Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-27 · Heft 43 (27.10.1916) · p. Seite 511

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 43 (27.10.1916)
Date
1916-10-27
Page
Seite 511 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229276--72621-3285074
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

'.-.7W^L4 Welt- und Kulturgeschichte, kurz je straffer der Schulsack, desto großer der Eindruck der Ewigen Stadt, desto reichhaltiger der Genuß. Hier in Palästina feiert die Seele ihre Feste. Hier erbaut sich das Herz, bereichert sich das Gemüt. Denn wenn uns auch die Wissenschaft unserer Zeit bestätigt hat, daß die Bibel teilweise als Geschichtswerk anzuerkennen ist, im Kern ihres Wesens hat sie doch bloß Bedeutung für die Entwicklung des Gemütes, für die Historie des Seelenlebens. Hier in Palästina wandeln die Bilder aus der Bibel lebendigen Leibes umher: Patriarchen und Sklaven in der Urtracht, Reisige und Hirten, bärtige Männer und verschleierte Frauen wie zu Zeiten Isaaks und Jakobs. Auf dem Wege nach Bethlehem sehen wir das Grabmal jener Frau, die inniger geliebt wurde als je ein Weib auf Erden. Wie heißt es doch in der legendarischen Liebesgeschichte Jakobs? „Jakob dienete um Nahel sieben Jahre und es deuchte ihm, als wären es einzelne Tage, so sehr liebte er sie." Welch reine Empfindung wird hier in einfachster Schönheit dargestellt, in einem Satze wie er tiefer, schöner und ausdrucksvoller in der ganzen Weltliteratur nicht wieder vorkommt. Man sollte ein Buch über das Liebesleben in der Bibel schreiben und man würde finden, daß irr diesem göttlichen Werk, das zugleich das allermenschlichste ist, alle Romanstoffe vorweggenommen find. Hier im Lande aber ist dieses ewige Buch zugleich ein Stück Heimatkunst. Die Idylle von Jakobs Liebe endet mit einem Abschnitt, der von. dem Tode der Rahel bei der Geburt ihres zweiten Knaben an der Straße nach Bethlehem berichtet, wo sie begraben wurde. „Da errichtete Jakob ein Denkmal auf ihrem Grabe. Es heißt das Grabmal Rahels bis auf diesen Ta g." Wie lange, wie unsagbar lange her, fast allen menschlichen Begriffen entschwindend, ist „dieser Tag" des biblischen Chronisten. Und heute, an diesem unseren Tage, da wir die Straße entlangschreiten, glänzt in der Sonne Judäas noch immer dieses Grabmal Rahels in etwas erneuerter Form an alter, uralter Stätte. So spielen in Palästina Idyllen und Tragödien, die aus der Vorzeit kommen und in die Ewigkeit gehen, Fangball mit unserer Seele. Nun sind Judäa und Galiläa durchwandert, uns dämmert die letzte Nacht auf geheiligtem Boden am Tiberiassee. Unsere Gaststätte heißt Kinereth wie der See. Es ist eine jüdische Musterfarm, neben der ein Dorf entsteht, zu dessen einfachen Steinhäusern dunkle Basaltsteine aufgeschichtet liegen. Man wird von dem Dorfe den See überblicken. Die sanften Fluten, von milden Höhen eingefaßt, in zarte Farben gehüllt, zum Träumen einladend; Stätten, auf denen der Heiland wandelte. Hier geschah das Wunder, daß fünftausend Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen gesättigt wurden. Am anderen Ufer stand wohl das Dorf Bethsaida, wohin der Erlöser mit seinem Schiffe zog, um einsam auf einem jener Berge zu beten, die nach und nach vorn aufsteigenden Mondlicht verklärt werden. Hier sahen ihn seine Jünger auf den Wellen schweben, und in den Orten der Seeufer heilte er mit der Kraft des- Glaubens Kranke und Bresthafte, wie das alle Evangelisten so rührend zu erzählen wissen. Aber auch jene einfachen Fischerleute, die an der Wiege des Christentums standen, sie ahnten das Schicksal aller, die da meinen, die Menschheit erlösen zu müssen. Der Jünger Markus klagt über die, die von diesen Wundern begnadigt wurden: „und sie entsetzter: mrd wunderten sich über die Maßen", aber, so heißt es in einem späteren Satze, „sie lvaren nicht verständiger geworden über dem Worte und ihr Herz war erstarret." Nein, kein Wunder des Himmels kann das Herz der Menschheit vor Erstarrung bis zur Härte retten. Doch unsere törichte Seele hofft von einer Generation zur anderen und täuscht sich mit Bewußtsein, weil sie sonst in Lieblosigkeit erfrieren unb ersterben müßte. Roniglicher Rat Schandor Alexander in Zagreb (Broatien). Hinter der Farm an der starken Ringwand lehnen Holzhütien, die Notstätten der künftigen Kolonisten von Kinereth. In einer dieser Hütten haust 6ne Frau mit zwei Töchtern. Die eine, noch ein halbes Kind, liegt am hellichten Tage mit dem Oberkörper im Bette, im tiefen Schlafe. Die Mutter entschuldigt die ungewohnte Zeit der Ruhe mit Fieber, das ja hier leider endemisch ist. Der Eukalyptusbaum und andere Vorkehrungen, besonders aber der urbar gemachte Boden, helfen zur Gesundung des Landes. Die Frau erzählt bitteren Tones, daß sie in Südrußland, nahe bei Odessa, eine prachtvoll gedeihende Bauernwirtschaft im Stiche gelassen Hütten, um sich einer Laune ihrer älteren Tochter wegen im Lande der Urväter anzusiedeln. Im selben Augenblick aber schreitet dieses Mädchen einher, die Sichel in der Hand, die Schürze voll Grünfutter, und erklärt, warum sie ihren stattlichen Besitz mit zahlreichen Kühen und Pferden verlassen haben. „Es ist uns gut gegangen, sehr gut sogar. Wir haben reichlich gelebt und noch sehr viel vom Erträgnis unseres Landes nach Odessa hineingesührt. Aber nach der Revolution sind die Pogroms entstanden. Man hat die Juden in Odessa auf der Straße niedergeschlagen, die Kinderchen vor den Augen der Mütter zerfleischt und die Eltern vor den Augen der Kinder getötet. Ich war noch sehr jung, aber ich habe rnir's zugeschworen, in einem solchen Lande nicht zu bleiben. Wir sind schutzlose Frauen, was sollten wir dort? So haben wir angefangen zu verkaufen und jetzt sind wir hier und bleiben hier." — „Ja," warf die Mutter ein, „und hier kommen die Beduinen und rauben und morden gerade so wie die Schwarzen Hundert in Rußland." Nun aber wurde das Mädchen fast wild. Die kleine Gestalt reckte sich in die Höhe und der Arm schwang die Sichel. „Hier — ja, wenn der Beduine aus der Wüste kommt, dann schlägt er sich den Schädel an den Mauern von Kinereth ein; und wir kämpfen mit ihm, er schießt und wir schießen, und bisher sind wir noch immer die Herren geblieben." Und wie auf ein Stichwort sprengte ein Reiter den Hügel hinauf, sprang geschickt vom Gaul, nahm die Winchesterbüchse in den Arm und sah liebevoll auf die Gruppe. Alle Insassen der Farm und alle künftigen Kolonisten liebten das Mädchen, das tapfer daranging, der Mutter und der jungen Schwester eine neue Heimat zu gründen. Auch der Reiter erzählte von gelegentlichen Kämpfen mit den Beduinen, denn es ist sein Beruf, in scharfen Rekognoszierungsritten die Felder und Pflanzungen zu bewachen und das Herannahen von Beduinen zu melden. Wein: drüben im Lande der Wüste die Dürre alles Viehfutter vertilgt hat, dann ziehen die Beduinen zu Tausenden und aber Tausenden nnt all ihrem Besitz hinunter ins Jordanland. Das ist ihr gutes altes Recht, vielleicht aus jener Zeit stannnend, da die Menschen zum erstenmal mit Haustieren zusamlnenlebten. Die neu entstehenden Ansiedlungen der deutschen Templer und Juden verkürzen ihnen den alten Nahrungsgrund. Das ist ihr Standpunkt. Die Einzelkämpfe, so selten sie Vorkommen, sie enden nie. Und den Wächtern um die alte neue Heimatserde, die im Kampfe mit räubernden Arabern gefallen sind, wurde in Jaffa ein Gedenkbuch in hebräischer Sprache gewidmet, ein Denkmal heldenhafter Liebe zum Boden der Urväter. Es ist noch immer alles wie in biblischen Zeiten. Der Kampf um die Weidefläche ist die ursprünglichste Kriegsursache, nur daß die Wiese in unserer Zeit in Handelsinterefsen umgewandelt wurde und daß man, anstatt mit 280 Mann, wie einst der Patriarch, mit Millionen von Kriegern zu Felde zieht. Am Fuße des Hügels, auf dem Kinereth liegt, zwängt sich der Jordan aus der Umarmung des Galiläischen Meeres, wie der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.