Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- Seite 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Daß ein solcher Antrag überhaupt gestellt und mit Mehrheit angenommen wurde, angenommen unter aktiver Beteiligung einer „liberalen" Partei, das ist ein schmerzlicher Beweis dafür, wie weit wir uns von den Augusttagen des Jahres 1914 schon wieder entfernt haben! Während die konservativen und die Zentrumszeitungen, letztere nur teilweise, den Antrag froh begrüßen, stimmen die liberalen und sozialdemokratischen in seiner Beurteilung überein. Mit besonderer Entschiedenheit schreibt das „Berliner Tageblatt": Die „Deutsche Tageszeitung" wendet sich, wie es selbstverständlich ist, gegen den Abgeordneten S ch e i d e m a n n, der den Beschluß des Haushaltsausschusses, die Konfession der in den Kriegsgesellschaften beschäftigten Personen festzustellen, bekämpft hat. Das antisemitisch-alldeutsch-konservative Blatt tut, als wundere es sich darüber, daß wir den Beschluß „auffällig" -genannt haben. Es meint, wir würden also offenbar „eine amtliche K l a r stell u n g dieser AGelegenheit in der Öffentlichkeit nicht gern sehen". Ersichtlich falle uns diese Statistik „auf die Nerven". Die „Deutsche Tageszeitung" irrt sich, wir sind durchaus für öffentliche Klarstellung — aberdann für eine Klarstellung. die nicht einseitig bleibt. Wenn man genau und einwandfrei — möglichst genau und einwandfrei — konstatieren will, welche Opfer die verschiedenen Kreise des deutschen Volkes in diesem schweren Kriege gebracht haben und bringen, so mag man das tun. Aber es darf nicht bei einer einzelnen Liste bleiben — es muß dann dafür gesorgt werden, daß andere Listen Nachfolgen! Mindestens so interessant wie eine konfessionelle Statistik wäre doch zum Beispiel eine Ermittelung darüber, welche von den Persönlichkeiten, die mit der Feder oder mit dem Wort so gewaltig die ganze Welt herausfordern — und herausforderten , aus dem Schlachtfelde mit ihrem Blute gezahlt haben oder sich im Schützengraben befinden. Wir glauben nicht, daß solche Erörterungen dem allgemeinen Interesse dienlich wären. Aber wenn man einmal anfängt, wird man darauf gefaßt sein müssen, daß der „statistische" Wissensdrang weiter und immer weiter forscht. Das „Berliner Tageblatt" erinnert bei dieser Gelegenheit sehr zeitgemäß an ein Wort Bismarcks über die Konfessionsschnüffelei in folgender Auseinandersetzung: Es ist nicht ohne Interesse, die Frage zu beantworten, wie sich Bismarck zu dem konfessionellen Antrag des Zentrums im Reichshaushaltsausschuß verhalten hätte. Am 30. Januar 1874 erklärte er im Abgeordnetenhause: „Ich komme auf die Vorwürfe gegen die' Regierung . . . nämlich, daß in den Ai i n i st e r i e n unter den M i n i st e r i a l r ä t e n u n d i n de n s o n st i g e n R e g i e r u n g s f u n k t i o n e n die Katholiken nicht in hinreichendem Maße nach der Zahl ihrer Bevölkerung vertreten sind. Ich lehne jede Verpflichtung einer konfessionellen Volkszählung von der Regierung ab. Sollte es wahr sein, was der Herr Vorredner andeutete— und es stehen dem in seiner Rede nicht so viele andere von mir geglaubte Tatsachen zur Seite, daß ich es, weil es gesagt ist, für wahr annehmen möchte daß von irgendeiner Seite eine Zählung nach dieser Richtung hin vorgenoinmen wird, so kann ich nur ansühren, daß dies ohne Wissen und Willen der Staatsregierung, als deren vornehmsten Vertreter ich mich ansehe, geschehen ist. Es kann sein, daß das „Statistische Bureau" seinerseits eine Zählung auch nach dieser Richtung hin veranlaßt hat, ich kann aber nur sagen, das Statistische Bureau veranlaßt viele Z ä h l u n gen, die i ch u i ch t veranstalte n w ü rde u n d d e r e n Tendenzen ich vollst ä n d i g fremd bin... Ich huldige vom Hause aus denr Grundsätze, daß jede Konfession 'bei uns die volle Freiheit ihrer Bewegung, die volle Glaubensfreiheit haben muß. I ch h a b e d a r a u s b i s h e r n o ch nicht di c K o n - s e q u e n z e n gezogen, daß jede Konfession gezählt w e r d e n und daß jede eine ihrer Vo l k s z ah l ziffernmäßig e n t f p r e ch e n d e B e t e i l i g n n g an d e r Beamtenschaft haben müsse ... Wo soll das aushören? Bei dem Ministerium fängt es an; die Oberpräsidenten müssen also auch — ich weiß uicht, wie das Verhältnis ist, ich glaube nach denr Verhältnis wie 4 zu 7; ich will es auch nicht wissen — gezählt werden: die Beamten in allen Regierungsbehörden natürlich auch . . . Sobald wir den Staat in konfessionelle Stücke schneiden, an welchen jede Konfession ihren verhältnismäßigen Anteil haben muß, so kommt auch noch die ganz beträchtliche Anzahl der j ü d i s ch e n B e v ö l k e - r u n g in Betracht, deren Mehrzahl sich ja durch besondere Befähigung und Intelligenz für Staatsgeschäfte auszeichnet." ... In einer Zuschrift aus Bayern werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß der Zentrumsantrag in Bayern entstanden ist, wo die antisemitische Strömung in den bäuerlichen und Partikular ist ischen Kreisen ständig wachse. Das „Bayerische Vaterland" und andere „katholische" ProvinMätter hegten und pflegten den Antisemitismus auch unterm Burgfrieden. Besonders wichtig ist bei dieser Angelegenheit der Hinweis auf das Allgemeine Landrecht. Der „Vorwärts" untersucht den Beschluß des Reichshaushaltsausschusses, eine Statistik Wer die Konfession der in den Kriegsgesellschaften beschäftigten Personen vorzunehmen, auf seine rechtliche Grundlage hin. „Hat", fragt das Blatt, „denn der Staat ein R e ch t. nach der Religion zu forschen?" .„Für Preußen antwortet das nach dieser Richtung noch gültige „Allgemeine Landrecht für die preußischen Staaten" klipp und klar mit: Nein. §.'4 und 5 II. 11 des Allgemeinen Landrechts lauten: Z 4. Niemand soll wegen seiner Religionsmeinung beunruhigt, zur Rechenschaft gezogen, verspottet oder lgar verfolgt werden. 8 6. Auch der Staat kann von einem einzelnen Untertan die Angabe: zu welcher Religionspartei sich derselbe bekenne, nur als dann fordern, wenn die Kraft und Gültigkeit gewisser bürgerlicher Handlungen davon abhängt. 8 6 fährt dann fort: Aber selbst in diesem Falle können mit dem Geständnis abweichen der Meinungen nur diejenigen nachteiligen Folgen für den Gestehen den verbunden werden, welche ans seiner dadurch vermöge der Gesetze begründeten Unfähigkeit zu gewissen bürgerlichen Hand luugen oder Rechten von selbst fließen." „Ueber jeden Zweifel erhaben ist demnach," schreibt -der „Vorwärts", „das Aecht des einzelnen, die Antwort a us d ie Frag e nach seiner Religion a b z u l e h n e n. Die Antragsteller müssen schon über den Resolutionsweg hinaus einen Gesetzentw it r f beantragen, der ihren Wunsch als authentische Interpretation für den Reichskanzlersatz „dem Tüchtigen freie Bahn" in Reichsgesetz form gießt." Eine andere Seite derselben Frage, die traurige Wirkung der Ausführung der Zählung auf das Ausland, wird im „Vorwärts" von einem Deutsch-Amerikaner, -der nicht der sozialdemokratischen Partei angehört, untersucht und in folgender kräftigen Weise dargelegt: Den Protest des 'Herrn Abgeordneten Scheidemaun in der Smim abendnummer des „Vorwärts" habe ich mit großem Interesse gelesen. Da der Verfasser die Angelegenheit nur vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus und in Rücksicht auf die innere Entwicklung Deutschlands betrachtet, gestatten Sie wohl einem Bürger der Ver einigten Staaten, der deutscher Abstammung ist und der sein Deutschtum freilich ohne Chauvinismus — stets in Ehren gehalten hat. die Angelegenheit auch unter internationalem Gesichtspunkt mit ein paar Worten zu beleuchten. Wer jahrzehntelang sich in der Welt um gesehen hat, und zwar nicht nur in den Vereinigten Staaten, der wußte auch vor Ausbruch des Krieges, daß Deutschland bei fremden Völkern nicht beliebt ist. Zweifellos verdankt der Deutsche diese seine Stellung unter den Nationen nicht nur seinen Fehlern, sondern auch seinen Vorzügen. Aber es wäre ganz falsch, anzunehmen, daß nur Neid und Mißgunst beit Deutschen zu einer Karikatur entstellt haben Dieses Kapitel abzuhandeln, wäre weitläufig. Ich möchte in diesem Augenblick nur darauf Hinweisen, daß der deutsche Antisemitismus nicht allein jeden modernen Menschen in hohem Grade abstoßen muß. sondern daß sein Hervorkehren in diesem Augenblick zugleich eine politische Dummheit ist. Wir Deutsche in den Vereinigten Staaten haben uns redlich Mühe gegeben, alle jene Kräfte mobil zu machen, die geeignet sind, eine gerechte und unparteiische Neutralität der Vereinigten Staaten herbeizusühren. Der Stand der Deutschen drüben ist, tok man hier weiß, kein leichter. Wir stehen mit den Iren zu sammeu, die erklärlicherweise von der Betätigung englischer Welt öeglückung uicht entzückt sind. Wir suchen auch an einem Strang zn ziehen mit den Juden, die ans Rußland stammen und die die Entente nicht lieben können, zu der jenes Reich gehört, das ans die nieder-