Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1916)
- Date
- 1916-10-11
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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484 kennt infolgedessen nur eine Erwartung und eine Aufgabe, die nämlich, zu sehen und 311 hören und von den: Erfahrenen zu erzählen. Daher wird ihm alles zum. Anblick, zum Schauspiel; es wird ihm zum rührsamen Bild, das er zu entdecken meint, oder zum aufregenden Geschehnis, das er vor sich entrollen läßt. Der andere Grund ist der, daß ganz unmittelbar hinter der Linie des Kämpsens und Bernichtens das Gebiet der geregelten Arbeit beginnt, das Gebiet auch der Sorge für den Alltag, für seine Bedürfnisse und sein Behagen, mit all ihrer großen Prosa und ihr kleinen Poesie. Man könnte es mit einem Bilde zeichnen, das zugleich Wirklichkeit und Sinnbild ist: das Geschütz und die Feldküche und der Postbeutel stehen nebeneinander. Da die Uebergünge fehlen, so wird der Gegensatz um so stärker, und um so bestimmter und schärfer erscheint alles: hier friedliches Stilleben, dahinter aufregende Tat. Aber weder dieses eine noch dieses andere wird der Wirklichkeit gerecht. Ein süddeutscher Pfarrer erzählte vor einiger Zeit, daß ihm ein Bekannter von draußen geschrieben habe: „Ihr redet immer vom Kriegerleben. Wir erleben draußen nur eines: wie furchtbar der Krieg ist, weiter nichts!" Das Wort klingt hart, aber es liegt sehr viel Richtiges darin. Wohl gibt es ruhige und auch sonnige Stunden, die Natur- und der Gottesdienst sind die großen Aerzte der Stimmung, und es gibt auch Stunden der Spannung, der äußerlichen und innerlichen Gewalt. Aber was davor und danach immer wieder steht und bleibt, ist das immer gleiche Gebot, sich eines immer gleichen Andringenden, Drohenden zu erwehren, sich dessen zu erwehren, int Kleinen und Engen, ohne Ausblick aufs Ganze und Große, sich nicht zu ergeben in Schmutz und Lehm, nicht niederzusinken unter der Müdigkeit, nicht zurückzuweichen vor der Gefahr. Und wenn dann Stunden des Kampfes und Sturmes mit den Augenblicken der Erregung und des Hinschauens nach einem Ziele kommen, das Eigentliche und Meiste ist auch dann dieses Sichstemmen gegen -etwas, was erdrücken und zurückstoßen will. Es ist zuletzt stets dieselbe Aufgabe: fest bleiben und Mensch bleiben und arbeiten und arbeiten. Das ist kein Idyll und kein Drama, doch es ist eine große Leistung und ein schwerer Kampf, und vielleicht ist in der Länge der Zeit das Wort Heldentum dafür nicht zu hoch. * Sonst liegen nur Nachrichten über Rußland vor, freilich, wie dies nicht anders denkbar ist, ziemlich ungünstiger Art. Unsere Mitarbeiterin M. B. schreibt uns folgendes: Schakale. Rach einer Darstellung bon „Rjetsch" sind die Juden in. Rußland andauernd den Schakalen preisgegeben, von denen sie an der Front und hinter derselben verfolgt werden. Dem bekannten Rechtsanwalt Dr. Gruseuburg ist es gelungen, eine schändliche Verleumdung aufzuklären, die sich gegen den ehrsamen jüdischen Bürger Hermanowitsch in Marianrpol richtete. Derjenige, der ihn des Verrats bezichtigte, hat selbst ein Verbrechen an feinem Vaterlande begangen durch Veruntreuung von Munition. Eine andere Sorte von Schakalen befindet sich unter der Lehrerschaft, und selbst Gymnasiallehrer geben sich dazu her, Handlanger der Polizei zu sein. So werden gegenwärtig zwar jüdische Schüler verhältnismäßig leicht ausgenommen, -aber kaum gehören sie dem Schulverband an, so beginnt die Nachforschung, ob.sie auch das Wohnrecht haben und ob ihre Eltern es haben, usw. Man vergiftet der jüdischen Schuljugend buchstäblich das Leben durch diese fortgesetzten Nörgeleien, und man muß gestehen, daß die Pädagogen ihr Monopolrecht, den jüdischen Schülern gegenüber Polizei zu spielen, mit mehr Harte und Bosheit wahrnehmen als die beruflichen Polizisten! * Der „Weser-Zeitung" entnehmen wir nachstehende Notiz: Die russischen Juden. Rotterdam, 26. September. In Verbindung mit dem Gesetzentwurf zur Einreihung der in England befindlichen russischen Juden in die e n g l i s ch e Armee fand, wie die „Daily News" melden, in Ost- London eine Konferenz 300 Delegierter von mehr als 100 jüdischen Organisationen statt. Unter anderen nahm daran Joseph King teil, der die Frage im Unterhause zur Sprache gebracht hatte. Das Ergebnis war die Ernennung eines Ausschusses von 15 Männern; dieser soll ein endgültiges Kompromiß mit der Regierung in dem Sinne herbeiführen, daß diese sich entschließe, die russischen Juden ausschließlich in Großbritannien selbst zur militärischen Verwendung heranzuziehen. Eine ausführliche Uebersicht der „Frankfurter Zeitung" lassen wir ohne Kommentar folgen. Sie lautet: D i e I u d e n i m russischen Okkupationsgebiet. Schon vor dem Durchbruch von Gorlice und Tarnow, der die in wenigen Wochen durchzuführende Räumung des von den Russen besetzten Teils von Galizien erzwang, machte sich in der russischen fortschrittlichen Presse eine lebhafte Bewegung gegen die Verwaltung des Okkupationsgebietes geltend, die dorthin die schlimmsten Mißbräuche der russischen Bureaukrati? übertragen hatte. Auch in englischen Zeitungen bemerkte man den Widerhall dieser Klagen, die nur zu begründet waren. Die Räumung Galiziens entzog dann diesen Erörterungen den Boden der unmittelbaren politischen Aktualität, sie wurden aber noch einige Zeit fortgeführt. Gewiß ist es kein Zufall, daß nach der abermaligen Besetzung einiger Teile Ostgaliziens in diesem Sommer nicht mehr Graf B 0 b r i n s k i, der in Lemberg als Statthalter des Zaren wirtschaftete, in sein früheres Amt eingesetzt wurde. Man schien in Petersburg entschlossen zu sein, die Mißstände der ersten Okkupation zu vermeiden, und die liberalen Blätter machten kein Hehl aus ihrer Befriedigung darüber, weil sie vor den westlichen Verbündeten Rußlands gern die Rolle des Kulturträgers spielen möchten. Wie es nun aber während der zweiten Besetzung in Galizien unter russischer Herrschaft aussieht, geht aus einem B e - r i ch t des russischen S e m st w 0 b u n d e s hervor, dessen Hilfswerk in größtem Stil organisiert ist und dessen amtliche Mitteilungen, die jede politische Polemik vermeiden, sich von jeher durch strenge Sachlichkeit ausgezeichnet haben. Wir entnehmen diesem Berichte, der uns von den „Jüdischen Nachrichten" zur Verfügung gestellt wird, folgende Einzelheiten über die Lage der Juden im russischen Okkupationsgebiete, aus denen auch scharfe Lichter auf die dort herrschenden allgemeinen Zustände fallen. Die materielle Lage der Juden hat sich sehr verschlechtert. Der Handel ist von jüdischen allmählich in andere Hände üvergegangen, die Steuerlasten sind bedrückend; vor allem aber hat das unbedingte Verbot der Bewegungsfreiheit, das die Juden verhindert, ihre Waren in Handelsstädten einznkaüfen, den jüdischen Handel ruiniert. (Aus dieser Bemerkung geht hervor, daß die Verordnungen Bobrinskis, wonach kein galizischer Jude seinen Wohnort verlaßen darf, noch jetzt in Kraft sind.) Alle jüdischen Teehäuser wurden geschlossen und die Eröffnung neuer verboten, wodurch ein bedeutender Gewerbezweig vernichtet wurde. Die Lage der Handwerker ist jämmerlich. In einer Stadt verboten die Militärbehörden den Juden den Handel mit Brot, weil sie sich geweigert hatten, am Sabbat Handel zu treiben. Ter Semstwobund unterhält überall in Galizien S p e i sehallen, deren Leiter und Angestellte aber den Militärbehörden unterstehen. Da sie sich den Juden gegenüber offen feindlich verhalten, bleiben die Juden, auch wenn sie das Recht zur Benutzung dieser Wohlfahrtseinrichtungen hätten, ihnen fern. Die Speisehallen dürfen nämlich nur von der arbeitsunfähigen Bevölkerung benutzt werden. Tatsächlich wenden sich aber nur solche Juden an sie, die unmittelbar vor dem Verhungern stehen. Der Bericht fügt bei, daß gegenwärtig beabsichtigt sei (von wem, wird nicht gesagt), die Speisehallen ganz zu schließen und den notleidenden Greisen und Kindern dafür eine tägliche Geldunterstützung von 15 bis 18 Kopeken zu gewähren. Die Juden werden zwar überall zur arbeitsfähigen Bevölkerung gezählt, die keine Unterstützung erhält, tatsächlich sind sie aber von den meisten Arbeiten ausgeschlossen. Man zwingt sie, wie der Bericht bemerkt, nach wie vor ohne Rücksicht auf Alter, Stand und Gesundheit zu Arbeiten auf den Landstraßen, Eisenbahnen, zur Straßen- und Kloakenreinigung; aber diese Arbeiten werden nicht be-' zahlt. Bei solchen Arbeiten, für die ein Lohn gewährt wird, lehnt man die massenhaft sich anbietenden Juden einfach ab. Der Semstwobund hat an einigen Orten Arbeitsstellen für Frauen errichtet, in denen auch Jüdinnen beschäftigt werden, doch droht wegen Mangels an Rohstoffen die Schließung der Werkstätten. Alle dem Semstwobund zugehenden Berichte bestätigen, daß die Juden keine Arbeit