Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1916)
- Date
- 1916-10-11
- Page
- Seite 489 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229274--72589-3285040- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
485) Institution der Gemeindeärzte. Nach den getroffenen Bestimmungen waren die im Solde der Gemeinde stehenden Aerzte zur unentgeltlichen Behandlung der Armen verpflichtet; sie durften von diesen nichts annehmen, selbst wenn ihnen ein Honorar angeboten wurde. Bei „Mittelleuten" war es ihnen nicht gestattet, einen Lohn zu fordern, sie mußten sich vielmehr mit dem begnügen, was sie erhielten. Von den Reichen hingegen konnten sie wohl Honorare verlangen, doch nichts Uebertriebenes und Ungebührliches. Bemerkenswert ist die häufig wiederkehrende Bestimmung, daß der Gemeindearzt ohne Einwilligung des Vorstandes die Stadt nicht verlassen dürfe, selbst wenn ein „Edler oder hoher Fürst" ihn rufe. Eine nicht minder wichtige Aufgabe war aber auch die Beschaffung eines Unterschlupfs für jene Kranken und Elenden, die daheim keine genügende Fürsorge zu finden vermochten. Der Gedanke selbst ist ein altjüdischer und hat in den Moralprinzipien des Judentums seinen Ursprung. „Hekdesch", heiliger Wohltat geweiht, hießen die zur Aufnahme von arinen Durchreisenden und Kranken bestimmten Stätten. Waren ja sogar die ersten christlichen Krankenhäuser nur Nachahmungen dieser jüdischen Einrichtung, wie aus der Bezeichnung „Hospital" — von hospes — deutlich erhellt. Mit solchen Anstalten waren im Mittelalter die größeren jüdischen Gemeinden wohl überall versehen. Auch in Frankfurt dürften die Juden ihr Armen- und Krankenasyl schon sehr früh besessen haben, wenngleich uns nähere Angaben darüber fehlen. Uebermittelt ist uns, daß die Juden, als sie 1462 in die Judengasse verseht wurden, sich dort auch ein Spital neben dem Judenkirchhof erbauten. Im Anfang des 16. Jahrhunderts lassen sich in Frankfurt drei jüdische Krankenhäuser Nachweisen: das alte Fremdenspital zur Aufnahme und Verpflegung armer und fremder Israeliten; das Spital für nichtansteckende Krankheiten; das Blatternhaus für ansteckende Krankheiten. Daß Einrichtung, Organisation und Verwaltung dabei höchst primitiv, ja vielfach sogar mangelhaft waren, ist begreiflich; trotzdem lesen wir nicht ohne Verwunderung die darüber gemachten interessanten Ausführungen des Verfassers. Im übrigen war der jüdischen Gemeinde die Erfüllung ihrer Aufgabe nicht immer leicht gemacht. So hatte sie beispielsweise beim Wiederaufbarl des Spitals nach dem großen Judenbrand vom Jahre 1711 mit besonderen behördlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Baumeister petitionierten, daß die Kranken nicht wie bisher unter freiem Himmel kampieren oder in den umliegenden Dörfern untergebracht werden sollten. Als der Rat das Totenhaus als Hospital vorschlug, erklärte man ihm, daß dies zu klein und ungeeignet wäre, auch wurde auf die Ansteckungsgefahr verwiesen; dabei diente bereits das Totenhaus zur Aufnahme von Geisteskranken, die bei den anderen Kranken nicht untergebracht werden konnten. Und es bedurfte erst eines kaiserlichen Reskripts, um den Rat dahin zrr bringen, die Juden an der Errichtung des geplanten Hospitals nicht weiter zu hindern. 1718 wurde der Neubau vollendet. 1796, nach dem Bombardement der Judengasse, folgte die Erbauung eines neuen Krankenhauses. Neben diesen der Gemeinde gehörenden Spitälern gab es noch zwei weitere private, die in der jüdischen Krankenpflege Frankfurts eine bedeutende Rolle spielten. Anlaß zu ihrer Gründung war der Umstand, daß die Gemeindehospitäler vor allem für Fremde dienten, während Gemeindemitglieder darin nur ausnahmsweise und gegen vollständige Erstattung der Kosten Aufnahme zu finden Pflegten. Einige Gleichgesinnte taten sich daher 1738 zusammen und riefen eine Männerkrankenkasse ins Leben mit der Bestimmung, im Erkrankungsfalle einander zu besuchen, zu Pflegen und zu unterstützen. „Benedikt Elias Maas, der Stifter der Krankenkasse, war zugleich auch derjenige, welcher sie in der ersten ' Zeit fast allein unterhielt. In einer kupfernen Büchse, welche noch heute in der Anstalt aufbewahrt wird, sammelte er die wöchentlichen Beiträge ein; das Notdürftigste an Leinenzeug und Brennholz beschaffte er selbst. Bei erkrankten Mitgliedern leistete er die Dienste des Krankenwärters und scheute mit edler Selbstverleugnung selbst die niedrigsten Dienstverrichtungen nicht." Eine Großtat im kleinen, die lobend erwähnt zu werden verdient. In der Tat wuchs die Organisation, die anfangs nur gering an Mitgliederzahl war und sich mit einem einzigen Krankenzimmer begnügen mußte, beständig an Bedeutung. Ja, sie wirkte in der.Folge sogar als Beispiel für weitere Kreise. Denn 1756 wurde auch noch eine zweite Männerkrankenkasse, und zwar von dem vermögenderen Teil der israelitischen Einwohner, gestiftet. Schließlich folgte 1761 die Gründung einer Frauenkrankenkasse, deren Errichtung immer mehr als Bedürfnis empfunden wurde (Schluß folgt.) KM jjlugr um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) ^^^ie Liebenden verließen das Haus und gingen eine ganze Weile schweigend nebeneinander. Schmulikof schrieb dies ihrer Befangenheit zu, da es ja das erstemal war, daß sie nach ihrer heimlichen Verlobung miteinander plaudern konnten, ohne Karols Späheraugen fürchten zu müssen. Er hatte auch gar keine rechte Lust, das Schweigen zu unterbrechen, das ihre Zusammengehörigkeit noch mehr vertiefte. Endlich zwang er sie durch seinen Blick, ihm ins Gesicht zu sehen. „Liebling!" flüsterte er zärtlich. Sie gab keine Antwort, fuhr aber fort, ihn forschend anzublicken. „Liebling," wiederholte er, „laß mich doch wenigstens ein einziges Mal hören, daß du glücklich bist, wenigstens glücklicher als bis gestern, da der Schatten, der über unserer Liebe geschwebt, mit der Abreise deines Vetters verschwunden ist." „Der eine Schatten ist vielleicht nur gegangen, um einem anderen Platz zu machen." Sie sprach es so leise, als läge ihr nichts daran, von ihm gehört zu werden. „Welchen anderen Schatten meinst du?" „Jedes Geheimnis wirft einen trüben Schatten um sich," erwiderte sie ausweichend. Wie durch eine überirdische Eingebung wußte er sofort, was sie damit sagen wollte; doch wie bei Karols plötzlicher und hastiger Abreise wollte er auch hier keine Fragen stellen. Ihm schien es sogar die natürlichste Sache von der Welt, daß sie auch dieses wissen mußte, wie so vieles andere, was er ihr noch nicht direkt gesagt hatte. Die Wurzeln ihrer innigsten, übereinstiinmenden Zuneigung ruhten so tief und fest im innersten Kern ihrer Seelen, daß sie durch einen geheimnisvollen, wortlosen Zusammenfluß alles einander übermitteln konnten. „Warum glaubst du, mein Herz, daß ich es dir verheimlichen wollte?" war seine ruhige Frage. Ach, Gregor, geliebter Gregor!" rief sie mit einer Freudigkeit, die ihn zu Tränen rührte. „Ich wußte ja, daß du es mir nicht vorenthalten würdest. Ich wußte es, nur bin ich dir zuvorgekommen. Ach, Gregor, ich habe dich doch so lieb! Darum laß nichts Geheimes, nichts Verborgenes zwischen unsere Liehe treten! Laß alles frei, offen und furchtlos sein, klar wie das Licht der Sonne die unsere Liebe bestrahlt!