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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-03 · Heft 44 (3.11.1916) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 44 (3.11.1916)
Date
1916-11-03
Page
Seite 524 (sequence 8)
Language
German
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524 im Verein mit seinem großen Freunde David Kaufmann erneut ins Leben gerufen, sie dann nach Kaufmanns Tode selbständig geleitet, bis sie das Organ der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" und Brann der verantwortliche Redakteur wurde. Den Geist, in dem Brann in der „Monatsschrift" seines Amtes waltet, hat er selbst in dem prägnanten Wort ausgesprochen: Ohne Wissenschaft kein Judentum. Damit hat er zugleich das Charakterische seiner Lebensarbeit bezeichnet. Mit einer reichen Lebenserfahrung ausgestattet, gehört Brann nicht zu jenen weltfremden Gelehrten, die chr Studierzimmer für ihre Welt halten, sondern er behandelt Geschichte und Wissenschaft des Judentums, um auf das religiöse Leben der Gegenwart einzuwirken. Wissenschaft und Leben sind für ihn nicht heterogene Faktoren, die sich feindlich gegenüberstehen, sondern zwei Mächte, die gleichberechtigt aufeinander wirken und sich gegenseitig durchdringen sollen. So ist es uns verständlich, daß Brann sich durchzusetzen wußte. Er steht nicht abseits, wo es gilt, jüdische Gegenwartsfragen zu lösen, er sieht nicht mit geringschätziger Vornehmheit auf praktisch-jüdische Arbeit herab, selbst wenn sich diese in scheinbarer Kleinarbeit äußert. Er sitzt in zahlreichen Vereinen und Organisationen, oft an der Spitze, und trägt an seinem Teile zur Vertiefung des deutschen Judentums bei. Dabei kommt ihm sein allzeit freundliches Wesen, sein Witz und Humor, seine liebenswürdige Bereitwilligkeit, andere mit seinem wissenschaftlichen Rate zu unterstützen, zugute. Damit hat er sich die Sympathie und Anhänglichkeit seiner Schüler und Freunde gewonnen. Er ist eine Persönlichkeit, die den Streit, besonders in religiösen Dingen, haßt, ein ausrichtiger Freund des Friedens, der bei aller Festigkeit in sich selbst seinen Lebens- und Religionsstandpunkt niemandem aufdrängt, sondern gern in echter Toleranz andere Auffassungen gelten läßt. Damit hat er sich den Dank weiter Kreise der deutschen Judenheit erworben, die mit aufrichtiger Freude die äußere Anerkennung begrüßen, welche ihm vor wenigen Jahren durch Beilegung des Professortitels zuteil wurde. Und seine Freunde und Schüler bringen ihm deshalb zu seinem 25jährigen Dozentenjubiläum den Glückwunsch dar, daß es ihm vergönnt sein möge, mit der ihm eigenen Frische noch viele Jahrzehnte im Dienste der jüdischen Wissenschaft und des jüdischen Lebens zu wirken. Schritten über Deutschtum, Judentum, Sttjudentmn. ine Anzahl Schriften, die einen gewissen inneren Zusammenhang miteinander hoben, möge in dieser Uebersicht zusammeugefaßt werden. Daß Hermann Cohens Schrift), von der schon früher die Rede war, im 9. und 10. Tausend erscheinen tonnte, ist ein erfreuliches Zeichen. Die Tatsache wird aber um so erfreulicher dadurch, daß sich der Verfasser nicht damit begnügt hat, die vortreffliche Schrift einfach abzudrucken, sondern daß er ein kritisches Nachwort hinzugefügt hat, das die Antwort auf die Angriffe aus deutschnationalem und zionistischem Lager enthält. Dieses Nachwort gibt eine sehr hübsche Würdigung des Standpunktes des Verfassers und führt besonders seine Ansicht näher aus, die schon bei Beurteilung der ersten Auslage der Schrift hervorgehoben wurde, daß die deutsche Lyrik durch Luthers Übersetzung der Psalmen eine bestimmende Einwirkung erfahren hat. Sie wendet sich sodann gegen den Zionismus und spricht in lebhafter Art speziell gegen den Judenhaß. Die letzte Ausführung mag hier stehen; sie lautet: „Der Judenhaß — ich *) „Deutschtum und Judentum." Mit grundlegenden Betrachtungen über Staat und Internationalismus. Von Prof. Hermann Cohen, Geh. Regierungsrat. 9. und 10. Tausend. Durchgesehen, ergänzt und mit einem kritischen Nachwort als Vorwort. Verlag Alfred Töpelmann in Gießen, 1916. darf das bittere Dort nicht unterdrücken —, er lauert nicht an letztet Stelle in der Anklage unserer Feinde gegen unseren Mangel cm Freiheit und Humanität. Sie selbst sind wahrlich nicht frei von ihm, aber den Splitter im eigenen Auge machen sie zum Balken in dem unsrigen. Die Befangenheit in dieser verjährten Gesinnung erschwert sogar die sonst so hochverdienstliche freie Erforschung des alten Bibelwortes. Sie hemmt die Sympathie/die das Volk Herders für den Urquell der Bibel bewahren soll. Unter dem Affekt dieser Unfreiheit des humanen Gemütes wird jeder Versuch zur Verständigung zwischen Teutschheit und Judentum verkannt und mißdeutet. Darum sei es mein letztes Wort hier: Solange dieser unselige Judenhaß in allen seinen vielfachen Schattierungen besteht, offen oder versteckt besteht, wird es nicht bloß in deutschen Landen, sondern überhaupt keine Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, keine Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit auf Erden geben." Ein junger Mediziner, der dreiviertel Jahr als kriegsfreiwilliger Arzt in einem Lazarette tätig war-), beklagt in ernster und würdiger Weise den literarischen und gesellschaftlichen Antisemitismus, weist daraus hin, daß alle Angriffe durch Uebelwollen entstanden und durch ungerechte Verallgemeinerungen übertrieben wurden, und hebt den Wohltätigkeitssinn und die Menschenliebe, die von den Juden geübt werden, anerkennend hervor und beklagt aufs entschiedenste die Zurücksetzung der Juden. Er sieht weder in der Mischehe noch in den Massentaufen die Heilung des Nebels und glaubt nicht, daß durch solche Vorgänge die ungerechte Behandlung verschwinden würde, sondern Plädiert für ein wahrhafte Gleichstellung, die imstande sei, die Deutschen anderen Sinnes werden zu lassen und Schäden zu bessern, soweit solche bei den Juden wirklich vorhanden sind. Ein Schriftsteller, der sich unter dem Namen P a p h n u t i u sa) verbirgt, erörtert „die Judenfrage nach dem Kriege". Der Verfasser führt aus, daß gegenüber dem früher herrschenden Antisemitismus der Massen nun der Antisemitismus der Gebildeten eingetreten sei, und zwar infolge des Eindringens der Juden in die gelehrten Berufe. Als jüdische Eigentümlichkeiten werden ausgeführt: Schwermütigkeit, starkes Gefühl für Feindschaft, bessere Durchschnittsverstandesbegabung. Jetzt während des Krieges und besonders nach dem Kriege würde das Eindrängen der Juden aus dem Osten als neue Schwierigkeit sich ergeben. Als Heilmittel gegen die Schäden, die daraus erwachsen, erkennt der Verfasser den Zionismus. Freilich bemerkt er, daß sich die Rückkehr aller Juden nach Palästina nicht werde durchführen lassen, aber Mesopotamien müsse durch Verbesserung der Bewässerung, durch Ausbau der Bagdadbahn und durch die Erziehung der Juden zur Landwirtschaft zu einem wirklichen Laude gemacht werden. Einer der Schlußsätze seiner Ausführungen lautet: „So vereinigen sich die verschiedensten Interessen, Idealismus und Realpolitik, Humanität und nationaler Egoismus, Sorge für die nächste Gegenwart und für eine ferne Zukunft zu der Forderung nach einer raschen und tatkräftigen Durchführung der zionistischen Ideen. Dabei aber wollen wir nicht vergessen, daß unser eigenstes Interesse vor allein auf die Ablenkung der jüdischen Auswanderung von unseren Grenzen gerichtet ist, daß uns deshall/mit einer Durchführung der Idee in der Art der bisherigen Bestrebungen und selbst im Sinne der „rechtlich gesicherten Heimstätte" nicht gedient ist, sondern nur durch die Erschließung eines großen aufnahmefähigen Kolonistenlandes." Ich glaube, daß die europäischen Juden, besonders die in Frankreich, England und Deutschland, sich für die Ratschläge des Verfassers bedanken werden; aber man irrt auch sehr, wenn man meint, daß die östlichen Juden, außer denen, die gar keine Existenzmöglichkeit in ihrem Heimatlande sehen, sich beeilen werden, die Vorschläge des Verfassers airzunehmen. Siegbert Feuchtwanger * *) gibt eine gut geschriebene, sehr lesbare Orientierung der vorhandenen Schriften. Unter dem Titel: „Jüdische Chronik" werden Judensrage, jüdische Geschichte, jüdische Wissenschaft, der Jude, jüdische Politik (worin von Antisemitismus, Zionismus in durchaus feindlichem Sinne gesprochen wird), Orthodoxie, -) „Die Juden und die Gebildeten unserer Tage." Von Dr. Julius Simon. Berlin 1916. Druck und Verlag Buchdruckerei Alb. Sayfsaerth (Otto Fleck), Berlin-Schöneberg. *) „Die Judenfrage nach dem Kriege." Von Paphnutius. Erschienen in den „Grenzboten", 74. Jahrgang, Nr. 39. 4) „Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Problem." Von Siegbert Feuchtwanger, Doktor der Staatswissenschasten (München). Berlin, Carl Hehmanns Verlag, 1916. Preis 2 Mark.

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