Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
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507 Religion willen im Blute lag" — wie verträgt sich solch ein Urteil übrigens mit der Wertung der Propheten? —, bald wieder heißt es in einem richtigeren Erkennen der Tatsachen, die Frommen hatten mit ihrem Widerstand recht, denn mit dem Einschmelzen des Judentums in die hellenistische Kultur wäre die Kraft von Israels Religion verloren gegangen, und noch wäre die rechte Stunde für den Synkretismus nicht gewesen, als ob für Religionsmischung überhaupt je eine Stunde recht wäre! Reif, so ist natürlich die Fortsetzung, sei die Frucht erst in Jesus gewesen, aber an ihm, sagt der Verfasser, hätte der Hellenismus keinen Anteil. Das ist nun auch wieder ein Spiel mit Worten. Entweder, so muß man sagen, spiegelt das Christentum in seiner paulinischen Ausprägung den Willen Christi wider, dann steht er bereits unter dem Zeichen des Hellenismus, oder die Paulinische Färbung gibt erst dem Christentum seinen wahren Gehalt, dann erhält es auch erst durch den Hellenismus seine Geltung. So oder so ist „die Reise der Frucht" hellenistisch. Ganz kann sich der Verfasser von dem landläufigen Urteil über die Pharisäer doch nicht freimachen, schließlich kommt auch bei ihm die alte Rede wieder zum Vorschein, sie hätten nicht Großes und Kleines, Aeußerliches und Innerliches unterscheiden können. Unrichtigkeiten werden mit dem Tone der Sicherheit behauptet. Und schließlich kommt der alte Ladenhüter der zünftigen protestantischen Bibelkritik, „die Durchschnittssrömmigkeit", zum Vorschein, nur heißt sie diesmal: „Gemeindeorthodoxie". Nachdem zunächst behauptet worden war, der hervorstechende Zug in der jüdischen Frömmigkeit sei der Gesichtspunkt der Nützlichkeit, also ausgesprochene Selbstsucht, gewesen, wird zwar anerkannt, daß viele und wichtige Aeußerungen des Gegenteils solcher Gesinnung vorhanden seien, aber, wird selbstherrlich verfügt, das habe im Gegensatz zu dem Gemeinglauben und zur Gemeindeorthodoxie gestanden. Selbst wenn jenes Gerede von dem in die Fesseln der Nützlichkeit geschlagenen Denken wahr wäre — dabei ist es längst hundertfach widerlegt und als falsch nachgewiesen, kennt Meinhold, um nur einige Beispiele zu nennen, nicht Elbogens Schrift: „Die Religionsanschauungen der Pharisäer" und Perles' Kritik an Bousset? —, bleibt auch noch diese ganze Methode ungerecht, denn es ist doch eine ausgesprochene Ungerechtigkeit, nicht sämtliche in einer Gemeinschaft vorhandenen Strömungen in ihr Gesamtbild hineinzunehmen, sondern erst willkürlich eine seiner vorgefaßten Meinung angepaßte Durchschnittsdenkart festzustellen und dann alles, was nicht zu ihr paßt und das gezeichnete Bild ändern müßte, als Nebenströmung zu erklären. Vollständig verfehlt ist die Darstellung der talmudischen Epoche; hier finden wir sämtliche Schiefheiten älterer Beschreibungen des Talmuds vereint mit ausgesprochenen Unrichtigkeiten. Entwicklungszustände, die gelegentlich in irgendeiner Epoche der jahrhundertealten Geschichte des Talmuds hervortraten und aus der Eigenkraft des talmudischen Prinzips bald wieder überwunden wurden, werden verallgemeinert und vergröbert. Das Erhabene und Großartige des der ganzen talmudischen Richtung zugrunde liegenden Bemühens, das ganze Leben mit allen seinen Aeußerungen Gott zu unterstellen, findet nur eine gelegentliche und widerwillige Anerkennung, und in der Hauptsache sieht der Verfasser nur das, was er als Schattenseite empfindet. Die gesamte talmudische Diskussion ist ihm nur eine abstoßende Rechthaberei, das Streben nach Wahrheit, das in ihr sich offenbart, sieht er nicht. Es ist für ihn eine ausgemachte Sache, daß durch den Talmud ein ganzes Volk an eine weit zurückliegende Kulturstufe gebunden bleibt, daß die Belastung mit solch einem Wissen um die Meinungen der Väter hindernd auf das eigene selbständige Nachdenken und Forschen einwirken muß. Und dabei weiß doch jedermann, der auch nur im entferntesten mit talmudischen Dingen zu tun hat, daß das talmudische Prinzip gerade umgekehrt zur ständigen kritischen Beleuchtung früherer Meinungen führt und daß die ungeheure Weitschichtigkeit der Diskussionen wesentlich daher stammt, daß man sich eben nicht zu binden gesonnen war und selbständig bleiben wollte. Man könnte aber gut den Spieß umkehren und mit viel mehr Recht sagen, daß alles, was Meinhold vom Talmud sagt, bei der zünftigen Bibelkritik zutrifft; das obige Beispiel von der Art, wie ein Gunkelscher Traum als wissenschaftlich gesichertes Ergebnis ausgenommen wird, zeigt, daß dort tatsächlich die Meinungen der Tagesgötter hindernd auf das eigene selbständige Nachdenken und Forschen einwirken. Besonders versteift sich der Verfasser auf die Behauptung, der Talmud schließe seine Jünger von der menschlichen Kultur, ihrer Entwicklung, ihren Segnungen aus. Im Grunde ist das die alte Formel, mit der bei Beginn des Kampfes um die Emanzipation der Juden aus mittelalterlicher staatlicher Fesselung die Anhänger des alten Systems gegen jede Befreiung der Juden sich auflehnten. Ist es eigentlich heut noch nötig, dagegen Beweise zu häufen und zu betonen, daß der Talmud die Juden noch nie gehindert hat, an allem wirklichen Kulturfortschritt teilzunehmen? Die ganze Geschichte der Judenheit mit ihrem steten Verwobensein mit der Zeitkultur und ihrem Einfluß aus sie ist ein einziger lebendiger Protest dagegen. Wenn in irgendeiner Zeit eine Kluft sich auftat zwischen den Juden und der herrschenden Kultur, so war es nie, weil der Talmud sie von der Kultur fernhielt, sondern weil Staat und Gesellschaft sie in Fesseln hielten nnd von der Zeitkultur gewaltsam abgesperrt hatten. Verwunderlich ist bei der Aufstellung jener Behauptung von der Kulturfeindlichkeit des Talmuds vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der hier deni Worte „Kultur" ein ein für allemal festliegender Inhalt gegeben wird. All solchen Formeln liegt die selbstherrliche Meinung zugrunde, daß der Kulturinhalt, den man im Augenblick selbst besitzt, die Kultur schlechthin sei. Aber Kultur ist je nach Zeit und Ort wechselnd, und für den wahren Gehalt einer Kultur ist nur maßgebend die Höhe des sittlichen Standes ihrer Träger. Und ob unsere heutige wesentlich doch durch die Technik in 'ihrer Eigenart bestimmte Kultur, am Maßstab des Sittlichen gemessen, Grund hat, sich der talmudischen Kultur innerlich überlegen zu fühlen, das ist, besonders wenn man die unmittelbare Gegenwart im Auge hat. doch noch sehr die Frage. Es ist geradezu unmöglich, alle Unrichtigkeiten aus dem Kapitel: Talmud aufzuzählen: nur einige besonders krasse seien hervorgehoben. Daß „der Fromme daran zu erkennen sei, daß er möglichst viele Teile des Talmuds gegenwärtig hat", ist etwas ganz Neues; jeder wirkliche Kenner des Talmuds weiß, daß der Talmud selbst das Urteil prägt: „Nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern die Tat." Falsch ist ferner die Deutung von Samuels Ausspruch: „Landesgesetz ist gültiges Gesetz" als geflossen aus der Ohnmacht, für die Ueberzeugung zum Märtyrer zu werden, und aus dem Willen, sich zu ducken, bis ein Unwetter vorüber sei. Man kann sich bei dieser Deutung wieder des Gefühls nicht erwehren, daß der Versasier seinem Gegenstand nicht unvoreingenommen gegenübersteht: denn er macht hier den Juden zum Vorwurf, daß sie — im Gegensatz zu den Christen der Zeit — nicht die Kraft zur Blutzeugenschaft gefunden hätten, während sie schließlich das tun, was nicht getan zu haben, der Verfasser ihnen früher zum Vorwurf machte, nämlich sich bemühen, ein rechtes Verhältnis zum Staat zu finden, um dadurch die Sphäre der Religion zu begrenzen und Konflikte zu verhüten. Und falsch ist ferner die Behauptung, daß die Rabbiner die vom Gesetz für die Priester festgesetzten Gaben für sich in Anspruch nahmen. Von Vertrautheit mit dem Stoffe zeugt es schließlich auch nicht, wenn