Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Tiberiassee genannt wird, und schlingt sich in sanften Windungen durch das üppige Grün des Tales, dem der Fleiß der Kolonisten neue Reize verleiht. Neu! Wer kann sagen, daß hier etwas neu ist? Einst stritten hier die Hebräer nach ihrem Auszug aus Aegypten mit Kanaanitern um den Boden. Jahrhunderte später kamen sie aus der babylonischen Gefangenschast zurück, um die verlorenen Länder wiederzugewinnen. Nun kommen sie weither aus Rußland, zumeist von dort; sie lernen den Pflug regieren, das Gartenmesser, den Dolch und die Winchesterbüchse handhaben. Sie kämpfen gegen Krankheit und Menschengier und erstarken in diesem Ringen um ein Stückchen Heimat, das sie ihren Nachkommen vererben wollen. Und doch mahnt dieses Land, gerade dieses, an die Vergänglichkeit alles irdischen Wollens, an die Unmöglichkeit, sicheres Erbe zu schassen. War doch dieses Gottesland das versprochene Erbteil, das der alte Gott der Patriarchen seinen Kindern zugesagt hat, und siehe da, immer wieder müssen sie es neu erobern und erwerben. Liegt vielleicht darin das große Geheimnis, das der deutsche Dichter in den Worten ausdrückt: .,Was von den Vätern du ererbt, erwirb es, um es zu besitzen."? Auch alles Edle und Große, das hier in diesem engen Bereiche erdacht und ausgeschrieben wurde, es verfällt im Wandel der Zeiten. Noch weniger als Gut und Gabe vermögen wir den Seelenadel zu vererben. Der Mond steigt auf in einer Glanzesfülle, einem Lichtschein, ähnlich dem Tag. Der See lauscht empor zu den Höhen, die sich im Mondesschein mit dem Himmel vermählen. Im Hofe der Farm singen die Männer, die aus kleinen, gedrückten Ghettojuden zu freien Arbeitern emporsteigen, mit ihnen vereint wackere Mädchen, die am Tage in Männerkleidung den Boden bearbeiten und die Führung einer Bauernwirtschaft erlernen. Nun singen sie alle zusammen traurige Weisen, deren Worte und Melodien vom Elend leiderfüllter Jahrhunderte erzählen. Ob ihnen hier wohl fröhliche Lieder gedeihen werden? Gegen Norden, dicht an den See gedrängt, liegt Liberias, aus dem die weißgetünchten Judenhäuser herausleuchten. In dreser Stadt, die Herodes Antipas zu Ehren des Imperators benannt hat, lebte der Geist des alten Judentums nach der Zerstörung von Jerusalem. Hier kamen die großen Lehrer zum ersten Male zusammen und legten die alte Tradition des Rechtslebens und der Religionslehre nieder. Das ist die Mischna, der Grundtext des viel verkannten und viel verlästerten Talmuds, der gerade jetzt wieder in vorzüglichen ttebersetzungen und Zusammenstellungen der Materien als Kulturdokument ersten Ranges seine Auferstehung feiert. Hier liegt der große jüdische Philosoph Maimonides begraben, eine Leuchte der arabischen Kultur in Spanien, der nach seinem Tode hierher gebracht wurde, um an der Seite seines Vaters zu ruhen. Er brachte Helle Lichter in den Dämmer der talmudischen Lehre, die er ebenso beherrschte wie die ärztliche Wissenschaft. Er war am Schlüsse seines Lebens von Spanien an den Hof von Kairo gezogen, wo er als Leibarzt des Sultans wirkte. Lange Zeit war er den Orthodoxen ein Abtrünniger, heute aber, 700 Jahre nach seinem Tode, gilt er als führender Geist in der verwirrenden Fülle jüdischen Schrifttums. Unter diesem milden Abendhimmel, der alles vereinigt, was je die Menschen, von der Einheit Gottes ausgehend, erdacht und empfunden haben, hier stoßen Haß und Liebe, Krieg und Frieden, Evangelium und Pogrom dicht auseinander. Im Schimmer dieses Lichtes Leuchtet auf einer Anhöhe die helle Kuppel des Grabmales der Sitt-Lkene, einer Urenkelin der Lieblingstochter Fat nie des Propheten Mohammed. Weiter oben auf dem Wege nach Nazareth, dicht an der Telegraphenleitung, die zur Heimat des Heilands führt, bezeichnen Mauertrümmer das Grab des Rabbi Akiba, eines der feinsten Geister aus jener Zeit, da der Tempel verfiel und ein letzter Versuch staatlicher Unabhängigkeit kläglich scheiterte. Eines anderen Akiba Wort hat Flügel bekommen und trug den Namen zu uns herauf. Wenn wir den Wandel der Zeiten, das Wiederkommen des Gewesenen und die Auferstehung des Vergessenen bezeichnen wollen, dann erinnern wir uns des Spruches, den Gutzkow dem Akiba des Uriel Acosta in den Mund legt: „Es ist alles schon da gewesen." - Alles. puge um pugr. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) er Baron blieb in gedrückter Stimmung zurück. Er konnte es noch nicht fassen, daß er den jungen Mann mit dem ehrlichen, freimütigen Wesen, mit der beispiellosen Pflichttreue und Arbeitsfreudigkeit, den er wie einen Sohn liebgewonnen, für immer verlieren sollte. Seine Stimmung wurde auch nicht besser, als seine Frau zu ihm kam, nachdem es ihr endlich gelungen war, die in wilder Raserei tobende Gräfin einigermaßen zu beruhigen und ins Bett zu bringen. „Was denkst du davon?" fragte er sie, als er ihr Schmulikofs Entschluß mitgeteilt hatte. „Was soll ich davon denken?" war ihre nicht minder ernste Gegenfrage. „Um aller Heiligen willen,'Adele, behandle doch nicht die Sache, die doch, wie ich bestimmt weiß, auch dich erschüttert, mit dieser angenommenen Gleichgültigkeit! Mache du doch wenigstens noch einen letzten Versuch! Bei dem großen Einfluß, den du von jeher auf ihn ausgeübt hast, gelingt es dir vielleicht noch, ihm eine andere Meinung beizubringen. Adele, ich bitte dich, tue es mir zuliebe." „Das werde ich nicht tun, Sergi," sprach sie entschieden; „wie wir beide Schmulikof kennen, ist er kein Schwächling, den man mit Versprechungen ködern und zu einer Sinnesänderung bewegen kann. Vielleicht ist es auch besser so, wie es gekommen ist." „Unsere Ferien haben ein sehr schönes Ende genommen! Torakow tot nnd Schmulikof fort . . ." Sie unterbrach ihn: „Du weißt doch, Sergi, das Sprichwort ist wahr: ,Ein Unglück kommt selten allein'. Uebrigens, so weh es mir tut, weiß ich noch nicht, ob Torakows Tod das größte Unglück ist. — Vielleicht hat er es vorgezogen, einem t'eben voller Schmach und Schande ..." „Adele!" schrie der Baron, aufs tiefste erschüttert. „Sollte er etwa selbst Hand an sich . . .?" Sic sah sich ängstlich nach allen Seiten um und legte ihrem Manne die Hand ans den Mund. „Ich glaube mich nicht zu täuschen. Aber sprich nicht weiter davon, Sergi. Seine grenzenlose Verschwendungssucht, seine Skrupellosigkeit ist ja allgemein bekannt; ebenso bekannt ist auch, daß er keinerlei Vermögen besaß. Er war auch wenig beliebt, aber desto mehr gefürchtet. Wenn ich mich recht entsinne, sprach er auch etwas von einer Inspektion oder Revision seines Bezirkes, und wer weiß, was da herausgekommen wäre. Alma erzählte mir auch, daß sie ein Wertpapier, ihr großmütterliches Erbteil, über hunderttausend Rubel besessen, das Torakow in Verwahrung gehabt, und das plötzlich wertlos geworden sein soll. — Sergi, wir wollen den Klatschmäulern keinen Stoff geben. Alles deutet ja auf ein Unglück hin, und dabei soll es bleiben. Schmulikof hat ja die Untersuchung selbst in die Hand genommen — wie mir scheinen will, vermutet auch er etwas —, aber auch er konnte nichts entdecken, obwohl er den ganzen Tag und die ganze Nacht nach dem Fährmann und nach dem Kahn suchen ließ. Von beiden hat man keine Spur entdeckt." „Freilich, wenn die Sachen so liegen, müssen wir uns zufrieden geben," sprach er trüb; „nur daß Schmulikof durchaus fort will..." „Auch damit wirst du dich abfinden müssen; schon um der armen Alma schwere Seelenkämpfe zu ersparen. Ich kenne