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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-11 · Heft 41 (11.10.1916) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 41 (11.10.1916)
Date
1916-10-11
Page
Seite 490 (sequence 10)
Language
German
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490 Gregor. Geliebter, sage es mir noch einmal, daß du kein Geheimnis vor mir haben wolltest." „Ich kann es dir nicht nur sagen, Liebling, sondern ich will es dir auch beweisen. Höre, mein Herz, ich warte nur ans die Rückkehr deines Vaters, um ihm alles offen und ehrlich mitzuteilen. Mer es ist auch gar nicht freier Wille, daß ich ihm meine Herkunft, meine ganze Vergangenheit offenbaren will, sondern eine unabweisbare Notwendigkeit, eine Sache auf Tod und Leben. Du wirst es dann erfahren, warum es mir überhaupt unmöglich wäre, noch länger zu schweigen, selbst wenn ich gar wollte." „Wieder ein neues Geheimnis, Gregor? Warum soll ich es denn nicht bald wissen? Warum erst warten, bis Papa kommt?" „Das ist auch gar nicht meine Absicht. Ich will dich jetzt zu meinem besten Freunde führen; dort wirst du hören, was ich ihm zu sagen habe, und dann wird auch dir alles klar werden." „Ein Freund von dir? Hier? Ach, ja; du bist doch hier geboren! Denke doch nur, als wir bei unserer ersten Begegnung in Odessa von Ditomsk sprachen, wer hätte da denken können, daß es so kommen würde! Du herrlicher, du wunderbarer Mann!" rief sie voller Entzücken. „Wenn ich . . ." Sie brach ab, da ihr Blick von einigen jüdischen Hausierern gefesselt war, die mit gekrümmten Rücken, mit schleppendem Gang an ihr vorbeikeuchten. „Zu denken, was aus dir hätte werden sollen, und was du doch geworden bist! Und alles durch dich selbst, durch deine eigene Kraft!" Ein stolzes Lächeln umspielte seine Lippen, wie vielleicht bei Königen, wenn ihnen die Krone das erstemal aufs Haupt gesetzt wird. Was auch die Zukunft ihm bringen sollte, sie konnte für ihn keinen größeren Triumph enthalten als das Lob aus dem Munde der Geliebten, das ihm jetzt zuteil wurde. Blitzartig schoß ihm der Gedanke durch den Kops, wie sie damals den Judenbengel halbtot geprügelt und von den Hufen ihres Pferdes hatte zertreten lassen. — Welcher Unterschied, welcher Triumph ihre heutige Liebe! Aber auch noch eine andere Genugtuung, freilich nicht so groß wie diese, sollte ihm noch durch Baruch werden! — Ein Wonneschauer durchrieselte seine Brust. Die höchste Anerkennung von dem Manne, den er wert und teuer hielt, in Gegenwart von der Frau, die ihm das Liebste auf Erden war! Was noch mehr hätte er vom Schicksal fordern können? Almas Liebe, Baruchs Freundschaft, die Rettung seiner Stammesgenossen — gibt es noch ein solch vollkommenes Glück auf Erden? Es wurden nicht mehr viele Worte gewechselt, bis sie am Strome angelangt waren. Beim ersten Blick sah Schmulikof, daß die Fährstelle leer war: sicherlich befand sich Baruch jenseits des Stromes. Aber nein; weit und breit, auf der ganzen Fläche des Wassers war nichts zu sehen; nur dort unten zog ein plumpes Holzstoß träge und schleppend dahin. Es wurde Gabriel etwas unbehaglich, aber er beruhigte sich bald wieder; vielleicht hatte sich der Kahn bei dem Hochwasser losgelöst, und Baruch war auf der Suche, den Ausreißer wieder einzufangen. Schmulikof war gerade im Begriff, Alma zu bitten, hier ein wenig zu warten, während er sich nach dem Freunde umsehe, als ein aufgeregtes Stimmengewirr aus dem nahen Wäldchen an sein Ohr schlug. Er ahnte ein Unglück, und sein Gesicht wurde aschfahl. Sicherlich war Baruch irgend etwas zugestoßen, denn nichts anderes hätte eine solche Todesangst in sein Herz legen können. Alma, hatte eine kleine Erhöhung erstiegen, um die dazwischenliegende Schonung besser überblicken zu können. „Dort sind so viele Menschen versammelt," rief sie Gabriel zu; „alle laufen sie jetzt zum Strom hinunter. Wollen wir auch hingehen?" „Nein, Liebling; aber wenn du nichts dagegen hast, gehe ich lieber allein," erwiderte er mit heiserer Stimme. „Geh nur, Geliebter; aber bleibe nicht zu lange; Papa muß doch jeden Augenblick zurückkommen . . ." Er sah nur noch den Handkuß, den sie ihm zuwars, und stürmte davon. Sein Herz schlug hörbar. Je näher er der Stätte der Aufregung kam, desto stiller wurden die Menschen, und als er neben ihnen stand, da schienen sie zu Eis erstarrt zu sein. Wie ein Nebel hatte es sich über Schmulikofs Augen gelegt, und er vermochte kaum die Gesichter der Umstehenden zu «unterscheiden; nur das sah er, daß vier Männer einen leblosen, wassertriefenden Körper mit kalter Gleichgültigkeit auf ihre Schulter hoben und sich langsam fortbewegten. Schmulikof hatte ihre Bürde erkannt, und er blieb wie angewurzelt stehen. Erst als er sah, welche Richtung die Männer einschlugen, erst da kehrte seine Denkkraft zurück, so daß er sich des Zuschauers aus dem nahen Hügel erinnerte. Er befahl den Trägern einen anderen Weg zu nehmen, allein sie erwiderten ihm, daß dieses der kürzeste zum Hause des Gouverneurs sei, und sie froh sein würden, die unliebsame Last sobald als möglich abwälzen zu können. Er trat zur Seite und ließ die Männer willenlos an sich Vorbeigehen. Mechanisch folgte er ihnen, mit dem einzigen Bewußtsein der Nichtigkeit aller menschlichen Unternehmungen gegen das unabänderliche Geschick der Vorsehung, das oft von dem Staubgeborenen unerkannt, aber auch sehr oft sichtbarlich und augenscheinlich waltet. Und hier kam es wieder, in Gestalt jenes weißgekleideten, schlanken Mädchens, das direkt ihrem Verhängnis entgegenging. Er stürzte zu ihr hin, um sie auszuhalten, um ihr den gräßlichen Anblick zu ersparen; doch sie blieb schon von selbst stehen. Sie hatte bereits gesehen, was er ihr so gern verbergen wollte. Wenn irgend jemand, so war ja ihr die goldgestickte Uniform bekannt. Aber auch seine Angst, sein Zittern um sie, erwies sich als überflüssig. Sie siel nicht in Ohnmacht, sie brach in kein Wehklagen aus; sie war wie versteinert, nur in ihren Augen war ein feuchter Schimmer sichtbar. XXIL Eine düstere und feierliche Stille umgab das Haus, wo der Tod so plötzlich und in so gräßlicher Gestalt eingekehrt war. Gras Torakows irdische Ueberreste lagen im Staatszimmer des Regierungsgebäudes, ausgestattet mit all dem Pomp von Kränzen, Palmen, Kandelabern, Kerzen und Orden. Bedrückt und mit traurigen Gesichtern schlich die Dienerschaft auf den Fußspitzen herum. Auch im Hofe, in der Küche, in den Stallungen dasselbe Trübsal, keine Spur der früheren lebhaften Tätigkeit. Nur in der Bibliothek schien noch einiges Interesse für die .Vorgänge der Welt vorhanden zu sein. Der Präfekt und Schmulikof saßen da im eifrigen Gespräch vertieft, das für beide von der höchsten Bedeutung zu sein schien. Schmulikof war bereits zweimal aufgestanden, um anzudeuten, daß die Unterhaltung als beendet angesehen werden möchte, und zweimal hatte der Baron ihn genötigt, sich wieder zu setzen, um die Angelegenheit von einem anderen Gesichtspunkte aufs neue zu erörtern. Als aber Schmulikof zum drittenmal sich erhob, da stand auch der Präsekt auf, mißgestimmt und verdrießlich, daß Schmulikof immer wieder neue Einwände machte. Aber noch einen letzten Versuch wollte der Baron unternehmen, und mit väterlicher Fürsorge seine Hände auf Schmulikofs Schultern legend, sprach er fast zärtlich: „Schmulikof, mein Freund — denn als solchen betrachte ich Sie schon lange —, wie wäre es, wenn Sie wieder das alte Mittel .Vievundzwanzig Stunden Bedenkzeit' auch hier probieren möchten? Sie wissen doch, es hat sich bei Ihnen schon

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