Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-18 · Heft 42 (18.10.1916) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 42 (18.10.1916)
Date
1916-10-18
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229275--72612-3285064
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ansprache. Nach längerer Vakanz ist damit das durch den Tod des Herrn Rabbiners Dr. Rülf verwaiste Landesrabbinat wieder besetzt. L. Frankfurt a. M., 11. Oktober. Trotz schwieriger Beschaffung von Lebensmitteln ist es dank milder Beiträge den vereinigten Verwaltungen der Israelitischen Kinderheilstätte und des Israelitischen Frauenheims in Bad Nauheim gelungen, in -der nun zu Ende gehenden Saison in ihren Häusern, Frankfurter Strafte Nr. 47 und 49, ungefähr 300 Herzkranken Frauen und Kindern Linderung und Heilung zu verschaffen. §2 Frankfurt a. M., 11. Oktober. Vielfach hatte es sich als schwere Härte erwiesen, daß orthodox gesinnte Angestellte, die sich einem Heilverfahren in einem nichtrituellen Sanatorium unterziehen sollten, vom Direktorium der Reichsversicherungsanstalt damit vor die Wahl gestellt wurden, entweder auf die ihnen gesetzlich gewährleisteten Versicherungsvorteile zu verzichten oder sich einer schweren religiösen Verfehlung schuldig zu machen. Ein rituell geführtes Sanatorium steht der Reichsversicherungsanstalt bisher nämlich nicht zur Verfügung. Neuerdings hat das Direktorium nunmehr,, wie uns aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" mitgeteilt wird, dankenswerterweise eine mildere Praxis eintreten lassen. Es hat einer Versicherten auf ihren Antrag „ausnahmsweise" statt der Sanaloriumsbehandlung einen angemessenen Zuschuft zu den Kosten eines von ihr selbständig durchzuführenden Heilverfahrens in einem Badeorte bewilligt, wobei natürlich für ärztliche Kontrolle gesorgt wird. Nachdem somit die Möglichkeit und gesetzliche Zulässigkeit dieses Entgegenkommens erwiesen ist, darf man hoffen, daß in Zukunft in allen ähnlichen Fällen dieser gerechte Ausweg zur Vermeidung von Gewissensdruck beschritten werden wird. L. Wiesbaden, 11. Oktober. Hier starb vor kurzem Herr Jsae I o s e p h, Bankier aus Pforzheim, der nach dem Hinscheiden seiner Gattin hierher gezogen war und sich hier in werktätiger Liebe sehr stark betätigte. In allen Woh>ltäti>gkeitsvereinen stand er an der Spitze und wirkte durch sein Vorbild beispielgebend. Auch war er ein hervorragendes Mitglied der hiesigen U.-O.-B.-B.-Loge. Der Dahingeschiedene hinterlieh drei Kinder; sein Sohn steht im Felde, eine seiner Töchter ist mit dem beliebten Oberkantor der hiesigen Gemeinde, Herrn Kapell, verheiratet, eine andere Tochter ist eine geschätzte Malerin. L. Mainz, 11. Oktober. Im Jahre 1716, also vor 200 Jahren, wurde das Kloster Johannisberg im Rheingau aufgehoben. Aus dem Kloster Johannisberg wurde das Schloß Johannisberg, dessen Name allen Weinkennern und Verehrern des deutschen Rheinweins überaus hold und vertraut klingt. Die Bekanntschaft mit dem Wein lind dem Weinbau verdankt unser Vaterland den alten Römern; der Weinbau in größerem Stil wurde aber erst, wie der noch nicht lange verstorbene Prof. Berlin e r nachgewiesen hat, von Juden, die über Spanien nach Lothringen und den Rhein kamen, den Deutschen gelehrt. Namentlich wurden die Insassen der christlichen Klöster ihre gelehrigen Schüler. Im Jahre 1106 siedelte der Erzbischos Nuthard von Mainz auf der damals öden, kahlen Höhe, aus der jetzt Schloß Johannisberg liegt, Benediktiner an. Als bald daraus der Rheingras Richolf sich an einem Johannistage Ausschreitungen gegen die Mainzer Juden zuschulden kommen lieft und diese sich darüber beim Kaiser beschwerten, wurde dem Erzbischos, dem Schwager des Rheingrasen, die Buße auferlegt, daß er der in Rede stehenden Klosteransiedlung in der Nachbarschaft große Ländereien überweisen mllßte. Diese Ueberweisung wurde als Sühneschenkung noch besonders dadurch gekennzeichnet, daß das Kloster zur Erinnerung an den belvußten Johannistag den Namen Johannisberg erhielt. Das Schloß Johannisberg wechselte in -den 200 Jahren häufig seinen Besitzer, bis es der Kaiser von Oesterreich seinem allmächtigen Minister Metternich als Lehen verlieh. Dieser weilte häufig im Sommer dort, wo ihn Rabbi Anschel Rothschild zu besuchen pflegte. Fürst Metternich machte dann in der Frankfurter Judengasse seinen Gegenbesuch. Rothschild war einer der besten Kunden der Fürstlich Metternichschen Domäne, und als bei einem Besuche des Fürsten dessen Wagen zur Abreise bereits vor der Tür des Rothschildschen Hauses stand, besaht der Baron, daß man dem Fürsten 25 Flaschen Johannisberger „für Wegzehrung" neben einigen Eßwaren in den Wagen lege. Der Freiherr hatte kurz vorher 200 Flaschen Johannisberger zu 40 Gulden die Flasche gekauft. Der alte Fürst schmunzelte, als er diese Noblesse des Barons bemerkte, und sagte zu seiner Reisebegleitung: Jetzt werden wir den Alten mal schön „uzen"; bei nächster Bestellung bekommt er diese 25 Flaschen wieder mitgeliefert. Als der Baron späterhin von dieser Auslassung Metternichs erfuhr, sagte er: Eine Bemerkung Metternichs, die er bei seinem Besuche machte, brachte mir mehr ein, wie 10 000 Flaschen Johannisberger wert sind. Grsterreich-Angarn. 2. Karlsbad, 10. Oktober. Nach längerem Leiden verschied hier im 84. Lebensjahre der Großindustrielle Ludwig Nt o s e r, der zu den markantesten Persönlichkeiten Alt-Karlsbads zählte. Geboren am 18. Juni 1833, nahm er tätigen Anteil an der Entwicklung des Kurortes, insbesondere der jüdischen Gemeinde in Karlsbad, deren Vorsteheramt er mehr als vier Jahrzehnte hindurch in vorbildlicher Weise verwaltet hat. — Lazar Moser war Inhaber der eine lange Zeit berühmten jüdischen Restauration, war daher der erste in Karlsbad dauernd seßhafte Jude. Sein Sohn, Ludwig Moser, ist wohl als der erste in Karlsbad geborene Karlsbader Jude zu betrachten. 3m Jahre 1869 konstituierte sich die jüdische Gemeinde in Karlsbad zum erstenmal. Schon damals ist Ludwig Moser einer ihrer Vertreter gewesen, um bald die führende Stelle zu erhalten, an die ihn das Vertrauen seiner Gemeinde bis zu seinem Tode immer aufs neue berufen hat. Hervorragenden Anteil hatte' Ludwig Moser an dem Baue der schönen Synagoge, an der Gründung des Kaiser-Franz- Josef-Hospizes, des Vereins „Ferienheim", dessen Ehrenpräsident er war. — Anläßlich des 80. Geburtstages unseres Kaisers wurde der Verstorbene mit dem Franz-Josef-Orden ausgezeichnet und besitzt and) mehrere andere Auszeichnungen fremder Regenten. An der Bahre des Verstorbenen trauern die Witwe und sechs Söhne. Die große Achtung und Hochschätzung, welcher sich Ludwig Moser nicht nur in Karlsbad, sondern überall dort, wo man sein 42 jähriges Wirken kannte, erfreute, fand ihren Ausdruck bei der Beerdigung am vorletzten Sonntag. Schon um 2 Uhr, eine Stunde vor der angesagten Trauerfeier in der Synagoge, füllte sich die Parkstraße mit Menschen, und je näher die Zeit heranrückte, in welcher die Tore der Synagoge geöffnet wurden, desto größer wurde das Gedränge der Menschen, welche Einlaß zu erlangen suchten. In der Synagoge war die heilige Lade schwarz drapiert; um Fuße derselben wurde der Sarg postiert, der, den Intentionen der Familie entsprechend, nur mit einem einzigen Kranze geschmückt wurde, und zwar von der Repräsentanz und dem Vorstande der Kultusgemeinde. Der Trauergottesdienst wurde durch ein Gebet des Kantors L ö w i n g e r eröffnet, worauf der Tempelchor die ersten zwei Strophen des deutschen Liedes von Maste sang; sodann betrat Rabbiner Dr. Ziegler die Kanzel und schilderte in beredten Worten das Wirken des seit 42 Jahren als Kultusvorsteher im Amte gewesenen Dahingeschiedenen, indem er seiner großen humanitären Tätigkeit, seiner Verdienste um das Zustandekommen des Tempels, des Ferienheimes, des Jubilüumshospizes usw. in warmen Worten gedachte, die auch von Seiner Majestät durch wiederholte Auszeichnungen die gebührende Anerkennung fanden. Hierauf wurde die Leiche aus der Synagoge zum Leichenwagen getragen, und eia schier endloser Zug bewegte sich zum Friedhofe, in welchem man nach etwa einer halben Stunde anlangte. Die Kultusgemeinde in Karlsbad hat ihrem verewigten Vorsteher eine Gruft gewidmet, und nach den rituellen Gebeten wurde der Sarg in dieselbe versenkt. An der offenen Gruft sandten Vorsteherstellvertreter Adolf Rosenfeit), der seit Jahrzehnten gemeinsam mit Ludwig Moser an der Spitze der Kultusgemeinde steht und in mustergültiger Weise dieselbe geleitet hat, einen tiefergreifenden Nachruf dem Dahingeschiedenen nach. Sodann gedachte Dr. Ferdinand Fleischner des Verewigten in warmen Worten des Abschiedes namens des Humanitätsvereins „Bnai Brith"; dann sprach Fabrikant Oskar Gut- Her z als Obmann des Vereins „Ferienheim", der dem Verstorbenen, als Ehrenvorsitzenden dieser Humanitären Vereinigung, den letzter! Gruß entbot. Die jüdische Gemeinde Karlsbad wird dein Dahingeschiedenen ein dauerndes dankbares Gedenken bewahren. Von MH und jfern. — An den hohen Feiertagen ist wiederum eine sehr große Anzahl von Gottesdiensten im Felde abgehalten worden, so in verschiedenen französischen, flandrischen, belgischen, russischen, polnischen, litauischen, serbischen und mazedonischen Städten und Dörfern, lieber alle einzeln zu berichten, ist uns leider nicht möglich. Die Herrn im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.