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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-27 · Heft 43 (27.10.1916) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 43 (27.10.1916)
Date
1916-10-27
Page
Seite 513 (sequence 9)
Language
German
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jetzt die Gefühle der jungen Leute, Sergi, llnd da mir Schmulikofs Herkunft nicht unbekannt ist, so muß ich bei aller Hochachtung für ihn doch sagen, es ist besser, er geht. Wir wissen doch, daß Torakow aus seinem Haß gegen die Juden kein Hehl gemacht, und wie ich aus eurer Unterhaltung entnahm, war es sogar seine Absicht, gerade heute . . Der Baron sprang entsetzt aus. Wie durch eine Erleuchtung war er der Wahrheit nahegekvmmeu, und er begann jetzt den Zusammenhang zu ahnen. Erst vor einigen Tagen hatte Torakow ihm den famosen Witz von dem .akademischen Fährmann' mitgeteilt, und durch Schmulikof wieder hatte der Baron erfahren, daß Baruch der Schulfreund sei, für den er damals die Gnade des Präsekten anries, und auch welchen unversöhnlichen Haß Baruch gegen Torakow hegte. Die Baronin sah ihren Mann überrascht und fragend an. „Es ist nichts Adele," sagte er mit erzwungener Ruhe. „Mir ist eben eingefallen, daß Schmulikof mich bat, als letzten Beweis unseres Wohlwollens für ihn, ihm, durch deine Vermittlung, eine Zusammenkunft mit Alma zu verschaffen. Willst du es tun?" „Gewiß. Hoffentlich ist es aber die letzte, zu beider Glück." Schmulikof wartete in der Bibliothek mit angespannten Nerven, den Blick aus die Tür gerichtet. So sehr er sich für diese Zusammenkunft gewappnet und gerüstet hatte, fühlte er sich immer noch nicht vor einem Zusammenbruch seiner Kraft gesichert. Nur der eine Gedanke stand klar und unerschütterlich vor seinem Geiste, daß er keinerlei Verlangen mehr getragen, Alma an seine Anwesenheit zu erinnern, als sie gestern den Heimweg gemeinsam und doch getrennt zurücklegten. Ter Grund für seine Zurückhaltung war Torakvws Totengesicht. Es war sein ständiger Begleiter während seines angestrengten Forschens nach der spurlos verschwundenen Leiche seines Freundes, es flammte zu ihm nieder aus dem düsteren Firmament seines verfehlten Lebens, es bohrte sich in sein Herz hinein als ein zweischneidiges Schwert bei dem Gedanken an Alma. Und all dieses Gräßliche sollte er ihr jetzt ins Gesicht sagen, um seinen gefaßten Entschluß zu rechtfertigen. Endlich kam sie, langsam, schleppend, die Augen niedergeschlagen, in Trauergewänder gehüllt, die das bleiche, edelgeformte Gesicht besonders scharf hervorhoben. Er mußte bei diesem Anblick alle seine Selbstbeherrschung zusammennehmen, um nicht zu ihr Hinzustürzen und die gebrochene, schmerzgebeugte Gestalt an seine Brust zu pressen. Aber auch in ihrem ganzen Wesen lag Zurückhaltung und Zögern, und sie schien es ihm nahelegen zu wollen, daß eine geräuschvolle Teilnahme seinerseits weder von ihm verlangt noch erwartet wurde. Wortlos trat er an sie heran und wortlos erfaßte er ihre eiskalten Hände, was sie schweigend geschehen ließ. Es dauerte einige Minuten, ehe er sich getraute, von seiner Stimme Gebrauch zu machen. „Ich weiß es, Alma, daß deine Mutter dich kaum eine Minute entbehren kann. Aber," sprach er mit zärtlichem Bor- >vurf, „war es dir denn gänzlich unmöglich, mir doch irgendeine Nachricht zukommen zu lassen?" „Himmel, habe Erbarmen!" rief sie schluchzend. „Glaube mir, Gregor, ich habe dir eine unendliche Fülle von Minuten seit gestern gewidmet. Ich habe ja an deine Botschaft durch Tante Adele unaufhörlich gedacht," setzte sie müde hinzu, mit der Hand über die Stirn fahrend. „Hat es dir denn so viel Qual bereitet, dieser nachzukommen?" fragte er, den Händedruck noch verstärkend, seine Stimme aber noch sanfter gestaltend. „Freilich, solche Schmerzen, als wäre einem das Herz ausgerissen worden, hat es mir nicht bereitet," antwortete sie, mit einem schwachen Versuch zu lächeln! „aber sehr weh getan hat cs mir doch." „Sprich dich aus, Liebling. Vielleicht, daß es dich etwas erleichtert." „Ja. Vielleicht schasst es mir Erleichterung und Gott helfe mir!" Ihre Worte kamen kaum hörbar über ihre Lippen. „Gregor, meine Antwort ist die, daß wir vergessen müssen, alles — hörst du? - , alles, was wir einander gesagt, durch Wort und Blick; denn nichts ist vorhanden, das die Scheidewand zwischen uns niederreißen könnte!" Nervlos ließ er ihre Hände aus den seinigen gleiten. Das war das einzige äußere Merkmal seiner großen inneren Erregung. Denn dort, in seiner innersten Seele, erhob sich neben dem großen Schmerz auch das grenzenlose Verwundern über das eigenartige Zusammentreffen, über den übereinstimmenden Lauf ihrer Gedanken und Gefühle nach genan derselben Richtung. Sie wartete auch erst gar nicht ab, wie er ihre Worte ausnahm, sondern fuhr fort mit einem Seufzer, der ihr auch als ein Atemholen diente: „Gregor, du willst wissen, was ich meine. Möglich, daß du es schon erraten. Ich sage dir cS aber nicht als Vorwurf, wenigstens nicht, wie es meine Welt ungerechtjertigterweise aufsaßt: Gregor, du warst Jude!" „Das trifft nicht ganz zu, Alma," sagte er ruhig. Ein Hoffnungsschimmer leuchtete in ihren Augen auf. „Es trifft nicht zu, daß ich Jude war, sondern ein Jude bin! — Ja, Alma, seit gestern gehöre ich wieder meinem Volke an." Die frühere Traurigkeit stellte sich ivieder bei ihr ein. „Das macht kaum einen Unterschied, höchstens, daß es die Scheidewand noch um einige Zoll erhöht. Gern würde ich sie ja niederreißen, wenn es in meiner Macht läge. Meine Liebe zu dir hat dich ja zu meinem Heiligen gestempelt und alle Vorurteile aus meinem Herzen gefegt. Ich würde mich gern mit meinen Händen daran krallen und bohren, ob mir auch das Blut aus den Fingern spritzen sollte, um sie niederzureißen. — Aber es liegt nicht mehr in meiner Macht; es ist unwiederbringlich meiner Kraft entwunden, es ruht jetzt bei dem Toten. — Gregor, hätte mein Vater noch gelebt, dann wäre alles möglich gewesen. Aus meinen Knien hätte ich ihn angefleht, daß er uns seine Zustimmung gibt, und unzugänglich wie er auch in seinem Hasse gegen deinen Stamm war, er hätte doch sein eigenes Kind nicht unglücklich gemacht. Doch was kann ich jetzt noch tun? Ich kann ihn nicht mehr fragen, denn er antwortet mir nicht mehr. Dem Fluch aus dem Munde des Lebenden hätte ich für dich getrotzt, in der stillen Hoffnung, daß die Zeit doch eine Versöhnung bringt. Aber sein Schweigen bedeutet ewigen, unaufhörlichen Widerspruch. Mein ganzes Leben müßte ich seinen stillen Vorwurf vernehmen! Nimmer kann ich ihn jetzt überzeugen, daß es seine Vaterpflicht sei, sich in meine Tat zu finden, so schwer ihm dies auch geworden wäre. Sein ohnmächtiger Widerspruch aber würde mich wie eine Spukgestalt überallhin verfolgen! Gregor, mein Geliebter, es ist ein schrecklicher Gedanke, den Vater durch den Tod zu verlieren, und es ist Höllenpein, dich im Leben zu verlieren! Aber es muß sein! Der Vorwurf des Toten würde die Liebe zum Lebenden mit einer bitteren Lauge übergießen!" Sein Gesicht war noch immer eine Maske beharrlicher Ruhe, und er schien seine Worte auf die Wage zu legen, um sie auf Haaresschwere abzuwiegen. „Alma, ehe auch ich spreche, sage mir, ist dies dein fester, durch nichts abzuändernder Entschluß?" „Ja, Gregor. Mache mir keinen Vorwurf, denn ich möchte mir deine Liebe unvergällt für mein späteres freudloses Leben bewahren." „Ich wollte dir etwas anderes sagen, Alma. Keine Vorwürfe." „Dann sprich."

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