Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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506 dies in der christlichen Propaganda eine einzigartige Erscheinung sei, und anderwärts herrschten nicht sittliche Motive vor, sondern nur Machthunger? Wollte man gar noch solche Aeußerungen, wie etwa die: „Die Welt war für den Juden da, nicht der Jude für die Welt" — und das trotz Jesaja 53 und seiner Predigt von dem Gottesknecht Israel, der für die Welt sich opfern muß! — oder wie die, daß das Eindringen von kanaanäischen Zügen in das Gottesbild deS in Palästina einwandernden Israel „nicht immer zum Nachteil der Sache war", anführen, man könnte die Beispiele für die Voreingenommenheit des Verfassers noch häufen. Die Einstellung von Israels Geschichte in den Plan einer auf die ganze Welt abzielenden Heilsgeschichte in den prophetischen Reden will er nicht sehen, und wo in der prophetischen Predigt die Völker außerhalb Israels in den Kreis der Betrachtung gezogen werden und also.der universale Gedanke doch hervortritt, ruht er nicht, bis eine gewaltsame Deutung ihm das Bild getrübt hat. Es gelingt ihm nicht, ein Bild von Israel zu zeichnen, wie es nach seinen eigenen Zeugnissen sich gibt; er fällt immer wieder in die Vorurteile zurück, die eine jahrhundertealte, von einem theologischen Gegensatz beeinflußte Betrachtungsweise erzeugt hat. In seiner Gesamtauffassung von der Entwicklung des Judentums ist der Verfaffer noch durchaus inden Banden des bereits überwundenen Wellhausenschen Schemas. Insbesondere muß man der Darstellung zum Vorwurf machen, daß die Stellung der Propheten zum Kultus falsch gezeichnet ist, daß überhaupt die Frage des Kultus, seines Wertes und seines Rechtes nicht richtig erfaßt ist. Meinhold schildert den Gang der Entwicklung so, als hätten die Propheten einen grundsätzlichen Kampf gegen den Kultus überhaupt, nicht bloß gegen die Ueberschätzung seines Wertes, geführt, als hätten sie prinzipiell den Kultus abgelehnt und das Sittliche zum alleinigen Inhalt ihrer Forderung gemacht; gegenüber dieser Forderung hätten dann die Reform des Josia und das Deuteronomium mit dem Verlangen, daß nur eine Kultstätte sein dürfe, zwar einen Fortschritt bedeutet, insoweit dadurch der Kultus vereinfacht und das Eindringen heidnischer Sitten erschwert worden sei, im ganzen aber wären sie doch durch die grundsätzliche Anerkennung des Kultus ein Rückschritt gegenüber der besseren Anschauung der Propheten gewesen. Und als dann später das Priestergesetz hinzugekomnie» sei, hätte das einen weiteren Schritt auf dem Wege zum Abfall von der Reinheit der prophetischen Predigt bedeutet, denn damit habe der Kultus eine weitere Verstärkung erfahren, und wenn neben ihm auch die Forderung sittlicher Reinheit erhoben wurde, iminerhiu, es bedeutete den Sieg des Kultus, und unvermeidlich habe man so in die Ueberschätzung des Zeremoniellen Hineingleiten müssen. Also die Darstellung. An ihr ist die ganze Grundvoraussetzung falsch, daß die Propheten einen Kampf gegen den Kultus überhaupt führten. Ter Verfasser selbst gesteht zu, daß Jesaja und seine Zeitgenossen und seine Nachfolger nur gegen den Mangel an Uebereinstimmung zwischen kultischen! Gottesdienst und sittlicher Betätigung sich wandten, und er weiß für seine Behauptung nur eine Rede des Jeremias anzuführen (Kap. 7, V. 22): „Ich habe mit euren Vätern am Tage, da ich sie hinausführte aus Aegypten, nicht gesprochen und ihnen Befehle gegeben über Ganzopfer . . aber selbst wenn man sich das Recht herausnimnrt, dies Wort im Sinne einer grundsätzlichen Ablehnung des Kultus zu deuten, hat man noch lange nicht das Recht, ein so im Affekt, in der Hitze des Kampfes gegen eine Ueberordnung des Kultischen über das Sittliche gesprochenes Wort als programmatische Kundgebung hinzunehmen und aus ihm die ganze Gedankenrichtung eines Mannes entwickeln zu wollen. Im Ernst aber sollte man doch endlich einmal mit dem Gerede aufhören, die Propheten hätten sich gegen den Kultus gewandt, d. h. gegen jeden irgendwie durch äußere Form sich kundtuenden Gottesdienst. Wo nicht ein schrankenloser Individualismus gepredigt wird, und die Propheten sind doch davon weit entfernt, wo Gemeinschaftsgefühle vorhanden sind, und die Propheten pflegen sie doch bewußt, muß das gemeinsame Gefühl nach gemeinsamem Ausdruck streben, muß also, auf das Reich des Religiösen bezogen, ein Kultus sein; man kann ihn aus das denkbar geringste Maß beschränken, aber auch beim Mindestmaß bleibt die Idee eines Kultus. Zu welchen Jrrtümern Meinhold durch seine These verführt wird, kann man z. B. daraus erkennen, daß er, um sie zu retten, sich zu der Behauptung versteigt, diejenigen, die Jeremia mit dem Tode bedrohten, seien die Kreise der deuteronomistischen Reformer gewesen, „weil er ihnen mit seinem Kampfe gegen ihre Reformen als Feind Jahwes und der Religion erschien"; man faßt sich, wenn man das liest, unwillkürlich an den Kopf. Jedermann kann im Propheten selber Nachlesen, daß seine Gegner gerade diejenigen waren, gegen deren Götzendienst und Unsittlichkeit und unsoziale Gesinnung seine Predigt eben im Sinne des Deuteronomiums gerichtet war. Um seine Behauptung von der Ueberschätzung des Kultus in jüdischen Kreisen zu stützen, schreckt Meinhold nicht davor zurück, Sätze der Bibel willkürlich zu deuten. Wer gibt ihm z. B. das Recht, den Psalmvers 19, V. 13 „wer kann merken, wie oft er fehlt?" auf Verfehlungen gegen kultische Bestimmungen zu beziehen? Wo ist ini Zusammenhang des Verses oder im Lexikalischen dafür auch nur der Schatten eines Anhalts? Auch sonst ist der Verfasser von willkürlichen Deutungen nicht frei. Jesaja redet gern von Gott als dem „Heiligen Israels", und es ist wohl noch nie jemand eingefallen, nach dem ganzen Charakter Jesajas in diesem Wort etwas anderes als einen sittlichen Inhalt, die Predigt von Gott als dem Inbegriffs aller Sittlichkeit, zu erblicken, aber Meinhold, der auch bei Jesaja vorwiegend eine partikularistisch-nationale Gottesidee wahrhaben will, erklärt aus eigener Machtvollkommenheit „der Heilige „d. h. Allmächtige Gott" Israels", denn wäre es anders, wäre ja, Gott behüte, seine Behauptung falsch. Schlimmer aber noch als diese Jrrtümer, die aus der Irreführung durch das System, in das der Verfasser sich hineingedacht hat, zu erklären sind, sind offenkundige Unrichtigkeiten. So z. B. die Angabe, daß der Sabbat ursprünglich Vollmondsfest gewesen sei, eine Behauptung, für die es einen Anhaltspunkt nicht gibt. Was soll man aber gar dazu sagen, daß die Schilderung der Gefahr der Spaltung der einheitlichen israelitischen Gottesvorstellung durch die mit den alten Kultstätten verbundenen Erinnerungen von folgender Anmerkung begleitet ist: „vgl. z. B. das Herumhinken um den Altar zu Pniel, das auf das Hinken Jakobs nach seinen! Gotteskampf zurückgeführt wird"? Niemand außer dem Verfasser kennt diesen Vorgang: Gunkel fällt es einmal ein, den Gedanken hinzuwerfen, es könnte vielleicht mit dem Hinken Jakobs ein kultisches Hinken verbunden sein, dessen Existenz er aus 1. Kg. 18, Vers 26, zu erschließen sich für berechtigt hält, und Meinhold macht aus dem Traum schon eine Wirklichkeit. Es ist wirklich ein starkes Stück, solche Träumereien wie etwas Sicheres und Altbekanntes vorzutragen; und wenn dieser Punkt auch im Zusanunenhang des Buches nicht von wesentlicher Bedeutung ist, immerhin, er wirft ein eigentüinliches Licht auf die Genauigkeit der ganzen Darstellung. Schief und widerspruchsvoll, in sich gespalten sind die Ausführungen über die Epoche des Hellenismus. Bald werden die Hellenisten dargestellt als die Reineren und Tieferen, die Bewahrer der prophetischen Anregungen — wie wenn es sich den Hellenisten um Kampf gegen Opfer und Zeremonien für tiefere Frömmigkeit und reinere Sittlichkeit gehandelt hätte! - und der Widerstand gegen den Hellenismus wird erklärt aus der Tatsache, daß „den Juden das Sichzcrsleischen um der