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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-11 · Heft 41 (11.10.1916) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 41 (11.10.1916)
Date
1916-10-11
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 bleiben. Von dem der Stadtgemeinde verbleibenden rohen Fett, das im Polizeihos verkauft wird, erhalten die Juden dann nichts; sie müssen sich bei den jüdischen Metzgern mit dem diesen zugewiesenen rituellen Fett begnügen. SS Frankfurt a. M., 4. Oktober. Die am 1. Oktober eingeführte Reichssleischkarte bringt bekanntlich die Freizügigkeit der Fleischkarte insofern, als auf Reisen überall Fleisch auf die Abschnitte der Karte entnommen werden kann. Unberührt bleibt jedoch an und für sich das Recht der Gemeindeverwaltungen, in ihrem Bezirke die Fleischverteilung zu regeln und sich gegen Störungen dieser Regelung durch Verbote der Fleischeinfuhr und -ausfuhr nach und aus dem Kommunalbezirk zu schützen. Denjenigen rituell geführten jüdischen Haushaltungen, die an ihrem Wohnorte kein Koscherfleisch haben können und auf den Bezug von auswärts immer angewiesen waren, ist also durch die Reichssleischkarte noch nicht geholfen. Unter diesen Umständen ist mit großer Befriedigung eine soeben ergangene Verfügung der preußischen Landesfleischstelle Zu begrüßen, durch welche die Provinzial-(Bezirks-)Fleischstellen angewiesen werden, den berechtigten Wünschen rituell geführter Haushaltungen, die ihr Fleisch mangels eigener ritueller Schächteinrichtungen am Orte immer von auswärts bezogen haben, Rechnung zu tragen. Diese Haushaltungen müssen sich an dem Orte, von dem sie Fleisch zu beziehen wünschen, in Kundenlisten eintragen lassen und scheiden beim Fleischbezug an ihrem Wohnorte aus. Die Überweisung muh natürlich bei der zuständigen Provinzial-(Bezirks-)Stelle ausdrücklich beantragt werden, wobei auf die Verfügung der Landesfleischstelle vom 30. September — A. J. 128/16 — Bezug zu nehmen ist. Hoffentlich werden in den anderen Bundesstaaten ähnliche Verfügungen ergehen. Grstrrreich-Angarn. 2 Budapest, 4. Oktober. Bei sommerlich warmem Sonnenstrahl wurden am 24. v. M. die sterblichen Ueberreste Adolf A g a i s der Erde zurückgegeben. Ungemein groß war die Teilnahme, die sich u. a. auch in der schier unübersehbaren Zahl der zur Leichenfeier Erschienenen ausdrückte. Abordnungen sandten die K.i s s a l u d y - G e s e l l sch a f t, 5ßetöfi«®ßfeIIfd)aft,Un* garisch - Israelitische Literatur-Gesellschaft; korporativ erschienen die Redaktion des „Borsßem Janko", des bekannten Witzblattes, dessen Begründer und langjähriger Chefredakteur Agai war; ferner Staatssekretär im Justizamte Dr. Leopold Vadäß, Vizepräsident des Abgeordnetenhauses Geheimer Rat Karl v. Szaß, Hofrat Franz Sz 4 kely, Universttätsprofessor Dr. Ad. S z i l i, Hofrat S. L. B r e i t n e r, Vizebürgermeister D4r i, Bildhauer Telcs, Universttätsprofessor Heinrich M a r c z a l i, Reichstagsabgeordneter Andor Kozma, Professor Joh. Benedek, Hosrat Jul. Wrnterb e r g u. v. a. Vor dem Katafalk in dem mit Trauer- Pomp ausgestatteten Zermoniensaale hielt Rabbiner Dr. Julius Fischer dem Toten eine ergreifende Trauerrede und Oberkantor K w a r t i n brachte einen rührenden Trauergesang zum Vortrag. Namens der Kisfaludh-Gesellschast nahm Bernhard Alexander Abschied von dem Künstler, dem Schriftsteller, dem geliebten Freunde. Er beklagte, daß der Verblichene, der seine Freunde und sein großes Publikum anfänglich arg verwöhnt hatte, Freunde und Publikum dann ebenso arg vernachlässigte, sich selten sehen ließ und noch seltener etwas schrieb. Nach einer Wertung der eigenartigen Künstlerindividualität des Aestheten, des Empfindungsaristokraten, der, ein leichtsinniger Magnat des Geistes, seine Schätze an Geist, Wissen und Humor mit vollen Händen ausgestreut und verschwendet hatte, führte der Redner aus, Agai sei gewesen, „wie ein mittelstarker Wind, der keine Bäume entwurzelt, aber die Luft ringsum reinigt, ein homo socialis, ein Mensch unter Menschen; wir werden weder ihn je sehen, noch seinesgleichen". Die wunderschöne und tiefrührende Trauerrede machte auf die Versammelten sehr großen Eindruck. Namens der Petöfi-Gesellschast verabschiedete sich Gaza Lampörth von dem Toten, der dann in seiner erzenen letzten Hülle zu Grabe getragen wurde. Ehe die Schollen auf den Sarg kollerten, rief namens der alten Garde des „Borsßem Janko" Hofrat Franz Szskely Worte inniger Freundschaft und größter Verehrung dem Toten ins Grab nach. „Es ist das erstemal, daß du uns betrübst, lieber alter Freund, aber du tust es nun für allen Zeiten," sagte der Redner, dessen Stimme schließlich in dem Schluchzen männlichen Schmerzes brach. Nachdem noch für die Redaktion des „Borsßem Jankö" Eugen M o l n ä t dem Toten eine Grabrede gehalten hatte, wurde das Grab ausgefüllt. — Vor der Tagesordnung der außerordentlichen Generalversammlung des Schriftsteller- und Journalistenklubs „Otthon" gedachte der Vizepräsident Thom. K 6 b o x ergriffen des alten Klubmitgliedes Adolf Agai. „Es wäre unsere Pflicht," sagte er, „um diese Stunde an seinem Grabe zu weilen; nur administrative Agenden haben uns zurückgehalten, den Zoll der Pietät an der Bahre zu entrichten. Das Schicksal war ihm gnädig, denn es hatte ihm ein langes Leben gegeben, gefüllt mit einem Inhalte, wie er nur wenigen Sterblichen beschieden ward. Seine Schriftstellerlaufbahn hatte Agai bei dem Lichte von Talgkerzen begonnen, sein Krankenbett überflutete der Strom elektrischen Lichtes. Er war noch in der Diligence gereist und es war ihm gegönnt, Flugzeuge zu sehen. Die ersten Schriften seiner Jugend waren von modernem Geiste ebenso durchdrungen wie seine letzten Federzüge." — Aus Antrag wurde Agais Andenken in dem Protokoll der außerordentlichen Generalversammlung verewigt. Polen. M. B. Warschau, 3. Oktober. Einer der bedeutendsten jüdischen Lyriker ist in Odessa soeben mit S i m o n G r e g o r j e w i t s ch F r u g zu Grabe gegangen. Er spielte besonders eine Rolle als „Sänger des verfolgten Stammes". In ihm verliert die russische Judenheit den intimen, begeisterten Träger ihrer nationalen Leiden und ihres völkischen Glaubens. Im Jahre 1860 wurde Frug in der Landkolonie Bobrowa im Gouvernement Cherson geboren und lebte stets in der gesunden Atmosphähre des Dorfes, die er innig liebte. Mit 21 Jahren begannen aber für ihn die Leiden des intelligenten Juden, und 1881 erlebte er eitlen Progrom, der einen gewaltigen Eindruck aus ihn gemacht hat. „Zwei Gaben bescherte mir das Schicksal, den Durst nach Freiheit und den Stand eines Sklaven," sagte er, und dieser Gedanke durchdrang stets seine Seele. Daher weinte seine Muse so häufig in seinen Versen und malte ihm auch wiederum den Traum einer besseren Zu» kunft aus auf dem Boden einer eigenen Heimat in Palästina. Aus dem reichen Schatze der Bibel schöpfte er wiederholt den Stoff zu Erzählungen, Legenden, Balladen und Märchen. Er verstand es, sich in den Geist der Haggadah zu vertiefen und nach ihren Motiven Bilder nachzudichten, deren Formschönheit bewundernswert ist. Aus diese Weise machte er die klassischen Schriften des Judentums populär und weckte auch das Interesse für die hebräische Literatur. Er galt als der Liebling der Jugend, und die jüdischen Kinder lernen mit Freuden seine Gesänge, wie „Rabbi Amnon", „Die Tochter des Schames", dann „Das letzte Wiedersehen" usw. In all seinen Dichtungen lebt ein prophetisches Pathos neben der schlichten Sprache der russischen Poesie und der Neigung zur Allegorie. Wenn Frug auch hauptsächlich für'jüdische Zeitschriften schrieb, so war er doch auch ein gern gesehener Gast in den vornehmsten russischen Blättern, und Kritiker von Ruf, wie Skabitschewskh, Arsenjew u. a. m., schätzten sein Talent ungemein hoch ein. Es ist bezeichnend für die nationale Richtung von Frug, daß er in den letzten Jahren seines Lebens sich lebhaft mit dem Jargon beschäftigte, in der Erkenntnis, daß er sich der Masse der russischen Judenheit verständlich machen müsse, um durch die Dichtung aufklärend und erhebend auf sie wirken zu können. Amerika. z. New Aork, im September. Unter der Ueberschrift „Befreiung einer amerikanischen jüdischen Familie durch die Oesterreicher" ver-. öfftntlicht die „New Work World" einen ausführlichen Aufsatz, in welchem die Befreiung einer amerikanischen jüdischen Familie, die in Rußland weilte, aus den Händen der Kosaken geschildert wird: Herr und Frau Julius Sch um er samt Sohn — so schreibt die „World" — sind soeben aus Rußland, woselbst sie das Heim ihrer Eltern besucht hatten, nach Amerika zurückgekehrt und berichten über die ihnen zuteil gewordenen Mißhandlungen durch die Russen. Schumer glaubte, daß der amerikanische Paß, den er für sich und seine Familie besaß, rhn vor allen Unbilden schützen würde; allein so oft er seinen Paß zeigte, schrien die Russen: „Zum Teufel mit den Amerikanern!" In dem Orte, in welchem er weilte, wurden die Christenhäuser mit Kreuzen versehen und die jüdischen wurden bis auf die Mauern ausgerauht und dann niedergebrannt. „Wir selbst wurden, trotzdem wir immer wieder unseren amerikanischen Paß vorzeigten, von den Kosaken mit vorgehaltenem Bajonett von Ort zu Ort getrieben, und so oft jemand

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