Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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folgte dein Leichenwagen. Auf dem Friedhofe sprachen ein Vertreter unserer Gemeindeverwaltung, ein Verwandter im Namen der Familie, Rabbiner Dr. Samuel (Essen) als Vertreter des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland und im Namen der Loge herzliche und ergreifende Dankes- und Abfchiedsworte. Ein guter edler Mensch ist dahingegangen, dessen Leben und dessen Leichenfeier einen ttfiTp im besten Sinne des Wortes bildeten. Sein Andenken bleibt gesegnet. — Hannover, 18. Oktober. Ter „Köln. Ztg." zufolge -enthält das brasilianische Blatt „Diario de Porto Alegre" vom 29. März folgende Mitteilung: Die Herren S e l i g m a n n u. Co. in Manaos, die Inhaber des größten Ausfuhrhauses im Gebiete des Amazonenstromes, erklären in den Zeitungen: „Nachdem die englische Regierung eine amtliche Liste von 66 in Brasilien begründeten Firmen veröffentlicht hat, mit denen englische Geschäftshäuser keinen Handel treiben dürfen, unb da sich unser Name in dieser Liste nicht befindet, stellen wir, um jeglichen Zweifel oder Irrtum an unserer Loyalität als deutsche Untertanen zu beseitigen, hiermit öffentlich fest, daß wir keinerlei Geschäftsverbindung mit englischen Firmen oder der englischen Negierung unterhalten, daß wir uns mithin in jeder Hinsicht als in die erwähnte Liste freiwillig eingeschlossen betrachten!" Dazu bemerkt die „Köln. Ztg.": Man wird dem wackeren deutschen Hause Seligmann u. Co. zu seiner mutigen Erklärung nur uneingeschränkte Anerkennung zollen können. Vielleicht aber hat es auch geschäftlich richtig gehandelt. Bei der von keinem Sachkenner bezweifelten Ueberlegenheit des deutschen- Auslandskaufmanns über den englischen dürfte die englische Schwarze Liste auf die Dauer für die deutschen Handelsbeziehungen eine ähnlich wirksame Empfehlung werden, wie es für die deutsche Industrie das vielberufene Made in Germany geworden ist. (Wir können hinzufügen, daß der Inhaber der Firma geborener Stadthannoveraner ist. Sein Vater war der verstorbene Bankier A. Seligmann, sein Großvater der gleichfalls verstorbene Landrabbiner Dr. Meyer.) J. A. Nürnberg, 18. Oktober. Das E i s e r n e K r e u z erster K l a s f e e r h i e l t : Stabsarzt Dr. Ludwig K a u m h e i nt e r in München. Das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhielt: Josef Bernert, Sohn des Kaufmanns Emil Bernert in Nürnberg. - Den bah r. Nt i l i t ä r v e r d i e n stord e n 4. K l a s s e erhielt: Artillerie-Leutnant d. N. Dr. Leo St ah l, Rechtsanwalt in Fürth.- Das M i l i t ü r v e r d i e n st k r e u z 2. K l a s s e e r h i e l te n : ^anitätsvizefeldwebel eanck. meä. Ludwig Ullmann aus Nürnberg: siritz Hirschberg, Kanonier bei einer Gebirgsbatterie, Sohn der Uralt Mina Hirschberg in Nürnberg: Max H e u rn a n u, Infanterist tm 6. Reserve-Jnf.-Reg. aus Fürth. — Die t ü r k t s ch e Halb m o n dm edaille in Silber für besondere Verdienste im Interesse des Roten Halbmonds wurde verliehen: Sanitätsrat Dr. Albert Reißen stein in Nürnberg. Geheimem Kommissionsrat Engen F r a n k s u r t e r in Nürnberg. Kontmerzienrat Heinrich M o r g e n - ltern, Fabrikbesitzer in Fürth: Geheimem Hofrat Alfred R a t h a n in Fürth. Kammersänger Iadlowker in Berlin. — Zu Leutnants der Reserve wurden befördert in Nürnberg die V i ze fe ld w eb e l: Walter Frend e nthal, Fritz Gucke n h cintcr, Otto Seckendorf, Dr. Leo Land e n b e r g e r , Dr. Arthur A a l, Simon O t t e n st ein, Lerchenthal, Siegfried Ehren b e r g e r, Kurt Königsb e r g er. Gksterreich-Angsrn. z. Budapest, 18. Oktober. Int vergangenen Juni erließ die ungarische Regierung eine Bestimmung, wonach in all deit Städten, die zwei Markttage in der Woche hatten, von denen der eine ans dett Samstag fiel, von nun ab nur einen Markttag abhalten sollen, so daß der Samstag-Markt während der Kriegszeit aufgehoben wird. Gegen diese Bestimmung Protestierten einige Gemeinden, die angeblich ans ökon-omischen und Verkehrstechnischelt Gründen gerade die Beibehaltung des Samstag-Marktes wünschen müßten. Es ist erfreulich, daß mehrere der Regierung nahestehende große Zeitungen gegen diese Wünsche der Gemeinden Stellung nehmen. Sie weisen daraus hiit, daß den Stabten die Wahl des Markttages ganz gleichgültig sei, währeltd sie für die Juden geradezu eitte Lebensfrage «ist. Der Markt am Sabbat störe das religiöse Leben, bringe den Juden eminenten wirtschaftlichen Schaden unb beeilt trächtige zudem den Marktverkehr in einer Weise, daß keinem damit gedient sei. Das Miniskerium wird aufaefordert, ans seiner berechtigten Maßnahme ztl verharren. — Vor den Feiertagen fand tut „Cafe New Uork" eilte seltsame Kunstdarbietung statt. Es gab einen jüdischen Literaturabend, dessen ganzes Programm von beut Warschauer Schauspieler S. Lewh bestritten wurde, während Salotnon Händler über jiddische Literatur sprach. L. ist Mitglied des Kantiuski-Theaters und als eilt Künstler der jiddischen Buhlte in Polen, London unb tu Atnerika bekannt. Nach einer kurzen Einführung, die Dr. Moses Richtmauu besorgt, erscheint der Künstler. Das Exterieur erinnert an Josef Kainz. Erst jedes Wort in hohem Ernst betonend, dann in schluchzettdeln Weinen, in überströtnendetn Weh spricht er das erschütternde Gedicht, mit dent der hebräische Dichter Biälik das Bahrtrtch des Glaubens über die Leichen von Kischinew legte. Die düstere Größe Lermontows, zu biblischem Pathos erhoben, dröhnt in diesen Versen. Dann folgt, unmittelbar, fast wie ein Wort von Mann ztt Mann wirkend, ein Gedicht des Morris Rosenfeld, das den Rttf der proletarischen Revolution aus der wehen Brust des ohnmächtig zermürbten Wegmüden in die Welt sendet. Edgar Allan Poes rhythmisches Kunstlverk „Der Rabe" wirkt nngeschwächt in der jiddischen Uebertragung, und Andreas A-dys Pariser Feinheiten treten, von L. rezitiert, ebenso zart und packend atls der jiddischen lieb er setz ung hervor lote die grotesken Züge aus einem heiteren Monolog Gabanyts. L. brachte auch ein eigenes traunges Gedicht: „Der letzte Brief des sterbenden Soldaten an seine Fratl". Er dankt für Fraueuliebe und Lebensfrühling. Er benft an das Kind daheim. Er küßt es im Geiste. Und er stirbt mit einer Bitte: Es soll nicht wisseit, wie sein Vater gestorben ist. Nichts vott der Zeit, tu der der Vater starb. Es soll nicht wissen, daß die Menschen, vott denen es staunnt. sich zerfleischten wie wilde Tiere. In einem Lied „Die Schicheleck)" gab L. die Muze traute, warme Innigkeit und Kindlichkeit des galizischeu Kleinstadtheitnes, in der Szene „Ter Wahttsittniae" von Gogol ein Bild des Elends, lvie es die italienischen Veristen kaum grauenvoller darstellten. Dann loieder yidische, nrsprüngliche Poesie, vout gutett Engel, von der bösen Nachbarin, vom Versöhntmgstag. Im Saale horcht das Publikum. Still klingt vom Klavier das einfache Lied von deur „Jingele", dessen Vater so arm ist, daß er das Polster verkauft, um dent Kinde die „Schicheke" kaufen zu könnett, durch dett kalkweißen, matt erleuchteten Saal. An eitteut Tisch sitzt eilte aalizische Flüchtlingsfantilie: Mann, Frau, Mädchen, Knaben. Die Köpfe ruhen vorgebeugt. Der Blick ist zur Erde gesenkt. O Kinderzeit! O Heintat! Ameriks. z. New Uork, im September. Als die deutschen Truppen Polen besetzten, konnten die Bewohner des in Besitz genommenen Gebietes nicht leicht und schnell genug mit ihrett Verwandten mtb Bekannten in Amerika den postalischen Verkehr aufrechterhalten bzw. fortsetzert. Infolgedessen lvar die in New Hork (229 East Broadway) bestehende „Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society" Tag und Nacht von Personen belagert, die die Spur ihrer Verwandten in Rußland zu entdeckelt suchten. Um dein aus diesem Zustande resultierenden Uebel zu steuern, schloß die Aid Society im Oktober 1915 mit der detttschen Regierung ein Uebereinkommen, auf Grund dessen Briefe atrs den besetzten polnischen Gebieten an alle Personen in den Vereinigten Staatelt ohne Rücksicht auf Nationalität und Konfession geschickt werden können, wenn sie an die erwähnte Aid Society gerichtet sind. Der Name und die Adresse der Person, für die der Brief bestimmt ist, sollten auf einem beigeschlossenen Briefumschläge oder im Briefe angegeben werden. Die Aid Society versprach, die Postsendungen zu befördern. Die auf die Sendung von Briesett nach Amerika bezüglichen Kundmachungen wurden in deutscher, polnischer und jüdischer Sprache in allen von dett deutschen Truppen besetzten Gebieten verlautbart. Die Bevölkerung Russisch-Polens scheint von der durch obige Vereinbarung ein-geräumten Erleichterung ausgiebigen Gebrauch gemacht zu haben, denn die Aid Society hat Ende August 1916 über 106 000 Sendungen erhalten, die an die Adressaten sofort weiterbesördert wurden. Es bedarf kaunt einer besonderen Hervorhebung, daß insbesondere der englische Zensor für den Inhalt der Briefsendungen eilt besonderes Interesse zeigte, und daß der Stift des Zensors sofort einsetzte, sobald nur der Briesschreiber die geringste Lust verspürte, außer den üblichen Mitteilungen familiärer Natur seinen Reflexionen über allgemeine