Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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seiner Eigenschaft als Mitglied des Gesamtarchivs der Deutschen Inden in Berlin. 8. Beuthen O.-S., 18. Oktober. Eine für die jetzige schwere Kriegszeit berechnete Wohlfahrtseinrichtung hat der Vorstand der hiesigen S y n a g o g e n g e m e i n d e durch Errichtung eines rituellen Mittelstandstisches geschaffen. Für den Durchschnittspreis von 75 Pfennig erhalten Gemeindemitglieder ltitb die hier internierten polnisch-russischen Arbeiter, die in Gruben und Hütten berufstätig sind, ein wohlzubereitetes schmackhaftes Mittagessen; auch dieser Preis wird in besonderen Fällen in diskreter, das Ehrgefühl nicht verletzender Weise noch ermäßigt. Die Zubereitung liegt in sehr bewährten Händen, und so hat die segensreiche Einrichtung sich aufs trefflichste bewährt, zumal Vorkehrungen gegen deren mißbräuchliche Benutzung getroffen sind. Größeren und mittleren Gemeinden sei diese Einrichtung für Errichtung ähnlicher Wohlfahrtsveranstaltungen angelegentlichst empfohlen. W. Aus dev Provinz Posen, im Oktober. Posen. Herr Feldrabbiner Tr. Salzberger, Rabbiner in Frankfurt a. M.. hielt am ersten Sukkothtage eine Gastpredigt in der Gemeiudesynagoge 6. (Israelitische Brüdergemeinde). Das Gotteshalls war gedrängt voll. Redner behandelte den biblischen Tert: 8. Buch Mose, Kap. 23, Vers 42 und 43: „In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage. Eure Nachkommen sollen es wissen, daß ich in Hütten habe wohnen lassen die Kinder Israels, als ich sie herausgeführt habe aus dem Lande Mizrojim." Herr Tr. Salzberger sprach in herzerhebender Weise, seine Worte machten einen tiefen Eindruck auf die lauschende Menge. — Tie Herren Gebrüder P o w i tz e r spendeten unseren Feldgrauen eine neue Mandoline, sechs Mundharmonikas und eine Okarina. Ter Königlichen Kommandantur stellten die genannten Spender außerdem 50 Dutzend Mundharmonikas zur Verfügung. — L i s s a i. P. Nach dreimonatiger Kriegsgefangenschaft in England ist Bataitlonsarzt Dr. Neustadt ausgetauscht worden. — S ch w eriu a. d. Warthe. Das Eiserne Kreuz wurde verliehen dem Kanonier Alfred Ehrlich, fetzt in Berlin. Auch vom Großherzog von M e ck l e n b u r g wurde Ehrlich, der ein Bein verloren hat, bei eillem Besuch im Vircholv-Krankenhaus ein Spazier stock mit silbernem Griff, der eine entsprechende Gravierung trägt, verehrt. Ehrlich besuchte früher die hiesige Realschule und ist ein Neffe des Stadtältesten! Stargardt. — Wresche n. Das Eiserne Kreuz II. Klasse erhielt j Gefreiter Kurt Peps e r , Sohn des Rechtsanwalts und Notars Herrn i L. Pevser von hier. - Tie öffentliche Schüleranfführung des! G ei s l e r - S e l i g m a n n s ch e n Konservatoriums für! Musik, welche in Posen kürzlich stattfand, war so stark besucht, daß j lange vor Beginn der Saal wegen Ueberfüllung geschlossen werden; nlußte. Die Leistungen der einzelnen Klaviergruppen waren zufriedenstellend, die letzten Vorträge der Oberstufe erreichten nahezu eine konzertmüßige Reife. Die Kleinsten spielten tapfer ihre Stücklein. Die ganze Aufführung bewies, wie begründet der Ruf der Lehranstalt ist und welche Sorgfalt die Lehrkräfte auf die Ausbildung und Förderung der persönlichen Gaben des Schülers verübenden. Jeder Vortrag, selbst der kleinste, wies eine persönliche Note auf, und das ist der Kern alles Musikunterrichts, diese Berücksichtigung der Naturanlagen. Herr S e l i g m a n n ist auch Chordirigent in der Gemeindesvnagoge A. M. Hamburg, 18. Oktober. Ter Verein selbständiger jüdischer Handwerker \\ n b Gewerbetreibender hielt im Loaenheim, Hartungstraße, seine Monatsversammlung unter Vorsitz des Herrn Bernhard H e i n e m a n n ab. Der Vorstand ward ermächtigt, einen größeren Betrag aus der Unterstützungskaffe für die fünfte Kriegsanleihe zu zeichnen. Der Vorsitzende berichtete über die außerordentliche Sitzung des Verbandsvorstandes in Berlin, an der er als stellvertretender Vorsitzender des Zentralverbandes jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender Deutschlands teilgenommen habe. Ter Antrag des Hamburger Vereins, anläßlich seines zehnjährigen Bestehens einen außerordentlichen Verbandstag nach Hamburg einzuberufen, habe die Zustimmung des Verbands- Vorstandes gesunden. Da jedoch dieser Beschluß des Hamburger Vereins bereits im Juni gefaßt wurde, sich inzwischen jedoch die wirtschaftliche Lage geändert habe, so beantrage der Vorstand, vorläufig von der Abhaltung des Verbandstages abzusehen. Die Versammlung stimmte dem Anträge zu. Der Vorsitzende verlas dann noch ein vom Verbandsvorstand entworfenes Rundschreiben, das an die Schulleiter und Lehrer gesandt werden soll und in dem diese ersucht werden, ihren Einfluß aus die die Schule verlassenden Zöglinge dahin geltend zu. machen, daß diese sich mehr dem Handwerk zuwenden. 22 Esten, 18. Oktober. Am 2. d. M. waren es 150 Jahre, daß mit Genehmigung der Fürst-Aebtissin der Kaufvertrag betr. die Anlage des Begräbnisplatzes für die Essener und Steeleschen Juden im Hovescheider Siepen — unterzeichnet von den damaligen Beamten, dem Kanzleidirektor Cocy und den Hofräten Brockhofs und Biesten — abgeschlossen wurde. Im Mittelalter besaßen die Juden Essens nicht einmal ein Stückchen Land, um ihre Toten bestatten zu können. Sie mußten ihre Abgeschiedenen anderen Judengemeinden zuführen. Die erste Mitteilung über die Beisetzung eines Juden aus städtischem Gebiet rührt aus dem Jahre 1627 her und betrifft den Juden Simon zu Stehl (Steele). Später bildete die Iudenschaft zu Essen, Steele, Werden, Borbeck und Mülheim einen Synagogenbezirk. Der erste seit 1766 benutzte Judenkirchhof im Hovescheider Siepen, nahe der jetzigen Schwanenbuschstraße, wurde 1837 verlassen, lag dann mit seinen zerstreuten und verwitterten Grabsteinen jahrzehntelang dort in verwahrlostem Zustande, bis er im Jahre 1905 durch eine lebende Hecke eine neue Einfassung erhielt. Der zweite Friedhof an der Lazarett- und Hofsnungstraße, nahe der damaligen Oelmühle, der 16 Jahre später durch einen von der Firma Fried. Krupp geschenkten Landstreifen etwas vergrößert wurde, war gegen Ende des Jahres 1884 voll belegt. Seit 1885 bestattet die israelitische Gemeinde ihre Toten auf dem Segeroth- Friedhof, der neben dem städtischen Friedhof liegt. Als erster fand dort der um die Judengemeinde so hochverdiente Simon Hirschland seine Ruhestätte. Um die Kräftigung und Gesundung der israelitischen Gemeinde, sowohl nach innen wie nach außen, haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr verdient gemacht Männer, wie Moses B l u m e n f e l d, Simon H i r s ch l a n d, Emanuel Burg, Isaak Hirschland und Moritz Beer. K. Gelsenkirchen, 18. Oktober. Durch einen unersetzlichen Verlust wurde unsere jungaufblühende Gemeinde in tiefe Trauer versetzt: Herr Sanitätsrat Tr. H. Waller stein ist nach kurzer schwerer Krankheit hingerafft worden. Seit 1884 als Augenarzt hier tätig, hat er seine Persönlichkeit, sein kluges Wort, sein mildes, menschenfreundliches Wesen in den Dienst unserer Gemeindeeinrichtungen gestellt und reichen Segen gestiftet. Seit 1889 Vorsitzender der Repräsentanten, ist sein Name mit allen Institutionen unserer Gemetube eng verknüpft. Er war Begründer und Vorsitzender des hiesigen Männervereins, einer Chewrah, die Gottesdienst, Wohltätigkeit sowie Kenntnis der Thora in echt jüdischem Geiste anstrebt und den allergrößten Teil unserer Gemeindemitglieder umfaßt. Er stand seit seiner Begründung an der Spitze des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur und nahm auch regen Anteil au den Bestrebungen des Verbandes der Literaturvereine, dessen Ausschuß er seit 1910 augehörte: er hat auch die Bestrebungen des hiesigen Jugendvereins in reichern Maße gefördert und war dessen Ehrenmitglied. Er hat ferner die Ziele des westfälischen Gemeindeverbandes bei der Gründung des Altersheims und des Kinderheims durch Rat und Tat zu verwirklichen gewußt und gehörte seit Jahren dem Vorstande derselben an. Aber nicht nur die jüdische Gemeinde, auch die Kranken- und Waisenhäuser unserer Stadt beklagen seinen Heimgang als einen herben Verlust. Er war ein teilnehmender, mitfühlender Freund seiner Patienten. Sein freundliches Auge, sein milder Zuspruch hat die Kranken beruhigt und Schmerzen gelindert. Er ist seit Begründung der Sanitätskolonne in hiesiger Stadt Lehrer und Vorstandsmitglied derselben gewesen. Wohltätigkeit, Hilfsbereitschaft, treue Hingebung, Menschenliebe waren mit seiner Person untrennbar vereinigt. Wer schweren Herzens zu ihm kam, ging getröstet fort. Darum rief auch sein Tod in allen Schichten der Bevölkerung echte, tiefe Trauer hervor. Davon Zeugte das Leichenbegängnis, das am Sonntag, Len 15. d. M., stattfand. Zu der Trauerseier in unserer Synagoge hatten sich die Spitzen der Behörden, die Aerzte, die Mitglieder unserer Gemeinde, die Vertreter der Kranken- und Waisenhäuser sowie eine große Zahl von Freunden und Verehrern von nah und fern versammelt. Das Gotteshaus konnte die Zahl der Erschienenen nicht fassen. Der Trauer um unseren Verlust gab der hiesige Rabbiner in einer gedankenreichen Predigt, in der er die herzgewinnende Persönlichkeit des Dahingeschiedenen schilderte, tiefen und warmen Ausdruck. Ein unabsehbarer Zug von Teilnehmern