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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-11 · Heft 41 (11.10.1916) · p. Seite 491

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 41 (11.10.1916)
Date
1916-10-11
Page
Seite 491 (sequence 11)
Language
German
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491 zweimal gut bewährt. Wollen Sie es nicht doch noch einmal versuchen?" „Nein, Herr Baron! Gerade weil ich es schon öfter angewendet, ist es mir gut bekannt, und darum weiß ich, daß es diesmal wirkungslos bleiben wird. Glauben Sie mir, Herr Baron, ich habe in der letzten Nacht so viele Gedanken darüber in mein Gehirn hineingepreßt, wie ich es hoffentlich in Zukunft in einem ganzen Jahre nicht mehr nötg haben werde." „Sie sehen auch ganz danach aus, Schmulikos," sprach der Präfekt, teilnahmsvoll das eingefallene, blasse Gesicht betrachtend. „Und darum bitte ich, Exzellenz, meine Entscheidung als unabänderlich anzunehmen. Herr Baron, wir sehen uns das letztemal auf Erden, ich danke Ihnen aufrichtig, aus der Tiefe meines gequälten Herzens, für all die Liebe, für das große, unendliche Wohlwollen, das Sie mir von der ersten Minute bewiesen. Und wenn ich Ihnen je nahegestanden, wenn mein bescheidenes Bemühen Ihnen je Zufriedenheit gewährt, dann betrachten Sie es als ein heiliges Wahrzeichen, als eine göttliche Mahnung, daß mein Stamm nur in der religiösen Auffassung von der Ihrigen sich unterscheidet, daß aber in geistiger und seelischer Hinsicht ein gemeinsames Band alle Menschen umschlingt. Ich bin nicht der einzige meines Stammes, der ein dankbares Gemüt besitzt, und jedes gute Wort, jede wohlwollende Tat findet einen tausendfachen Widerhall im Herzen meines Volkes. Mag die Trauer, die in diesem Hause eingezogen, eine Mahnung für alle Machthaber sein, daß Druck einen Gegendruck erzeugt, daß der Bogen nicht allzu straff gespannt werden darf! Ich bitte Sie noch, Herr Baron, meine tiefgefühlte Verehrung auch der Frau Baronin übermitteln zu wollen." „Gewiß, mein Junge, gewiß," war alles, was der Präfekt mit belegter Stimme äußern konnte. Ehe er sich wieder so weit gefaßt hatte, um im Zusammenhang sprechen zu können, hatte Schmulikos das Zimmer verlassen. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilche Mitteilungen. — Rollenhefte Karl Sehdelmanns. Aus den Handschriften veröffentlicht. Mit einer Einleitung von Max Grube nebst einer Bibliographie der Seydelmann-Literatur und zwei Bildertafeln. Berlin 1915. Selbstverlag der Gesellschaft für Theatergeschichte. (Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte, Band 25.) Dieses ganz außerordentlich wichtige Buch einer unserer rührigen literarischen Gesellschaften, die auch im Kriege ihre Tätigkeit nicht unterbrechen, ja nicht einmal vermindern, verdient an dieser Stelle eine kurze Erwähnung, weil unter den mitgeteilten Rollen auch die des Shylock sich befindet. Die Zeitgenossen äußerten sich über die Auffassung und Darstellung des berühmten Schauspielers in sehr verschiedener Weise. Costenoble schrieb 1841: „Ein so unkonsequentes Auffassen und Wiedergeben des Shylock war mir bisher kaum denkbar. Erstlich sprach er die Rolle oft in reinem Deutsch, dann wütete er wieder ganz gemein und machte mit Kopf und Händen die Männerchen eines Juden. Er trug den Körper fast ganz gekrümmt, er schoß in der Gerichtsszene vor dem Dogen und dem Rat hin und her. Er wußte in der ganzen Partie nichts zu berechnen als ein öfteres Wechseln des Tones, wodurch er die Aufmerksamkeit der dummen Zuhörer fesselte, die alles für tiefes Studium nahmen. In der hochtragischen Szene mit Tubal blieb er kalt und besonnen. Am Schluß winselte er wie eine Gebärerin, statt dumpf, matt und tonlos die letzten Worte auszuhauchen." Dagegen ist ein ungenannter Beurteiler aus dem Jahre 1855 voll Begeisterung. Er schreibt: „Sehdelmann arbeitete den gemeinen Geldjuden mit solcher Schlagkraft der Wahrheit aus, als wäre die Figur eben erst aus dem Knoblauchhaufen des Rialto hervorgekrochen. Der Ausbruch seines Zornes jagte Schrecken ein; er schien der brutale Teufel zu sein, der imstande war, das Fleisch aus lebendem Leibe herauszuschneiden. Und wie ihn der christliche Witz überlistete, verfiel Sehdelmann rettungslos dem Hohn der Verspottung. Er feierte seine Triumphe bei der Ausmalerei des Momentes: ich wollte, meine Tochter läge zu meinen Füßen." Die im Text unseres Werkes mitgeteilten Bemerkungen des Künstlers geben keine allgemeine Darlegung seiner Art der Auffassung, sondern nur einzelne Anweisungen zur Betonung, Bewegung usw. Sehr wichtig ist aber die Art, wie zwei Zeitgenossen sich über einzelne Momente der Rolle aussprechen. Ueber eine der Hauptstellen, 3. Akt, 2. Szene, wo Sehdelmann schreibt: „Shylock grinst mit teuflischem Hohn die beiden Freunde an, nimmt sein Messer hervor und wetzt es an der Sohle seines Schuhes", schreibt ein Theaterkritiker 1836: „Hoch empor schwingt Sehdelmann das Messer, in dem langen Barte herumwühlend, und schreitet wütend über die Bühne, daß es nur einen Blick mehr kostete rechts oder links im Publikum, um dieses fürchten zu machen, er werde hinwegspringen oder klettern über die Schranken und dem ersten besten den Hals abschneiden." lieber Akt 3, Szene 3 läßt sich ein Berichterstatter 1851 über Sehdelmanns Spiel folgendermaßen vernehmen: „Als Portia den Schein von Shylock verlangt, gab Shylock ihn nur sehr zögernd und mißtrauisch aus den Händen, ja, nur, nachdem er ihn ein-, zweimal zurückgezogen hatte, damit andeutend, daß er darum gebracht zu werden fürchte. Als Portia den Juden aufsordert, einen Feldscher zu nehmen, der Antonio verbinde, ließ sich Shylock mit den Worten: „Ist das so angegeben in dem Schein?" den Schein wiedergeben, durchlas ihn bedachtsam und sagte dann das „Ich kann's nicht finden, % ist nicht in dem Schein" mit einem Hohn, der herzzerschneidend war und nachher das Bestehen des Richters auf den starren Buchstaben des Scheins schlagend hervortreten ließ." Diese Bemerkungen allein sind schon geeignet, die Wichtigkeit der neuen Publikation darzutun; sie zeigen, welches Interesse der Band für jüdische Leser besitzt. Die literarisch Gebildeten unter unseren Lesern seien auf die Gesellschaft, die in den 13 Jahren ihres Bestehens außerordentlich wichtige Beiträge geliefert hat, nachdrücklich hingewiesen. L. G. * — „Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten." Hinterlassene Papiere eines französisch-preußischen Offiziers in drei Bänden. Egon Fleischel u. Co. in Berlin, 1915. Dieses unendlich vielgerühmte, mit vielen Reklamestößen ausposaunte Werk nüchtern zu besprechen, ist nicht leicht. Die drei dicken Bände (jeder von etwa 400 Seiten) lesen sich schwer. Das Buch ist so schlecht geschrieben, daß man manchmal meint, es, mit einer elenden Nebersetzung zu tun zu haben, oder auf die Vermutung kommt, der Verfasser sei ein gänzlich unliterarischer Mann. Das ist aber nicht der Fall, denn er hat als hoher Dreißiger mehrere Zeitschriften herausgegeben, ein großes historisches Werk geschrieben und in seiner Jugend sich viel mit Dichtung und Theater abgegeben; wollte er doch Schauspieler werden und kannte er doch z. B. Schillers „Räuber" auswendig, so daß er in Italien, da kein Exemplar jenes Stückes aufzutreiben war, das Ganze aus dem Kopf rezitieren konnte. Sodann wird der nüchterne Leser abgestoßen durch die Unmasse von erotischen Abenteuern, die hier nicht gerade mit absichtlicher Lüsternheit, aber mit einer Selbstverständlichkeit vorgetragen werden, als bestände die Lebensaufgabe eines Mannes darin, mit möglichst viel weiblichen Wesen geschlechtlich zu verkehren. (Es handelt sich hier niemals um Dirnen, nicht um bezahlte Kurtisanen, sondern um sogenannte anständige Frauen, die ihre Gunst verschenken.) Man hat häufig den Eindruck, als handle es sich bei dem ganzen Werke um eine bloße Nachahmung des berüchtigen Casanova, freilich um eine Uebertragung vom literarischen aus das politisch-militärische Gebiet. Zwischen beiden Werken herrscht aber der große Unterschied, daß Casanova, dieses Urbild der Schürzenjäger, in der Erzählung seiner Liebesgroßtaten immer liebenswürdig, amüsant, ja geradezu anmutig bleibt, daß er unbeschadet des Ausmalens einzelner Szenen selten die Grazie verliert, der deutsche Nachahmer aber, obgleich er sich viel seltener als der Italiener in die Schilderung von Einzelheiten verliert, grob und unflätig wird und nicht selten das Gefühl gähnender Langeweile hervorruft. Der Italiener plaudert höchst anziehend von der Literatur jener Zeit; der Deutsche, denn er gibt sich aus als ein Frankfurter Bürgerssohn mit Namen Fröhlich, der Deutsche hat es mehr mit dem Gebiete der Politik zu tun; er will, wie erwähnt, Schauspieler werden, wird aber Soldat, und zwar in französischen Diensten, hat sich an den Feldzügen von 1806 bis 1815 in Italien und Spanien beteiligt, war lange in Korfu — das ist wohl der geschichtlich wichtigste Abschnitt seiner Memoiren —, tritt dann in preußische Dienste, die er sehr bald quittiert, und wird Schriftsteller. Kulturhistorisch ist das Werk für die beiden ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts recht interessant. Hätte nur der Verfasser un§ die

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