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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-27 · Heft 43 (27.10.1916) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 43 (27.10.1916)
Date
1916-10-27
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
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r>i4 - „In dem unendlichen Düster meines gequälten Herzens/' sprach er, die Hände fest zusammenballend, als könnte er dadurch auch seinen inneren Aufruhr bezwingen, „leuchtet mir der einzige Friedensstrahl entgegen, daß das Wort der Trennung von dir gekommen ist. Deine Lippen haben eS ausgesprochen und nicht die mcinigen. Es wird mich daher in Zukunft von dem nagenden Schmerz befreien, daß ich — wie die Welt es vielleicht nennen wird — durch ein phantastisches, sentimentales Gefühl die größte Glückseligkeit auf Erden von mir wies! Alma, Alma! Jetzt erst kommt es mir zum vollen Bewußtsein, in welcher Uebereinstinunung unsere Herzen schlugen, da sie in derselben Sache, wenn auch auf verschiedenen Bahnen, zu demselben Ausgang gelangt sind. Denn, Alma, als ich dich bat, hierher zu kommen, war es ja nur, um dir zu sagen, daß unsere Lebenswege fortan sich trennen müssen. Und die Ursache dafür, Alma, ist dieselbe für mich wie für dich: der Tod deines Paters." „Du auch dachtest an ihn, stumm und regungslos in seinem Grabe! Gregor, Gregor! Wie werde ich dich und deine Liebe vergessen können!" „Ja, geliebtes Herz, auch ich dachte an ihn; nur hat seine Hilflosigkeit für mich eine andere Bedeutung," stieß er krampfhaft zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor. „Um dir aber dieses verständlich zu machen, mutz ich etwas weit zurückgreifen; darum bitte ich dich, habe Geduld mit mir. Gott weiß es, ob ich je wieder zu dir sprechen werde. Ich will ganz offen sein, um deinetwillen. Es wird deine Liebe für mich töten, ohne jegliche Möglichkeit sie wieder zu beleben." In ihren Augen kam wieder jener mißtrauische Blick zum Borschein, wie zu Anfang ihrer früheren Plänkeleien. Allein sic war entschlossen, ob auch ihre Liebe vom Meltau der Entsagung zerfressen war, ihr Bertrauen zu ihm nicht welken zu lassen. Ter trübe Schleier bedeckte wieder ihre Augen. „Tein Vater, Alma, hat mir ein großes, schweres, fast unsühnbares Unrecht zugefügt. Und als ich es erfahren, da drängte ich mich absichtlich in seine und seiner Familie Freundschaft hinein, mit dem brennenden Rachedurst in meiner Seele. Ich glaubte diesen am besten stillen zu können, wenn ich deine Liebe stahl, um dich gänzlich meinem Willen unterwürfig zu machen, um dich an mich zu ketten, an Händen und Füßen gefesselt, um dann aber dir eine unheilbare Todeswunde beizubringen, mit dich dann, vernichtet und zertreten, deinem Vater zurück in die Arme jit schleudern, ein wertloses Wesen, gebrochen an Leib und Seele, um dadurch deinen Vater zu demütigen, seinen Stolz zu zertreten, um dadurch sein ganzes Leben zu vergiften!" Schreckensvoll öffneten sich ihre Augen. „Gregor, du — du — wolltest mir das antun?" „Ja. Absichtlich, kaltberechnend und mit vollem Bewußtsein. Ich würde es vollbracht haben, wenn du nicht stärker gewesen wärest als ich! Was ich dir antun wollte, das ist mir selbst geschehen: ich war es, der dir sklavisch zu eigen wurde. Nun, Alma, ist deine Liebe für mich noch nicht tot?" Mit einem traurigen Lächeln schüttelte sie verneinend das Haupt. „Tann will ich fortfähren. Ich erfuhr, daß dein Vater mir abermals einen großen Schmerz bereiten wollte, indem er wieder eine Verfolgung gegen mein Volk plante. Als einziger Ausweg war ich entschlossen, deine Hand von ihm zu begehren, um als Gatte feines Kindes das von ihm zu erzwingen, was er dem Fremden versagt haben würde. Du siehst, daß du noch immer erst in zweiter Reihe in Betracht kamst; du solltest mir Mittel, nicht aber Zweck sein. Bin ich noch immer deinerLiebewert?" „Gregor, noch ist es dir nicht gelungen, mich aus ihr herauszuklügein, wenn du dir auch redliche Mühe gibst." (Schluß folgt.) Litrrarilche Mittrilmigeu. -- Der deutsche Krieg im deutschen Gedicht. 9. „Balladen". Ausgewählt von Julius Bab. Verlag Morawe u. Scheffelt, Berlin. — 1914. Der deutsche Krieg im deutschen Gedicht. Band 1. Umgearbeitete Gesamtausgabe von Heft 1—6 der Sammlung. Ausgewählt von Julius Bab. Verlag Morawe u. Scheffelt, Berlin. Bon der Babschen Sammlung, die uns nicht bloß wegen des Inhalts, sondern hauptsächlich wegen ihres Sammlers und Herausgebers interessiert, zumal er selbst ein eifriger Mitarbeiter seines Werkes ist, habe ich schon wiederholt beim Erscheinen der einzelnen Hefte gesprochen. Aus dem 9. Heft, das Balladen enthält, sei für unseren Zweck nur ein Gedicht des Herausgebers: „Tod und Verklärung" hervorgehoben, das den Tod des französischen Lustschiffers Pögoud behandelt und ein Zeugnis der weitherzigen Toleranz ist, die von Deutschen geübt wird. Ter ganze Band, der an zweiter Stelle genannt ist, vereinigt nicht etwa bloß in einem neuen Abdruck die früher erschienenen Hefte 1 bis 6, sondern ist eine selbständige Arbeit. Der Herausgeber sagt darüber: „Etwa ein Sechstel der in dem Bande veröffentlichten Gedichte ist ganz neu ausgenommen — es handelt sich um Stücke, die mir erst später zur Hand kamen, die aber nach Inhalt und Form in das hier vertretene Gebiet gehören. Von den 12 Abschnitten, die aus der ganzen Masse neu gebildet sind, ist besonders der erste „Vorzeichen" und der 11. ,L)ie Arbeiter" fast völlig neu." Was den ersten betrifft, so ist ein Gedicht Ernst Lissauers „Vorspruch", zu erwähnen; in dem neunten habe ich kein von einem Juden herrührendes Gedicht gefunden'. Dagegen sei aus dem Wschnitt „Gedenktafel" die Klage von Julius Bab über Hugo Zuckermann, die von Albrecht Schaesfer über Walther Heymann und das Gedicht von Lion Feuchtwanger „Lied der Gefallenen" ausdrücklich hervorgehoben, selbst auf die Gefahr hin, daß diese stimmungsvollen Lieder schon einmal in diesen Blättern erwähnt worden sind. Man muß dem Herausgeber nachrühmen, daß er seiner Aufgabe mit Geschick und Fleiß gewaltet hat. Gewiß hat er nicht lauter Meisterwerke vereinigt, aber er gibt jedenfalls einen unendlichenStosf, vieles, was einen Abdruck lohnt und was imstande und würdig ist, die Erinnerung an das furchtbare Drama zu erwecken, durch das wir beklommen und doch hosfnungsfreudig hindurchschreiten. L. G. * Jont jüdischen Mittelstan d." Beiträge zur Kritik des jüdischen Handwerkers it. a. Drei Abbildungen nach Gemälden von Prof. Max Liebermann und eine Notenbeilage von Arno Nadel. Verlag Tr. Basch u. Co., G. m. b. H., Berlin-Wilmersdorf. Das merkwürdige Büchlein, das mit einer Musikbeilage und einigen poetischen Beilagen geziert ist, auch mit Bildern, die nicht recht in den Zusammenhang gehören — denn was hat Max Liebermanns Selbstbildnis und eine Nachbildung seines Porträts Hermann Cohens mit dem Mittelstand zu tun? —, enthält eine Anzahl lesenswerter Abhandlungen. Die eine von ihnen, von Georg Gothein, ist schon in anderem Zusammenhänge in der Wochenübersicht von Nr. 39 abgedruckt. Das Heftchen enthält außerdem folgende Aufsätze: Ludwig Haas: Der Antisemitismus nach dem Kriege; Nachum Goldmann: lieber die Bedeutung und Aufgabe des jüdischen Handwerks; Lothar Brieger: Judentum und Kunst; Adolf Grabowsky: Das jüdische Handwerk in Russisch-Polen; Rüben Färber: Gegenwarts- und Zukunftsfragen. An neuen Tatsachen am reichsten ist die letzte Abhandlung, die namentlich über die Zustände des Handwerks in Galizien wichtige Aufschlüsse erteilt. Die Bemerkungen Lothar Briegers, daß „zwischen den ganz Großen und den bedeutenden jüdischen Künstlern der verschiedenen Nationen gewisse Gemeinsamkeiten existieren", gibt zu denken, aber die ausgesührten Einzelheiten sind doch zu geringwertig, um daraus allgemeine Schlüsse zu ziehen. Jedenfalls stimme ich mit dem Verfasser durchaus überein, daß man bei den großen Künstlern jüdischen Ursprungs von einer eigentlich jüdischen Kunst nicht sprechen kann, und unterschreibe seinen Satz: „Es ist europäische Kunst wie die andere auch, die nur gerade für uns besonders bemerkenswert ist, weil die Künstler Juden sind, weil sie die reich gewordene Kultur des Judentums unwiderleglich beweisen. Picasso ist eben gerade so Franzose wie etwa Liebermann Deutscher, Israels ein typischer Holländer ist." L. G. *

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