Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Privilegien und Kapitalherrschaft würde die Arbeiterbewegung sehrrasch unwiderstehliche Macht gewinnen, wenn es ihren Gegnern nicht rechtzeitig gelänge, die weniger aufgeklärten Massen der Bevölkerung von der allgemeinen Bewegung abzuzwingen, sie von den eigentlichen Kampfzielen auf bloße S ch e i n ziele abzulenken und dadurch ungefährlich zu machen. Diesem Zweck dient die antisemitische Bewegung, die sich an allen Ecken und Enden hervorwagt und die in dem erwähnten Beschluß der Budgetkommission überraschend früh ihren ersten prinzipiellen Sieg verzeichnen darf. Jener Beschluß ist i m h ö ch st e n Grade p a r t e i i s ch. Wenn m an s ch o n Jude n zählen w i l l, so soll man sie doch uid)t nur in den Kriegsgesellschaftelr zählen, sondern auch in den Reihen der Kriegsfreiwilligen und i n den G r ü b e r n d r a u ß e n a 11 der F r ont! Man soll sie überall zählen, wo sie im Leben der Ration Tüchtiges geleistet und Verdienstvolles geschaffen haben, nicht aber nur dort, wo man Material zu finden hofft, um sie ungerechterweise in Bausch und Bogen zu verdannnen." Zutreffender konnte der Beschluß des ReichshaiMaltsaussd>iisf07 nicht charakterisiert werden-. Dem letzten Satz, den das „Berliner Tageblatt" dem Abdruck der Scheidemannschen Erklärung anfügt, schließen wir uns aus ganzem Herzen an. O „Die deutsche Handelswacht (Deutsch-nationaler Handlungsgchilfenverband)" führt eine Stelle aus meiner Broschüre „Die deutschen Juden und der Krieg" über die Behandlung der Juden als Offiziersaspiranten an und bemerkt dazu: „Wie stellen sich unsere Mitglieder zu diesen jüdischen Ansichten? Haben auch sie draußen den Eindruck von der Kampfesfreudigkeit der jungen Juden empfangen, oder denken sie aus Grund ihrer Beobachtungen über diese Dinge doch -anders als der Herr Dr. Geiger?" Nun hat, wie mir ein Leser unseres Blattes mitteilt, ein Mitglied jenes Vereins, Geschützführer einer Minenwerferabteilung, folgendes an die Redaktion des genannten Blattes eingesendet. In der Voraussetzung, daß jene Zeitung das „Eingesandt" nicht aufnimmt, lasse ich es hier folgen: „Auf Grund der Beobachtungen hinsichtlich der Kampfesfreudigkeit der jungen Inden kann ich den Ausführungen des Dr. Geiger nur zustimmen. Wir haben in der Minenwerserabteilung zwei Juden, der eine Beobachter, der andere Geschützführer. Beide haben sich als tüchtige, unerschrockene Soldaten bewiesen und haben sich früher in der Kompagnie stets als freiwillige Patrouillengänger hervorgetan." * Von auswärtigen Nachrichten liegt nicht viel vor. Unsere Mitarbeiterin M. B. schreibt uns: Protop opow und die I u den frage. Nach einer Mitteilung der „Rußkija Wjedomosti" soll der neue russische Minister des Innern geäußert haben, daß er die Absicht habe, an die Judenfrage als an eine seiner ersten Aufgaben heranzutreten. Er hat allerdings im Ministerrat auch gleich den Antrag gestellt, eine besondere Kommission für die Judenfrage einzusetzen, als deren Leiter er den Fürsten Wolkonsky und Stremouchow empfohlen hat. Die erwähnte Moskauer Zeitung erinnert ferner daran, daß Protopopow, der als Mitglied der russischen Parlamentsdelegation vor kurzem in Paris und London war, bei seiner Rückkehr erklärt habe, daß die ungerechte Behandlung der Juden von den schädigendsten Folgen für den russischen Staat sei hinsichtlich seiner Finanzwirtschaft und seiner Anleihen auf dem internationalen Geldmärkte. * Aus Amerika, woher dank der englischen Zensur -die Nachrichten so verspätet eintreffen, daß ich z. B. die vom 16. August datierte Aufforderung eines jüdischen Mattes, an einer im September erscheinenden Festnummer mitzuarbeitett, am 22. Oktober erhielt, bekam ich am 24. desselben Monats eine am 12. September geschriebene Postkarte des vortrefflichen Gotthard Deutsch, die ich, teils zur Charakteristik der augenblicklichen Lage, teils wegen einer wichtigen Nachricht hier wörtlich folgen lasse: „Geehrter Herr G. R. Ihre Karte vom 17. 7. erhielt ich am 7. Es ist leider aussichtslos zu erwarten, daß etwas, was für Veröffentlichung bestimmt ist, in Ihre Hände gelangt, und mit der Vertagung des Kongresses und dem Wahlkampfe um die Präsidentschaft zwischen zwei Kandidaten, die sich an gehässiger Gesinnung gegen alles Deutsche zu überbieten suchen, sehe ich keine Aussicht zur Besserung. Ich sende Ihnen einen Zeitungsausschnitt über die Postsrage in separatem Umschlag. Inzwischen als wichtige Neuigkeit, daß Professor Leo S. Rowe von der Pennsylvania-Universität in Philadelphia, Nationalökonom, zum Sekretär der amerikanischen Mitglieder der mexikanischen Konferenz erwählt wurde. Oberrichter Brandeis war zum Mitglieds dieser Konferenz gewählt, lehnte aber ab." * Jüdische Blätter melden, daß die französische Z e n s u r b e h ö r d e aus den in Frankreich erscheinenden jüdischen Zeitschriften alles streicht, was sich auf die üble Lage der Juden in Rußland, besonders in Rumänien, bezieht. Es ist ein betrübendes Zeugnis, daß es so weit kommen mußte. Wir sind leider nicht in der Lage, Auszüge aus der französischen jüdischen Presse zu geben, da uns seit Anfang des Krieges französische Blätter nicht zugegangen sind, während wir sonst in ihren regelmäßigen Besitz gelangten. Aus bereden mitgeteilten Nachricht, an deren Wahrheit nicht zu zweifeln ist, geht hervor, daß die jüdische Presse in Frankreich auch jetzt noch ihre Pflicht tut, die darin besteht, ihren Bundesgenossen die Wahrheit zu sagen, wenn diese höhnisch die Menschenrechte mit Füßen treten. Aber wie weit muß es mit der französischen Regierung gekommen sein, die bisher als Hort religiöser Duldung erschien, wenn sie es nicht mehr wagt, Stimmen erschallen zu lassen, sobald sich diese für Freiheit und Gerechtigkeit erheben. Es ist in diesen Zeiten wirklich schwer, den Mut nicht zu verlieren. Wir sagen dies nicht im Hinblick auf die Kriegslage, die nicht im geringsten Anlaß zur Entmutigung bietet, aber wir müssen es aussprechen angesichts der Barbarei, der Frigheit und der Gewissenlosigkeit, die allenthalben gegen unsere Glaubensbrüder geübt wird. Man hätte denken sollen, daß Rußland und Rumänien nicht aus Menschlichkeit, sondern aus Klugheit in diesen schweren Zeiten ihre Juden ohne Grausamkeit behandeln würden; statt dessen hat sich die unmenschliche Wut gegen die Armen nur gesteigert. Man mochte hoffen, daß die aufgeklärten Westmächte, die uns, ihre Gegner, als Barbaren hinstellen, sich ihrer zivilisatorischen Aufgabe bewußt geworden wären und Schritte tun würden, auch ihren Verbündeten diese Gesinnung einznimpfen. Statt dessen wagen sie weder ihre Knlturmission weiter zu üben und noch weniger sie ihren Verbündeten aufzuzwingen. Der Glaube an die Menschheit und reine Menschlichkeit droht aus der Welt zu schwinden, und doch wollen wir, die unentwegten Verkünder der messianischen Idee, wir, die wir an einen Fortschritt in der Geschichte und an ein Vorwärts in der Weltentwicklung felsenfest glauben, trotz unseres großen Dichters, der diejenigen töricht schalt, die auf eine Besserung der Toren harrten, und trotz der Wirrnisse, unter denen wir leiden, nicht aushören, auf ein Aufkeimen dieser Besserung, auf den Sieg der Gerechtigkeit, der Treue und der Freiheit zu hoffen und für die Verwirklichung dieser heiligen Güter der Menschheit zu kämpfen.