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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-03 · Heft 44 (3.11.1916) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 44 (3.11.1916)
Date
1916-11-03
Page
Seite 521 (sequence 5)
Language
German
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Einen Einfluß auf die Juden zu gewinnen, ist nicht ganz leicht gewesen, denn englische Agenten und die der englischen Politik zugängliche Presse machen mit größtem Nachdruck den folgenden Standpunkt geltend: England und Frankreich finb die Länder der Freiheit, und wenn diese Länder siegen, so werden sie die Möglichkeit haben, auch in Rußland die bürgerliche Freiheit der Juden durchzusetzen. Die Behauptung ist gewiß grundfalsch, denn ein siegreiches Rußland wird nicht geneigt sein, sich die Bahn für seine innere Politik vorzeichnen zu lassen. Ein Sieg befestigt die herrschende Politik in Rußland. Er 'erschüttert sie ganz gewiß nichts und wenn. das reaktionäre Rußland siegreich ist, so wird auf absehbare Zeit die Knechtung der gesamten russischen Bevölkerung ohne Ausnahme bestehen bleiben. Immer haben, so falsch auch die Folgerungen der Englandsreunde sein mögen, solche Ausführungen einen gewissen Eindruck gemacht, und es hat Arbeit gekostet, diese Sophistereien einigermaßen unwirksam zu machen. Nun nach dem Beschlüsse der Mehrheit der Budgetkommission sehe ich nach echtamerikanischer Gepflogenheit schon in den proongli'schen Zeitungen New Jorks zollgroße Ueberschrifteu etwa folgenden Inhalts: Sieg der Antisemiten im Deutschen Reichstag, oder: Der Deutsche Reichstag skalpiert die Inden. Daß diese Ueberschristen zutreffend und gMhmackvoll find, will ich nicht behaupten, aber wirkungsvoll sind sie für die Leser drüben, und man soll nicht vergessen, daß es in New Jork allein über 2 Millionen Inden gibt. Politisch urteilsfähig sind sie gewiß heute noch nicht alle, aber politisch mitzureden haben sie alle, und ihre Stimmen fallen bei der bevorstehenden Präsidentenwahl ins Gewicht. Wenn sie im Deutschen Reichstage starke antisemitische Tendenzen zu erkennen glauben, dann werden sie sich nicht gerade für verpflichtet halten, ben englischen Lockungen die Ohren zu verschließen. Der deutsche Botschafter in Washington würde gewiß geneigt sein, ein Privatissimum über die vorliegende Frage denen zu halten, die mehr darüber zu wissen wünschen. Es ist zu wünschen und zu hoffen, daß der Beschluß des Ausschusses nicht ausgeführt wird, ja, daß er das Plenum des Reichstages überhaupt nicht beschäftigt. In dieser Beziehung schreibt das „Berliner Tageblatt": Die bekannte „parlamentarische Seite" der freikonservativen „Post", also der Abgeordnete Freiherr v. Zedlitz, hatte sich bereits gestern dahin ausgesprochen, daß der Reichstag wohl am besten täte, den Zentrumsantrag über die konfessionelle Statistik fallen zu lassen. Er schrieb: „Der von dem Haushaltsausschusse des Reichstages angenommene Zentrumsantrag, wonach auch das Religionsbekenntnis der von den Kriegsgesellschaften Angestellten ermittelt werden soll, scheint nach den Aeußerungen der Zentrnmspresse mit dazu bestimmt zu sein, sestzustellen, ob auch Katholiken in einer ihrem Anteil an der Bevölkerung entsprechenden Zahl in jenen Kriegsgesellschasten angestellt sind. Falls dies, wie beinahe anzuu eh men ist, nicht der Fall sein sollte, wird man darüber wieder die üblichen Paritätsbeschwerden zu gewärtigen haben. Z u solchen Querelen ist die Zeit aber wirklich nicht angetan. Weiter hat jener Antrag in den Kreisen der Judenschaft überaus starke Erregung hervorgerufen. Man sieht ihn dort als Ausfluß von antisemitischen Tendenzen und gegenüber der von den Juden in diesem Kriege überall betätigten vaterländischen Gesinnung geradezu als eine Beleidigung an. Es mag dahingestellt sein, ob diese Auffassung zutrifft, jedenfalls besteht sie und ist nur zu geeignet, in einer Zeit, in der wir alle Kräfte unseres Volkes zum Durchhalten zusammenfassen müssen, Zank und Streit und Verwirrung h ervor zu rufen. Auch unter diesem Gesichtspunkte erscheint es daher der Erwägung sehr wert, ob der Reichstag nicht besser täte, von der Forderung zur Ermittelung des Bekenntnisses der Angestellten der Kriegsgesellschaften ganz abzusehen." .Sollte nun aber doch eine Zählung beschlossen werden, so müßte, wie uns ein Freund unseres Blattes schreibt, der selbst Mitarbeiter einer Kriegsgesellschast ist, eine solche Zählung nach folgenden Gesichtspunkten erfolgen: „1. Wieviel Angestellte, gleichgültig, ob Juden oder Christen, sind kriegsverwendungssähig? Aus welchem Grunde erfolgte ihre Reklamation unter genauer Angabe der Dringlichkeit, aus der heraus der Reklamierte auf seinem Posten zu verbleiben hat. 2. Wieviel als garnison- und arbeitsverwendungsfähig Ausgemusterte sind vorhanden, die auf Grund der Bestimmungen der Militärbehörden und mit deren Wissen und Billigung den halbstaatlichen Gesellschaften zur Arbeitsleistung überlassen worden find? 3. Wie viele sind als dienstunbrauchbar ausgemustert und kommen daher — gleichgültig, ob Juden oder Christen — für den Heeresdienst überhaupt nicht in Frage? 4. Wieviel der Angestellten sind über 45 Jahre alt und stehen deshalb außerhalb jedes Militärverhältnisses? 5. Wieviel haben bereits während des Krieges Heeresdienst getan und sind als Kriegsbeschädigte oder aus gesundheitlicher Schädigung heraus als unbrauchbar entlassen worden? Nur wenn die statistische Aufnahme in dieser Form erfolgt, kann ein genauer Ueberblick gewonnen und der Verordnung noch nachträglich ein erheblicher Teil ihrer Schärfe genommen werden. Nur durch eine derartige Feststellung, daß niemand in den 'Kriegsgesellschaften der Militärbehörde ohne deren Wissen entzogen worden ist, wird das strafwürdige Geschwätz von Drückebergerei verstummen. Die Juden aber werden die ersten sein, die dann jene Nachprüfung begrüßen, schon deshalb, damit die zu Tausenden im Felde kämpfenden und zu Tausenden im Heldentod verblutenden Juden nicht durch eine üble Nachrede an den hinter der Front tätigen Glaubensgenossen um die Früchte ihrer Aufopferung für den Staat betrogen werden. Wenn aber sämtliche Angestellte der Kriegsgesellschasten derart unter die Lupe genommen worden sind und sich, wie zu erwarten, die Beschuldigungen als haltlos erwiesen haben, dann müssen ein für allemal diejenigen, die durch militärärztlichen Befund als nicht geeignet erachtet worden sind, die Landesgrenzen zu schützen, die aber auf Grund ihrer kaufmännischen Kenntnisse für befähigt gelten, an der Heeresausrüstung und Volksernährung mitzuwirken, davor geschützt werden, daß ihnen ihre körperliche Gebrechen als Simulation und ihre Tätigkeit in jenen Betrieben als Drückebergerei ausgelegt werde. — Dann muß auch endlich dem Unwesen der Denunziation bei den Ersatzbehörden gesteuert und antisemitische Maueranschläge als Unfug gröbster Art exemplarisch bestraft werden." Auch wir hegen den Wunsch und die Hoffnung, daß die ganze Angelegenheit nicht im Reichstag besprochen wird, nicht etwa aus Furcht, sondern einerseits aus Achtung vor dem Rechte jedes einzelnen, wegen seiner Konfession nicht beleidigt zu werden, andererseits aus der Erwägung, daß eine derartige Untersuchung die Ehre und Würde des Deutschen Reiches bei den Neutralen und im feindlichen Auslande aufs schlimmste zu schädigen geeignet ist. Beginnt man aber zu zählen, dann zähle man auch die Tausende von opferfreudigen, kriegstüchtigen, für ihr Vaterland blutenden und gestorbenen Juden. Die Herren Antisemiten würden dann sehen, wie wenig ihre Rechnung stimmt. Wie aber ein gewiegter Politiker, wie Herr Stresemann, in diesem Anträge seiner Partei keine antisemitische Tendenz erblicken will, gehört zu den Unbegreiflichkeiten, über die man erstaunen muß. * Eine andere Angelegenheit, die gleichfalls viel besprochen wurde, ist die Ermordung des österreichischen Ministers Grafen Stürgkh durch den Wiener Sozialdemokraten Adler. (Bei der Gelegenheit wurde offenbar, daß der Minister mit einer geborenen Jüdin heimlich verwählt war.) Da der Mörder, der feine Tat entweder in geistiger Ueberreizung oder aus Parteifanatismus verübt hat, ein Jude ist oder von Juden i

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