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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-18 · Heft 42 (18.10.1916) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 42 (18.10.1916)
Date
1916-10-18
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
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noi seien hier nur einige Proben wiedergegeben: „Lautes Wortgeklingel . . . Unbändig aber wird die Heiterkeit des Lesers in dieser ernsten Zeit . . . Den Freunden unfreiwilligen Humors sei diese Schrift angelegentlichst empfohlen." So urteilt in einem jüdischen Blatte der gewiß ehrenwerte, aber in weitesten Kreisen unbekannte Herr Dr. Witkowsky über die europäische Persönlichkeit, die den Namen Hermann Cohen trägt. Das ist der „gute Ton des wahrhaft konservativen Politikers", den uns Herr Dr. Emil Cohn als vorbildlich anpreist. Nein, da halte ich es doch lieber mit den liberalen „Politikern der Gasse"! Die konservativen und reaktionären Zeitungen Deutschlands beziehen sich dem deutschen Liberalismus gegenüber zuweilen auf Aeußerungen der „Jüdischen Presse". Es ist Zeit, ' einmal mit aller Deutlichkeit fit erklären, daß die „Jüdische Presse" unter Ausschluß der jüdischen Oeffentlichkeit erscheint und daß die große Masse der deutschen Juden, Juden allerreligiösen Richtunge n und keineswegs nurdieliberalen Juden, die Verantwortlichkeit für diese Zeitschrift mit Entschiedenheit ablehnen. Schon hat — gelegentlich der Debatte über Cohen — ein Frankfurter meines Wissens religiös durchaus konservativer Rabbiner in der „Christlichen Welt" mit Entrüstung gegen jene Zeitschrift Stellung genommen, und ich zweifle keinen Augenblick, daß die besten der orthodoxen ' und zionistischen Glaubensgenossen die Verantwortung auch für den Emil Cohnschen Artikel weit von sich weisen werden. Denn was bedeutet diese Attacke gegenDemagogie und Anarchie des liberalen Judentums denn anderes als die Uebertragung der Methode des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie auf die politischen und religiösen Auseinandersetzungen innerhalb des Judentums! — Dr. Cohns weitere Ausführungen lausen dann immer wieder darauf hinaus, daß die Liberalen die Leute sind, die die Fensterscheiben des Judentums zerschlagen. Bismarck hat jenes Schlagwort mit gewohnter rhetorischer Meisterschaft für politische Verhältnisse geprägt, wo es in der Tat zur Klärung beitragen kann. Dr. Cohn überträgt es auf das religiöse Gebiet, wo es nicht hineiirpaßt, und nicht genug damit, es einmal zu gebrauchen, verwendet unser (auf seinen literarischen Fund sichtlich stolze) Gegner das Wort zweimal, dreimal, immer wieder, bis er schließlich das ursprünglich so lebendige Bild wirklich zu Tode gehetzt hat. (Es zeigt sich hier jener bemerkenswerte Mangel an ästhetischem Feingefühl, der z. B. auch Dr. Cohns sehr gut gemeinte, aber nicht gekonnte Nachdichtungen des großen Hebräers Jehuda ben Halevi aus einem Verdienste manchmal beinahe zu einer Versündigung macht.) Ludwig geb» i. Mai I85Y Nun, ich will Herrn Dr. Cohn den Gefallen tun und den Vergleich akzeptieren. Ich will Herrn Dr. Cohn auch die Konzession machen, daß er ganz gewiß keine Fensterscheiben einschlägt! dazu ist unser auf vorgeschriebenen und festgelegten Bahnen wandelnder Gegner denn doch zu gesetzeStreu. Aber etwas anderes will er: er ivill die Fenster des deutschen Judentums vermauern, damit kein Licht und keine Luft herein kann. Ich habe oben einige Worte Bubers wiedergegeben. Ich lasse dahingestellt, inwieweit der Gegensatz, den Buber zwischen Religion und Religiosität zieht, zutreffend ist; entscheidend ist und insofern stimmen wir liberalen Juden allerdings mit Buber überein —, daß es uns nicht auf die Form ankommt, sondern auf den Gehalt. Nicht äußerliche Formen, Gesetze, Ge- _bräuche bilden das Wesen der Religion, sondern nur darauf kann es ankommen, die ewig großen Grundgedanken des Judentums klarzulegen und aus ihnen Kraft und Richtschnur für unser Leben zu gewinnen. Dies ist der Sinn des liberalen Judentums, und insofern können wir die freien und mutigen Worte Martin Bubers auch unsererseits gern akzeptieren. In diesem Sinne glauben wir dem Geiste der der großen Männer des Judentums, dem Geiste der Propheten, dem Geiste eines Hillel gerecht zu werden. Ich sage nicht, wir müßten sonst „vor unseren Vätern erröten". Und ich gebrauche diesen Ausdruck nicht, weil mir die hohle Phrase schon im politischen Leben widerstrebt und ich sie auf das religiöse Gebiet am allerwenigsten angewendet wissen möchte. — Würden alle Männer so denken wie Herr Dr. Emil Cohn, dann würden unsere christlichen Mitbürger noch heute die Heren auf dem Marktplatze verbrennen, auf daß „sie vor ihren Vätern nicht erröten müßten"; und wir deutschen Juden würden im Kaftan hevumlaufen, unseren Frauen die Haare abschneiden lassen und — von jeder Teilnahme an der deutschen Kultur ausgeschlossen — Jiddisch sprechen, auf daß „wir vor unseren Vätern nicht erröten müßten". Gott sei Dank, daß es immer Männer gegebenhat, dieMutgenug hatten, die Fensterscheiben einzuschlagen. Wir predigen in der jetzigen Zeit nicht den Kampf gegen die Orthodoxie, nicht den Kamps gegen den Zionismus; Gegensätze wollen nach wie vor in ruhiger und sachlicher Weise ausgetragen werden, aber solange der Feind vor den Toren steht, rst brüderliches Miteinanderarbeiten unsere Losung. Nicht den Orthodoxen, nicht den Zionisten als solchen, wohl aber denjenigen Gegnern, welche Frieden oder sachliche Auseinandersetzung nicht wollen, sondern die sich die Dr. Cohnsche Losung „gegen Demagogie und Anarchie" zu eigen machen, werden auch wir liberalen Juden die rechte Antwort zu erteilen wissen, indem wir auf unsere Fahnen die Worte schreiben: gegen mittelalterliche Unduldsamkeit und gegen beschränkten Fanatismus. v. Gerngros gest. 5. Gktober J9(<>.

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