr. E. Zivier: „Zur Rassen- und Ostjudensrage. Das Problem - Rasse und Judentum — Die Ostjuden — Die Zukunft." Posen 1916, Verlag von Joseph Jolowioz.

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