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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-11 · Heft 41 (11.10.1916) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 41 (11.10.1916)
Date
1916-10-11
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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ausglitt und niederfiel, stach der Soldat nach ihm, um ihn zu bewegen, rasch aufznspringen und wieder weiter zu laufen. Unter Tausenden von Russen, welche nur trafen, begegneten wir nur einem einzigen Russen, welcher überhaupt für eine Ansprache zugänglich war. Ich bat ihn auf den Knien, mich und meine Familie zu retten, imb er erwirkte uns von seinem Hauptmann, daß wir einen Wagen erhielten. Wir selbst haben Fälle gesehen, wo man alte Juden zwang, barfuß im Schnee zu gehen, und wiederholt begegneten wir Männern, deren Bärte an Pferdeschweise gebunden waren und sortgezogen wurden. Mein Bater und rneine Mutter starben infolge des Schreckens und der Entbehrungen; die Cholera brach aus und raffte im Orte meiner Eltern 40 bis 50 Personen täglich weg, die jedoch nicht beerdigt wurden. Man verlangte von den Dorfbewohnern 20 000 Rubel, und als dieselben nicht gezahlt werden konnten, verhängte man über die unglücklichen Dorfbewohner bis zu 75 Knutenhiebe. Junge Mädchen mußten 24 Stunden ununterbrochen arbeiten. Ich selbst hatte mich mit meiner Familie im Keller verborgen; allein schließlich zwang mich der Hunger hinauszugehen, und dies kostete mich beinahe mein Leben. Endlich kamen die Oesterreicher. Das Knattern ihrer Gewehre war uns die süßeste Musik, die nur je hörten. Wir lagen auf unseren Knien und baten, daß die Oesterreicher siegen mögen. Eine furchtbare Schlacht fand statt, in welcher General Pflanzer-Baltin nach hartem Kampfe siegte, und sobald er in die Stadt eiugezogen war, ließ er die jüdische Bewohnerschaft zusammenrufen und hielt eine Ansprache, die alle aufrichtete und mit neuem Lebensmut erfüllte. Wir alle brachen in ein dreimaliges Hoch auf Kaiser Franz Josef und die österreichische Armee aus; dann wurden denjenigen, die int Orte waren, Kleider gegeben. Bedürftige Familien mit mehr als fünf Personen erhielten 15 Kronen pro Woche aus der österreichischen Militärkasse, und gleichzeitig wurde mit dem Wiederaufbau der Zerstörten Wohnungen begonnen. Schumer hatte hierauf keine Schwierigkeiten, durch die österreichischen Truppen nach Oesterreich Zu gelangen, und durch Vermittlung eines amerikanischen Botschafters erhielt er dann die Mittel von Zu Hause, um mit seiner Familie nach Amerika ZurückZukehren. Von MH und jfrrn. — Frau Henriette M a y wird am Dienstag, den 17. Oktober, abends 8X> Uhr, im Saal der Gesellschaft der Freunde, Berlin W, Potsdamer Straße 9, über ihre Reise nach Polen während der Kriegszeit Bericht erstatten. Ter Bortrag wird veranstaltet gemeinsam vom H i l s s v e r e i n der Deutschen Juden und dem Jüdischen Frau c nbund, Ortsgruppe Berlin. — Der in weiten Kreisen unserer Gemeinde bekannte und hochgeschätzte Herr Magnus David F e i l ch e n s e l d , Mitglied des Kuratoriums des „Lehrlingsheims Pankow", ist am Morgen des Bersöhnungstages im 84. Lebensjahre verschieden. — In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistung ist der Privatdozent an der Universität Berlin Dr. James F r (in cf (Physik) zum Titularprofessor ernannt worden. — Die türkischen und arabischen Sprachkurse der „Deutsch- Israelitisch - O s m a n i s ch e n U n i o n", welche sich bereits im vergangenen Unterrichtsjahre eines regen Zuspruches erfreuten, werden im Laufe dieses Monats wieder eröffnet werden. — Anläßlich der Feier des Neujahrsfestes ist der neue Kreisrabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Insterburg, Dr. Zlocist i, in der Synagoge in sein Amt eingeführt worden. Stadtrat Eichelba u m , der Borsteher der Gemeinde, vollzog den feierlichen Akt. Rabbiner Tr. Z l o c i st i hielt dann seine Antrittspredigt, in der er eindrucksvoll über die Ausgaben und Ziele seines Amtes sprach. — Aus Soldau wird uns geschrieben: Bon langen und schweren Leiden rst Frau Emilie S ch m u l in Berlin durch den Tod erlöst worden. Seit Gründung unserem Frauenverein angehörend, hat sie ihm ihr bestes Können gewidmet und als dessen Borsitzende Großes geleistet! Stete Hilfsbereitschaft und nie versagender Wohltätigkeitssinn sichern ein bleibendes Denkmal unserem Ehrenmitglied. — Aus Frankfurt a. d. O. wird uns geschrieben: Zum Leutnant d. Res. befördert wurde der Bizefeldwebel Heinz W a ch s m a n n, 20 Jahre alt, Ritter des Eisernen Kreuzes 2. Klasse, Sohn des verstorbenen Apothekenbesitzers Herrn Adolf Wachsmann von hier. — In Lübeck verschied kürzlich Fräulein Jenny S a m s o n nach nur dreitägigem Krankenlager. Durch die Vornehmheit ihrer Gesinnung und ihre wahrhaft jüdische Handlungsweise war sie während ihres 18jährigen Wirkens in Lübeck allseits hoch geachtet und beliebt. Ihre aufopferungsvolle Hingabe zu jedem guten und wohltätigen Zwecke war mustergültig. Sie war die Stütze bedürftiger Familien und die treue Helferin ihrer Freunde. Sie verstand es, durch ihr Wohltun die Herzen aufzurichten und Kranke zu kräftigen. Ihr Andenken sei gesegnet. — Die Jüdische Gemeinde zu Dortmund hat zu Rauschhafchonoh ihren sämtlichen Beamten eine Teuerungszulage von 10 Prozent ihres Gehalts gewährt. — Herr Distriktsrabbiner Dr. Wohlgemut h in Kitzingen wurde durch Verfügung des Königlich Bayerischen Ministeriums für Kirchen- und Schulangelegenheiten der Unterricht in der englischen und französischen Sprache an der Königlichen Realschule in Vertretung eines zum Militärdienst eingezogenen Realschullehrers übertragen. — Oberlandesgerichtsrat Dr. Wilhelm S i l b e r s ch m i dt ist als Privatdozent für deutsches bürgerliches Recht und Handelsrecht und ihre Nebenfächer, insbesondere freiwillige Gerichtsbarkeit, Versicherungsrecht und Bergrecht, in die juristische Fakultät der Universität München zugelassen worden. — Von einen: schönen Akt jüdischer Nächstenliebe und Brüderlichkeit berichtet die Budapester „Allg. Jüdische Ztg.". In der Redaktion dieses Blattes erschienen fünf russisch-jüdische Kriegsgefangene, die in einer Budapester- Fabrik arbeiten, und erlegten 22 Kronen für die jüdischen Flüchtlinge aus Siebenbürgen. Nach ihren Angaben arbeiten in dieser Fabrik 17 jüdische und 2 christliche Russen, und als sie dort einen Ausruf für die siebenbürgischen Flüchtlinge lasen, beschlossen sie, von ihrer Löhnung einen gewissen Betrag für diese Flüchtlinge zu spenden. Auch die zwei christlichen Gefangenen beteiligten sich an der Sammlung. — Die jüdische Bevölkerung jenseits des Königssteigs ist verhältnismäßig klein an Zahl. Laut der Volkszählung vom Jahre 1910 betrug die Seelenzahl der Juden in Siebenbürgen in: ganzen 64 074, was 2,4 % der Gesamtbevölkerung in diesem Teile Ungarns entspricht. Am wenigsten ist das jüdische Element in dem Gebiete zwischen Theiß und der Maros vertreten. Durch den meuchlerischen Ueberfall Rumäniens wurden 13 siebenbürgische Komitate berührt. Die Bevölkerungszahl beträgt hier im ganzen 2 255 664, davon nach einer Meldung des „Eghenlöseg" 35 000 Juden oder 1,48%, welche jetzt gleichfalls ihre alte Heimat verlassen mußten. In ganz Ungarn beträgt die Z chl der Juden 5 % der Gesamtbevölkernng. — In Ezernowitz fordern die russischen Behörden alle wehrfähigen Männer von 18 bis 50 Jahren unter Androhung der Todesstrafe auf, beim Magistrat zu erscheinen, offenbar, um ins Innere verschickt zu werden. Es sind, jedoch sehr wenige. Ter der- Zeitige Stadtkommandant Oberst Brvnow versprach bei Audienzen in überaus liebenswürdiger Weise Schutz gegen die Soldateska. Russisch ist Amts- und Verkehrssprache, Rumänisch ist verboten. Gegen die Juden ist der Stadtkommandant schroff abweisend; in den Häusern von Juden sind Plünderungen häufig. Die Warenzufuhr aus Rußland hat ein Fallen der Preise der Lebensmittel verursacht. — Die Verordnung des russischen Ministeriums des Innern und des Kriegsministeriums wegen der Befreiung der jüdischen Rabbiner vom Militärdienst erhielt jetzt die Allerhöchste Bestätigung. Dieser Bestimmung gemäß wurde vom Ministerium des Innern die Reklamation der ersten Liste vor: 30 Rabbinern genehmigt. Genaue Listen der sämtlichen im kriegsdienstfähigen Alter stehenden Rabbiner werden gegenwärtig in allen Städten der Provinz zusammengestellt und dem Ministerium zur Bestätigung überreicht. — Im vergangenen Semester haben an der Warschauer Universität 521 jüdische Studenten studiert, d. h. 46 Prozent von der Gesamtzahl der Studierenden (1131). An den einzelnen Fakultäten war der Prozentsatz jüdischer Studenten wie folgt: Jus 26 Prozent, Philosophie 17 Prozent, Naturwissenschaften 33 Prozent, Medizin 66 Prozent und Pharmazeutik 31 Prozent. — Aus Lodz wird uns geschrieben: Der Ausschuß Zur Unterstützung verarmter jüdischer Kaufleute zählte anläßlich der jüdischen Feiertage 1200 Familien 3500 Rubel an Unterstützungen aus. — Die Abendkurse des Jüdischen Bildungsvereins wurden im abgelaufenen Sommersemester von 340 Personen besucht, die in elf Gruppen verteilt waren. 190 Personen erhielten Zeugnisse über Beendigung der Kurse. — Dr. Magnes aus New Jork, der im Aufträge des amerikanischen Hilfskomitees in Polen weilte, wurde in Wilna von einem Unfall ereilt. Als er den Armeerabbiner Dr. Sali L e v i besuchen wollte, wurden die Pferde des Wagens, in dem er fuhr, scheu und gingen durch. Dr. Magnes sprang heraus und stürzte so unglücklich, daß er sich eine schwere Verletzung an den Füßen zuzog. Er brach seine Reise ab und ließ sich im v-Zug nach Berlin befördern, wo er in einer Klinik ausgenommen wurde und seiner Wiederherstellung entgegensieht. Hoffentlich wird sie ihm recht bald zuteil werden. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastrabe 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.

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