Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 27. Oktober 1916 80. Jahrgang Nr. 43 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonneme nt s'preis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phittppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Vertag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Eme neue Wiederholung alter Jrrtümer. Von Rabbiner Ifllljmi« Dr. Max Dienemann, Ratibor. — Die Woche. — Königlicher Rat Schondor Alexander in Zagreb (Kroatien). Von Professor Dr. G. Schwarz. — Abschied von Palästina. Von Heinrich Pork- St einer. — Jeuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulver mann. — Literarische Mitteilungen. —, Büchereinlauf. Der Geureindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Lötzen (Ostpr.), Danzig, Beuthen O.-S., Aus der Provinz Posen, Hamburg, Essen, Gelsenkirchen, Hannover, Nürnberg, Budapest, New Uork. — Von Nah und Fern. lkinr neue Wiederholung alter Jrrtümer. Vvn Rabbiner Dr. Mar Diene mmin, Ratibor. n der Sammlung „Wissenschaft und Bildung" veröffent- \ licht Professor D. Meinhold eine kurzgefaßte Geschichte des jüdischen Volkes^. Die Sammlung hat den Zweck, die Ergebnisse der Forschungen aus allen Wissensgebieten zu wringen und den Leser schnell und mühelos, und ohne daß Fachkenntnisse vorausgesetzt werden, in das Verständnis wissenschaftlicher Fragen einzusühren. An und für sich ist es darum freudig zu begrüßen, daß ein auf solches Ziel gerichtetes Unternehmen dieses Thema zur Darstellung bringt; es ist damit unserer alten Forderung Rechnung getragen, daß die Kenntnis der jüdischen Geschichte und der Entwicklung des Judentums als ein unentbehrlicher Bestandteil der allgemeinen Bildung angesehen werden muß. Es ist also doppelt zu bedauern, daß das Urteil über das Buch im ganzen ein ablehnendes wird, ablehnend deshalb, weil es Behauptungen, die längst als irrig widerlegt sind, als gesicherte Ergebnisse unbefangener wissenschaftlicher Forschung vorträgt. Dagegen muß man sich bei Darstellungen, die etnenj nichtsachverständigen und darum unkritischen Publikum Wissen vermitteln sollen, mit besonderem Nachdruck wenden; hier ist die Gefahr, daß irrige Vorstellungen als unumstößliche Wahrheiten sich in den Köpfen festsetzen und daß so eine falsche Denkform geprägt wird, besonders groß. Das ablehnende Urteil darf uns nicht hindern, zunächst das Gute des Buches anzuerkennen. Es ist anregend und flüssig geschrieben. Von mancherlei Entstellungen, die man in anderen Werken über das gleiche Thema fand, hält es sich fern. Der Verfasser betont ausdrücklich, daß es nicht angehe, wie so viele Schilderer der alten Geschichte Israels es gern taten, von einer „knechtischen Furcht" zu reden, die angeblich in den Frömmigkeitsäußerungen Israels hervortrete; er spricht es aus, daß nicht Furcht sich offenbare, sondern vielmehr Ehrfurcht, in die sich kindliches Vertrauen, Liebe zu Gott und rührende Freude an seiner Gemeinschaft mischt. Man findet in dem Buch Ansätze zu einer besseren Würdigung der Pharisäer; der Verfasier wertet sie nicht mehr als Heuchler, er ahnt den Ernst und die Tiefe ihres Wesens. Herfords prachtvolles Werk über das pharisäische ') „Geschichte des jüdischen Volkes von seinen Anfängen bis gegen 600 n. Chr." Von Prof. v. Meinl,old. >016. Quelle II. Meyer (Leipzig). ,09 2. 1,25 Mark. Judentum scheint ihm allerdings entgangen zu sein, sonst hätten dessen Ausführungen mehr Widerhall in seiner Darstellung finden müssen. Er fühlt im Gegensatz zu der landläufigen christlichen Darstellung, daß man sich die Juden nicht als kriechend und stöhnend unter der Last des Gesetzes vorstellen darf. Der Wert, der in dem Besitz einer als heilig verehrten Schrift liegt, wird deutlich erkannt, und ausdrücklich wird hervorgehoben, daß, wenn auch durch ihre Geltung das Auftreten neuer religiöser Heroen nach Art der Propheten ausgeM)öltet worden sein mag, doch durch sie die allgemeine Höhenlage der Religion vergrößert wurde. Ansprechend ist ferner die Art, wie der Gegensatz zwischen Pharisäern und Sadduzäern zu erklären versucht wird. Aber daneben steht leider eine Fülle von Dingen, die stärksten Widerspruch und schärfste Ablehnung heransforderu. Manches trägt den ^Stempel einer kaum verhüllten Voreingenommenheit an sich. So zum Beispiel, wenn Israel schlechthin ein „oberflächliches Volk" genannt wird oder wenn die Erzählung von Alexanders des Großen angeblichem Besuch in Jerusalem als „charakteristisches Zeichen jüdischer Großmannssucht" betrachtet wird. „Oberflächlich", „Großmannssucht", solche Worte gehören in das Schimpflexikon eines Parteigängers, aber nicht in ein wissenschaftliches Büch, das Tatsachen zu schildern und nicht Werturteile abzugeben hat. Voreingenommenheit schlimmster Art ist es, wenn, ohne auch nur den Schatten eines Beweises zu bringen, behauptet wird, daß in dem Nächsten im Satze „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" man nur den Volksgenossen und den zum Volksgenossen gewordenen Prosechten verstanden habe. Auf das Selbstzeugnis Israels in dem Verständnis des Satzes zu achten, fällt dem Verfasser gar nicht ein; er behauptet glatt und schlank, was als Vorurteil in ihm lebt; von wissenschaftlicher Genauigkeit ist solches Verfahren weit entfernt. Besonders kraß tritt diese Voreingenommenheit hervor in einer Bemerkung über den Erwerb von Proselhten. Er sagt in Anlehnung an das Evang. Matth. 23, V. 15 wörtlich: ... . . die Juden selbst gehen auf das Gewinnen, auf das Einsangen von Proselhten aus. Das ist wohl zu verstehen. Denn diese brachten ihnen gewiß großen Zuwachs an Macht, Bedeutung und, Besitz." Es bleibe dahingestellt, ob es berechtigt ist. aus dem Evangelium, wie Verfasser es hier tut, auf Zustände in der Epoche von Esra bis zum Untergang des persischen Reiches zu schließen. Aber selbst das beiseite gelassen, gibt es für den Wunsch, Gesinnungsgenossen zu werben, noch dazu, wenn es sich um etwas so Heiliges wie die Verkündigung der Lehre von dem einen Gott handelt, wirklich gar keine andere Erklärung als das Streben nach Macht und Einflußerweiterung? Weiß der Verfasier nicht aus der Geschichte seiner Religion, daß jede kraftvoll in sich ruhende Gemeinschaft aus der Erkenntnis von der sittlichen Notwendigkeit, die Wahrheit jedermann zu künden, sich innerlich gezwungen fühlen muß, herauszutreten und ihrer Denkweise neue Anhänger zu gewinnen? Oder sollte das die Meinung sein, daß