Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229277--72638-3285092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
völligen Umschwung verbürgen. Gegen Rumänien, das man von allen gegnerischen Seiten bedauert, ohne es tatkräftig zu unterstützen, geht der Siegeszug der deutschen Truppen und ihrer Verbündeten weiter. Die Rumänen gestehen selbst das Mißliche, ja Verzweifelte ihrer Lage ein, und die von ihnen vorgenommene Zerstörung der Donaubrücke bei Cernavoda, eines Riesenwerkes, das 250 Millionen gekostet hat, beweist am besten, wie übel es um diesen Staat steht, der nun hoffentlich ein Opfer seiner Schlauheit, seiner Verräterei und Tücke wird. Krok. Sr. Lrann. Zu seinem 25 jährigen Dozentenjubiläum. Von Rabbiner Dr. Löwen stamm, Pleß (O.-Schl.). m 4. November dieses Jahres kann Professor Dr. Markus Braun auf ein Vierteljahrhundert erfolgreicher Dozententätigkeit am Jüdischtheologischen Seminar zu Breslau zurückblicken. Kaum dreiundvierzig Jahre alt, wurde er als Nachfolger seines Meisters Graetz auf den Lehrstuhl für jüdische Geschichte berufen. Diese Wahl zeugte nicht bloß von einer großen Achtung vor seiner bis dahin geleisteten wissenschaftlichen Arbeit, sondern vor allem von einer starken Hoffnung auf seine Zukunft, die die auf ihn gesetzten Erwartungen durchaus rechtfertigte. Branns berufliche , Tätigkeit bis zum Jahre 1891 bewegte sich in den normalen Geleisen des praktischen Theologen und Pädagogen. Nach Vollendung seiner Studien, die sich neben der Beschäftigung mit Philosophie und Philologie besonders über das weite Gebiet der allgemeinen und der jüdischen Geschichte erstreckten und bei denen er die Unterweisung von Männern wie Caro, Graetz, Grünhagen, Junkmann und Roepell genoß, wurde er 1875 stellvertretender Rabbiner unter Joel an der Neuen Synagoge zu Breslau, ging 1883 als Waisenhausdirektor nach Berlin und 1885 als Rabbiner nach Pleß (O.-Schl.), von wo aus er an das Breslauer Seminar berufen wurde. Allein die praktische rabbinische Arbeit genügte ihm niemals. Von Anfang an lebte in ihm ein starker Drang nach wissenschaftlicher Betätigung. Ein eiserner Fleiß und eine willenskrästige Energie im Verein mit einem glänzenden Gedächtnis unterstützte stets Branns feiner historischer Spürsinn, der ihn mit nüchterner Klarheit oft überraschende geschichtliche Ergebnisse gewinnen läßt. Vor der notwendigen Kleinarbeit nicht zurückschreckend, bewahrt er sich doch einen hellen Blick für die großen historischen Zusammenhänge. Diese geistige Art befähigte Brann, die Lebensarbeit Graetzens sortzusetzen, ohne daß er auf das Recht der Kritik verzichtete, die selbst dem Meister gegenüber in vielen Einzelheiten geboten erschien. So lieferte er in einer stattlichen Zahl größerer oder Prof. Dr. M. Brann in Breslau. kleinerer Beiträge in verschiedenen Zeitschriften wertvolle Aufklärungen über so manche nicht genügend gewürdigte Persönlichkeit oder Periode der jüdischen Geschichte. Knapp ein Jahr nach seiner Berufung auf den Breslauer Lehrstuhl erschien seine rühmlichst bekannte „Geschichte der Juden und ihrer Literatur". Hier zeigte Brann, daß er nicht bloß die jüdische Vergangenheit kannte und den gewaltigen Stoff beherschte, sondern daß er diese Vergangenheit auch für die Gegenwart zu beleben wußte. Das Buch leistet in mustergültiger Weise, was es nach dem Wunsche des Autors leisten sollte: es ist ein Lesebuch und ein Schulbuch. „Aus der erdrückenden Fülle des Materials", so sagt Brann im Vorwort, „sind diejenigen Ereignisse, Persönlichkeiten und Literaturerzeugnisse ausgewählt und behandelt worden, deren unmittelbarer Einfluß auf die Gestaltung des religiösen Lebens der Gegenwart fortdauert." Dies ist die eine charakteristische Seite des Werkes, und die andere ist der überall zwanglos hergestellte Zusammenhang der jüdischen Geschichte mit der allgemeinen Weltgeschichte. Nimmt man hinzu) die Anschaulichkeit und Wärme, mit der der ganze Stoff vorgetragen wird, so erkennt man bald, daß man es mit einem im besten Sinne gemeinverständlichen Buche zu tun hat. Aus diesem Werke hat dann Brann ein vier Hefte umfassendes „Lehrbuch der jüdischen Geschichte" geschaffen, das in zahlreichen höheren Lehranstalten Oesterreichsunter ministerieller Genehmigung eingeführt ist. Dann wandte sich Brann der Geschichte der Juden in Schlesien zu, die er in kurzen Zwischenräumen als Beilagen zu den „Jahresberichten des Seminars" erscheinen läßt. Eine besondere Vorliebe aber zeigt der Jubilar für die Geschichte der Juden in Oberschlesien, die er in zahlreichen Aufsätzen behandelt hat. Dann kam das Jahr 1904 und brachte dem Seminar die 50. Wiederkehr des Tages seiner Begründung. Zu diesem Seminarjubiläum lieferte Brann als Festschrift die Geschichte der Anstalt. In lebendiger Klarheit läßt er in dieser Schrift die Gestalten der ehemaligen Kuratoren der Fraenckelschen Stiftungen, vor allem aber die geistigen Größen eines Frankel, Graetz, Rosin, Zuckermann, Joel vor unserem Auge erstehen. Es ist im Rahmen dieses Festartikels nicht möglich, noch anderer.wichtiger Veröffentlichungen Branns zu gedenken. Eins aber darf nicht unerwähnt bleiben: die „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums". Diese 1851 von Zacharias Frankel begründete, von Graetz sortgeführte Zeitschrift, die für die wissenschaftliche Erforschung des Judentums dieselbe bedeutsame Tragweite besitzt, wie dies bei der von Ludwig Philippson begründeten „Allgemeinen Zeitung des Judentums" bezüglich der Emanzipation und Selbstemanzipation der deutschen Judenheit der Fall ist, hat Brann