Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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SO. Jahrgang Nr. 43 Berlin, 27. Oktober 1916 Der Gemetndeüote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung dc>! Judentum-". karrrtzandrnzrn und Sschrichtrn. SeutschlsnÜ. E. M. Berlin, 24. Oktober. In einer vom H i l f s v e r e i n dcr D e lt t f che n Jude n und dem I ü bischen F r a ue n b n n d einbernsenen Versammlung sprach am 17. d. M. Frau Henriette May über ihre Beobachtungen in Russisch-Polen, wo sie im Austrage des Hilfsvereins vornehmlich die der Fürsorge für Frauen und Kinder gewidmeten Anstalten besuchte. Frau May berichtete über ihre Erfahrungen in Warschau und Lodz, wo die jüdische Bevölkerung eine große Zahl moderner sozialer Einrichtungen besitzt, die zum Teil schon vor dem Kriege entstanden sind. In Lodz sah Frau May Waisenhäuser, Mädchenhorte, zahlreiche Jugendheime und Schulen, unter denen besonders eine Talmud-Thora-Schule (diese wnrde vor ungefähr 30 Jahren von dem einige Jahre vor dein Kriege verstorbenen Rabbiner Rabbi Elia C h a j i in Nt e i s e l begründet. Tie Red.) hervorzuheben ist, die ihre 900 Zöglinge dem Handwerk zuführt. Während des Krieges ist zu diesen Anstalten als neueste Gründung ein gemeinnütziger Wäschereibetrieb getreten. Die Not der jüdischen Bevölkerung in dieser einst blühenden Industriestadt, deren Fabriken der Krieg lahmgelegt hat, ist sehr groß. Auch in W a r s ch a u herrscht namenloses Elend. Eine große Anzahl von Wohltätigkeitsanstalten, die teils von der Gemeinde und wohlhabenden Privatleuten, teils von der zionistischen Organisation ins Leben gerufen sind, dient dem Wohle der armen Bevölkerung. In Warschau gibt es Waisenhäuser, Frauenschulen, Hospitäler, Säuglingsfürsorgestellen, Asyle für Obdachlose, ein Kinderkrankenhaus, große Volksküchen und andere Anstalten. Neben einer von der Gemeinde unterhaltenen gemeinnützigen Pfandleihe sind auch die von den Zionisten begründeten 16 hebräischen Volksschulen, in denen 3000 Kinder in hebräischer Sprache ihre Elementarbildung erhalten, für uns Westjuden eine merkwürdige Erscheinung. Als besonders modern ist eine Kinderküche für kranke Kinder hervorzuheben; er-! wahnenswert sind auch Schulen für obdachlose jüdische Bettlerkinder.! die der Initiative einer jungen Lehrerin ihre Entstehung verdanken. j Fast alle diese Anstalten werden vom Hilfsverein subventioniert, der z mit dem Aufwand von etwa 1 000 000 Mark monatlich, an deren Be-! schafsung sich die Juden Amerikas mit erheblichen Beiträgen beteiligen, z in 440 Städten 350 Volksküchen, 75 Kinder- und Schulküchen, 60 Teehäuser und andere Anstalten unterstützt. Weiter unterhält der Hilfsverein mit Genehmigung der Negierung eiue Vermittlungsstelle für Briefe und Geldbeträge, die für die Bewohner der besetzten Gebiet? eingehen. Durch die Tätigkeit dieser Vermittlungsstelle sind bereits erhebliche Mittel ins Land geflossen, viele Flüchtlinge konnten über das Schicksal ihrer zurückgebliebenen Verwandten beruhigt lverden. Am Schluffe ihres etwa zweistündigen Vortrages erklärte Frau M a y, daß die Arbeit, die bisher geleistet wurde, zur Linderung der Not nicht im entferntesten ansreicht. Eiue Vermehrung der Mittet und zlveckmäßige Zentralisierung des Hilfswerks, das heute über 900 Mitarbeiter zählt, seien unbedingt erforderlich, um den Notleidenden wirksame Hilst zu bringen und eiue Organisation zu schassen, die von bleibender Bedeutung für die Juden Polens lverden könnte. &Ü# Berlin, 24. Oktober. Das Eiserne Kreuz II. Klasse erhielten: Feldunterarzt Hans Moses, Martin Blumenfeld, Kriegsfreiwilliger Vizewachtmeister Ludwig G r v ß , Grenadier Erich Falk, Unterarzt I. Blumenthal, Kriegsfreiwilliger Unteroffizier Fritz Oppenheimer, Sohn des Justizrats Georg Oppenheimer, Landstnrmmann Max Weile, Gefreiter Referendar Julius I a r o s ch, Gefreiter Wilhelm G r ü tz n e r , Bataillvnsarzt Dr. Mar F r a n k e n st e i n, Sohn des Hauptlehrers Frankenstein in Crone a. d. Brahe, Kanonier Georg Juliusburger, Beamter im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde, Sohn des Kaufmanns Salo Juliusburger, Choriner Straße 48 (Groß-Berlin). Die gleiche Auszeichnung erhielten: Unteroffizier Assessor Dr. Erich B r y (Breslau), Vizefeldwebel Rechtsanwalt Dr. Glaser (Dresden), (bereits Inhaber der Friedrich-August-Medaille in Silber), Sohn des Stadtverordneten Glaser, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Zittau, Einjähriger Unteroffizier Hugo M a r k u s (Düsseldorf), Vizefeldwebel Alfred M a r u m (Bingen a. Rh.), Musketier Sallh Moser (Grevenbroich), Unteroffizier Leo Caplan (Königsberg i. Pr.), Gefreiter Benni Kahn (Neuwied), Gefreiter Sally Lvrig (Solingen), Funkerunteroffizier Herbert S t r a u ß (Minden i. W.), Kanonier Willi M ildenberg (Münster i. W.), Vizeseldwebel Stephan Herz, Musketier Ludwig E m amte l, Musketier Max A b r a h a m (Köln a.RH.), Unteroffizier Eugen Niklas (Neiße), Kanonier Heinrich G o l d s ch m i d t (Wongrowitz), Max und Heymaun B a r u ch, Söhne des Herrn Joseph Baruch (Schönsee b. Thorn), Feldmagazininspektor Kurt Ullmann (Soldin), Kantor und Lehrer W a r t e l s k i (Grossen), Fritz E a r l e - b a ch (Heidelberg), Kaufmann Jakob H e i l b r o n n e r (Gießen), Füsilier Hans L i e b e s ch ü tz, Kanonier Erich S ch ö n l a n k, Ossizierstellvertreter Eduard L e v y, Gefreiter Kurt Löwen b e r g, Osfiziersaspiraut Stud. jur. Martin G o t t g e t r e u , Feldunterarzt Alfred L e v y (Hamburg), Unteroffizier Rechtsanwalt Otto L ö tu enberg (Hamborn a. Rh.), Unteroffizier Julius Lehmann, Sohn des Schri'ststellers Herrn Oscar Lehmann (Mainz), Bataillvnsarzt Tr. Neustadt (Liffa i. P.). E. W. Lötzen sOstpr.), 18. Oktober. Wie in vielen Garnisonstädten Deutschlands, so hat aucl) die hiesige Knltusgemeinde für die jüdischen Soldaten der Garnison anläßlich der Feiertage Röschhaschonoh und Jom Kippur in einer Weise ztl sorgen verstanden, die bekannt zu werden verdient. In den eigens zu diesem Zweck von einer hiesigen Familie zur Verfügung gestellten Räumen wurde den feldgrauen Glaubensgenossen zu den verschiedenen Mahlzeiten rituelle Beköstigung geboten, deren echt jüdischer Verlauf wohl in manchem Soldatenherzen die Vorstellung ihres fernen Heilnischen Familientisches erwecken rnochte. Wie schön war es doch, als der Vorsteher der Gemeinde, Herr Zacharias, persönlich erschien, um das erste Kidduschgebet ztl sprechen, und die zuvorkommende Weise, in welcher Herr Feldwebel Kamnitzer und seine liebenswürdige Gattin die Gäste, wohl gegen 30 an der Zahl, als Kameraden und Freunde bewirten halfen, verdient ganz besondere Hervorhebung. Daß die Unterhaltung bei Tische, welche durch allerhand Humor getvürzt lvar, die Kriegerseelen einander näherbrachte, braucht wohl nicht erst ertvähnt zu lverden. Allen Beteiligten wird das in der Garnison Lötzen verlebte diesjährige Fest dauernd in dankbarer Erinnerung bleiben. E. M. Danzig, 18. Oktober. Geheimer Archiv rat Professor Dr. Adolf Warschauer vollendete am 13. d. M. das 60. Lebensjahr. Professor Tr. Warschauer wurde als Sohn des Kantors Bernhard Warschauer zu Kempen in Posen geboren. Er empfing seine Erziehung im Hause eines Onkels in Breslau, wo er das Gylnnasium und die Universität besuchte. Nach Ablegung des Oberlehrereramens > lvandte Professor Dr. Warschauer sich archivalischeu Studien zu,! denen er am Staatsarchiv zu Breslau nachging. 1882 wurde er als Hilfsarbeiter an das Königliche Staatsarchiv zu Posen berufen, wo er 1886 ztlm Archivar ernannt wurde. 1903 wurde Warschauer mit eurer Geschichtsprofessur an der Königlichen Akademie zil Posen betraut, wo seine Kollegs sich stets eines außerordentlichen Zuspruchs erfreuten. 1911 erhielt er den Charakter als Geheimer Archivrat. 1912 verließ Professor Dr. Warschauer Posen, weil ihm die Stellung des Direktors des Staatsarchivs zu Danzig übertragen wurde. Zurzeit ist Professor Tr. Warschauer als Beauftragter der Regierung in Warschau zwecks Ordnung und Sicherung der Archivalien in den besetzten Gebieten Polens. Professor Tr. Warschauer hat eiue große Allzahl voll Arbeiten aus dem Gebiete der Geschichte der Stadt und Provinz Posen geschrieben, z. B. den ersten Band des Posener Stadtbuches und anderes mehr. Auch auf dem Gebiet der jüdischen Geschichte Posens hat der Jubilar durch Vortrüge und Arbeiten gewirkt: z. B. schrieb er in Geigers „Zeitschrift für die Geschichte der Inden in Deutschland" eine ausführliche Monographie über „Tie Erziehlmg der Jllden in der Provinz Posen durch das Elementarschnlweseu": weiter seien angeführt: „Friedrich der Große und die Juden in der Provinz Posen", „Die Entstehung der jüdischen Gemeinde zu Schwerseuz" und „Heinrich Heine in Posen". Professor Dr. Warschauer betätigt feilt Interesse für die Geschichte der deutschen Juden schließlich auch in