Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
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519 größeren Ganzen ferngeblieben zu sein. Denn das große Ganze in seiner festen Vereinigung gibt auch jedem Teile Kraft. Der Tech der sich einschränkt, gibt daher nicht seinerseits nur etwas auf, sondern erhält die Gegenleistung auf anderem Wege. Der Zustand wäre aber ein völlig unerträglicher, daß in Angelegenheiten der allgemeinen Gesetzgebung oder Verwaltung beliebige einzelne Gemeindoangestellte, und wären es selbst Rabbiner, unabhängig voneinander und unabhängig auch von den Gemeinden, in denen und für welche sie arbeiten, Anträge an die staatlichen Behörden stellen. Geschieht dies, so kann nicht ausbleiben, daß die Anträge der mehreren Antragsteller einander widersprechen, und es kann auch Vorkommen, daß Gemeinden oder Lehrer sich genötigt sehen, gegen die von den Rabbinern gestellten Anträge Widerspruch zu erheben und hierdurch den inneren Streit vor die staatlichen Behörden zu bringen. Gerade zur Abstellung dieses früher/bestehenden Mißbrauches ist der Verband der Deutschen Juden gegründet worden. Will man auf diesem Gebiet in die früheren Zustände wieder zurückfallen? Ebenso unerträglich aber wäre es auch, wenn der, Rabbinerverbattd als Ganzes dauernd selbständige Anträge bei staatlichen Behörden stellen würde, ohne daß vorher ein Versuch gemacht wäre, eine Ausgleichung mit etwa widerstreitenden Interessen der Gemeinden oder Lehrer herbeizuführen. Auch dies würde zur Stellung widersprechender Anträge bei staatlichen Behörden führen. Und was wäre die Folge? Der einzelne Stand wird doch nicht glauben, daß, wenn den von ihm bei den staatlichen Behörden gestellten Anträgen die Gemeindeverbände widersprechen, die staatlichen Behörden in diesem inneren Streit Partei ergreifen und den bisherigen Zustand zugunsten «des einzelnen Standes ändern würden. Die ssolge eines solchen undisziplinierten Vorgehens würde daher nur sein, daß zwar viel Streit, Aerger und Arbeit entstehen, daß aber schließlich im wesentlichen alles beim alten bleiben und ein Fortschritt nirgends erzielt würde. Hinzu kommt, daß der Rabbinerverband bisher sich auch nicht einmal fähig gezeigt hat, innerhalb seiner eigenen Reihen genügend Disziplin zu halten. So hat zum Beispiel in der Jrage der Heeresseelsorge, welche den Anlaß zu den jetzigen Meinungsverschiedenheiten gegeben hat. der Rabbinerverband nach eingehenden Verhandlungen dem Vorgehen des Verbandes zugestimmt. Trotzdem hat er nicht verhindert, daß ein hervorragendes Mitglied des Rabbinerverbandes, Herr Tr. Jacob (Dortmund), gleichzeitig einen Antrag bei dem Kriegsministerium stellte zu dem Zweck, das ihm bekannte Vorgehen des Verbandes zu durchkreuzen. Wir faffen kurz zusammen: Die Form des Vorgehens der Rabbiner gegen den Verband der Deutschen Juden erscheint uns unzulässig. Der von einem großen Teil der Rabbiner gemachte Versuch, die Beziehungen des Rabbinerverbandes zum Verband der Deutschen Juden zu lösen, ist nach unserer Ansicht verhängnisvoll für die allgemeinen Interessen der deutschen Inden, nicht minder verhängnisvoll aber für die eigenen Standesinteressen der Herren Rabbiner. In ihrem eigenen Interesse möchten wir sie eindrinqlichst warnen, au fdem ei n g e schlagen en Wege fortzuschreiten. Wir geben die Hoffnung nicht auf, daß nach Beruhigung der Gemüter sie selbst den Weg finden werden, um nicht nur widerwillig — womit nichts gewonnen wäre —, sondern mit dem vollen Willen des Zusammenhaltens und der kraftvollen Unterstützung des Verbandes der Deutschen Juden ihre Arbeiten in diesem Verbände wieder aufzunehmen. Concordia parvae res <• rescunt, di sc, ordia maximae dilabuntur! Die Redaktion. Sie Woche. Berlin, den 31. Oktober 1916. ie leidige Angelegenheit, von der wir die Leser in der vorigen Woche unterhielten, die Zählung der in d^nKriegsgesellschaften Tätigen nach ihrer Konfession, ist unendlich viel besprochen worden. Zunächst suchte der Abgeordnete Stresemann seine Abstimmung zu rechtfertigen, indem er schrieb: Die Angriffe gegen die angeblich einseitige Zusammensetzung der Kriegsgesellschaften werden seit Monaten allgemein erhoben und bergen die Gefahr einer Wiederauslebung des Antisemitismus in sich. Wer einer offenen Klarstellung der Verhältnisse, wenn auch aus grundsätzlichen Erwägungen, widerstrebt, erweckt den Anschein, als ob es etwas zu vertuschen gäbe. Meinen Freunden und mir erschien eine offene Klarstellung als das beste Mittel, um den überall umlaufenden Gerüchten den Boden zu entziehen. Wessen Taktik die richtige ist, wird die Zukunft erweisen. Die „Frankfurter Zeitung", die diese Erklärung brachte, bemerkt dazu mit Recht folgendes: Der Herr Abgeordnete Stresemann befürchtet also aus den, wie er behauptet, allgemeinen Angriffen gegen die Kriegsgesellschaften ein Wiederaufleben des Antisemitismus. Um das zu verhüten, machte er mit den Antragstellern gemeinsame Sache, um die Kriegsgesellschaften nach konfessionellen Gesichtspunkten zu durchschnüffeln. Das ist wohl die größte Inkonsequenz, die von einer liberalen Partei begangen werden kann, es ist eine unwürdige Konzession an dunkle Instinkte. Was hat die Konfession mit dem Krieg zu tun? Die erhebendste Erscheinung dieses Krieges war ja eben der Wegfall aller Schranken. Protestanten und Katholiken, Juden und Dissidenten — sie eilten in derselben Begeisterung freiwillig zur Fahne, sie liegen unter den gleichen Entbehrungen im Schützengraben, sie verrichten in gleicher Weise Heldentaten und in den Gräbern im Osten, wie im Westen schlummern die Söhne jüdischer Mütter neben jenen der christlichen. Und die jüdischen Mütter empfinden darüber nicht anders wie die christlichen. Aber Herr Stresemann hält es für notwendig, in den Kriegsgesellschaften festzustellen, ob dort Parität gewahrt wird und ob nicht etwa der Prozentsatz der Juden im Verhältnis größer ist wie jener der Christen. Wenn es nun wirklich so wäre, was will er daraus folgern? Kommt es etwa daraus an, welche Religion ein Mann an einem bestimmten Platz bekennt? Oder kommt es nicht vielmehr darauf an, was er leistet? Es wäre gar nicht erstaunlich, wenn in einzelnen Kriegsgesellschaften die „Parität" nicht gewahrt wäre, da es sich dabei um Tätigkeiten handelt, in denen auch im Frieden die Parität nicht vorhanden ist. Eine gewiß nicht unbeträchtliche Zahl von Juden hat sich bei Ausbruch des Krieges freiwillig gemeldet, sie hat selbstlos in zum Teil hervorragend wichtigen Stellungen dem gemeinsamen Vaterland hervorragende Dienste geleistet, wofür Beispiele sich leicht anführen lassen. Aber die nationalliberale Partei hält es mit den Herren von rechts jetzt für wichtig, statistisch zu erfassen, ob nicht etwa der Prozentsatz dieser Meldungen unberechtigt hoch ist, und er glaubt, als liberaler Mann damit den neu aufkeimenden Antisemitismus bekämpfen zu können. Er ahnt offenbar nicht, wie viel konfessioneller Hader in seiner abwegigen Logik bereits eingeschlossen ist! Die Freunde der beantragten Statistik werden nun allerdings einwenden, es handle sich ja gar nicht um jene führenden Männer der Industrie und des Handels, sondern um das Personal der Kriegsgesellschasten, unter dem man gewisse Drückeberger vermute. Solche Gedankengänge scheinen uns weniger deutsch als französisch zu sein. Bisher besteht in Deutschland das Vertrauen in die Heeresverwaltung, daß sie sich bei ihren Zurückstellungen von rein objektiven Gesichtspunkten leiten lasse. Für sie muß der konfessionelle Standpunkt ausscheiden. Wir stimmen Scheidemann vollständig zu, wenn er verlangt, daß etwaige „Drückeberger" an die Front geschickt werden. Und hier fehlt es keineswegs an strenger Kontrolle. Die Heeresverwaltung hat aber auch abzuwägen, welches Interesse das vordringliche ist — sie kann wichtige Unternehmungen unmöglich ohne das geeignete Personal belassen, da hier der Schaden für die Allgemeinheit leicht größer sein würde, als eine befriedigende Konsessionsstatistik wert ist.