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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-11 · Heft 41 (11.10.1916) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 41 (11.10.1916)
Date
1916-10-11
Page
Seite 483 (sequence 3)
Language
German
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483 An dem Tage, da wir dies schreiben (5. Oktober), erfolgt der offizielle Schluß der Zeichnung zur Kriegsanleihe. Wir haben oft genug unsere Leser an ihre vaterländische Pflicht gemahnt, und es ist jetzt zu spät, eine derartige Mahnung erschallen zu lassen. Aber es ist niemals zu spät, jeden, der von den schwersten Opfern, unter denen so viele leiden, befreit ist, daran zu erinnern, daß er jeden entbehrlichen Groschen dem Vaterlande zur Verfügung stellt, um auch seinerseits dazu beizutragen, in dem furchtbaren Kampfe, der uns auferlegt ist, Mittel zum endgültigen Siege, herbeizuschasfen. Um so mehr freuen wir uns über das inzwischen bekanntgegebene Ergebnis der fünften Kriegsanleihe, die z e h n M i'l^-i-a r d e n und fünfhundertneunzig Millionen beträgt, in welcher Summe Feldmbd Auslandszeichnungen noch nicht voll enthalten sind. Freilich d«r Sieg und was damit in Verbindung steht, der beglückende Friede, stei^ noch in weitem Feld. Es mehren sich zwar unter unseren Gegnerndm Stimmen, welche den Frieden begehren, und es ist darauf hinzuweisen, daß ein englisches Blatt dem Minister Lloyd George sehr energisch vorhält, daß er gar nicht berechtigt gewesen sei, eine DerMittlung Amerikas abzulehnen, da er nicht der dafür entscheidende Minister sei. Freilich, über die Stellung oder Geneigtheit Amerikas einzugreifen, wissen wir nicht das mindeste. Im Gegenteil haben sich gerade in letzter Zeit recht bedenkliche Anschauungen über die Stimmung Amerikas geltend gemacht. Man hat von amerikanischen Fliegern, ja sogar von amerikanischen Kriegern in den Reihen der Ententemächte gesprochen, doch beziehen sich solche Aeußerungen wohl auf die Teilnahme kanadischer Truppen, die schließlich das Recht haben, sich als Amerikaner zu bezeichnen, und die Ausposaunung solcher Nachrichten seitens unserer Gegner hat wohl den leicht durchsichtigen Zweck, den Mut in ihren Reihen zu stärken und bei dem ungebildeten Haufen den Glauben zu erwecken, als wenn die Vereinigten Staaten Amerikas, die uns durch ihre kolossalen Munitions- und Geschützlieferungen Schaden genug antun, den wider uns verbündeten Mächten auch durch aktive Teilnahme Hilfe gewähren. Offiziell verlautet, daß der amerikanische Botschafter Gerard seinen wohlverdienten Urlaub dazu benutzen wolle, um dem ihm befreundeten Präsidenten Wilson in seiner Wahlkampagne beizustehen. Auch sonst werden genug Bedenken laut, und gar manches gibt den Schwarzsehern willkommenen Anlaß zu trüben Prophezeiungen. Wir wollen uns solchen nicht hiugeben und haben in den Kriegsereignissen selbst nach den Berichten unserer Gegner keinen Anlaß zur Entmutigung oder gar zur Verzweiflung. Die ungeheure Schlacht i m W e st e n ist zu einem gewissen Stillstände gelangt, woraus freilich nicht zu schließen ist, daß die Riesenanstrengungen unserer Gegner etwa aufgehört haben. Es ist vielmehr leider anzunehmen, daß trotz der riesigen Verluste, die sie erlitten haben — die Engländer beziffern diese im Monat September auf eine halbe Million, die Franzosen setzen ihr angesichts der leichten Erregbarkeit der französischen Nation wohl verständliches Schweigen fort —, unsere Feinde aufs'. neue das fürchterliche Ringen beginnen werden. I m O st e n steht unsere Sache gut. Den Russen und Rumänen ist mannigfacher Schaden zugefügt worden, sowohl auf den siebenbürgischen als auf den galizischen Schlachtfeldern. Von einem Vorstoß der in und um Saloniki vereinigten gewaltigen Massen verlautet nichts, und das früher sich so laut geberdende Triumphgeschrei über Griechenlands Anschluß an die Entente hat einem ziemlich kleinlauten Gerede Platz gemacht. Aber das wird sich keiner verhehlen, daß wir in sehr ernsten Zeiten stehen, daß wir erbitterten Kämpfen .entgegengehen, deren Entscheidung ungewiß ist. Trotz alledem soll unser Vertrauen nicht schwinden. Wir haben vielmehr die feste Zuversicht, daß unsere Heere allüberall den heroischen Widerstand fortsetzen werden, den sie bisher so glanzend geleistet haben, und wir haben nicht minder die felsenfeste Ueberzeugung, daß auch die daheim Gebliebenen ihren Opfermut und ihre Tapferkeit im Ertragen von Entbehrungen, ja selbst im Ueberstehen wirklicher Not, falls diese sich an uns herandrängt, weiter glänzend bewähren werden. Nur eines darf man mahnend aussprechen: möchten die Deutschen bei der schweren Lage des Vaterlandes, mehr als dies bisher geschieht, ihre inneren Streitigkeiten vergessen, möchte das Geschrei gegen den Kanzler, mögen die erbitterten Kämpfe im Innern aufhören oder wenigstens zurückgedrängt werden, schon im Hinblick auf das Grinsen der Feinde, die in diesen Anstrengungen nur ein Zeugnis unserer Schwäche zu sehen vermeinen. Nicht bloß Heroismus der Kämpfer und mutiges Ertragen der kleinen Leiden durch die Nichtkämpfer tut uns not, sondern vor allem ist es die E i n i g k e i t, mit der alle Deutschen geschloffen ihren Feinden entgegengehen. Denn was wir alle wollen, ist doch das triumphierende Hervorgehen 'Deutschlands aus dieser beispiellos schweren Lage; den Weg, auf welchem wir zu einem solchen Ziele gelangen, sollte man billigerweise denen überlassen, die sich bisher erprobt haben! * Von dieser Gesinnung getragen, wollen wir diesmal von Verhetzungen absehen, wie sie etwa in Deutschland gegen die Juden laut werden, und vielmehr, freilich aus Oesterreich, ein Zeugnis des guten Verhältnisses der Juden zu Andersgläubigen aus der Wiener „Zeit" mitteilen: Aus Budapest, 27.v.M., wird telegraphiert: BondemFürstprimas Ungarns, dem Kardinal Johann C s e r n o ch, erzählt man heute in Budapest folgendes: Kardinal Csernvch ist noch von seiner Eigenschaft als gewesener Domherr des Graner Domkapitels mit der Familie des Barons H a t v a n h befreundet. Baron Hatvany erhielt nun heute aus Anlaß des jüdischen Neujahrstages vom Fürstprimas folgende Depesche: „ll'sebono Tauvo." Unterschrieben: Kardinal Johann. * Der Bericht des Herrn Feldrabbiners Dr. B a e ck (5. September 1916), den wir dem „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" entnehmen, lautet folgendermaßen: In der zweiten Hälfte des August habe ich Gottesdienste abgehalten in Bortkischki, Wilkomiesto, Steinensee, Tschepukomy, Pusowa und Nowo-Alexandrowsk. Es waren ruhige Wochen, in die diese Tage fielen; etwas Friedliches lag über den Wegen und in mancher sonnigen Stunde konnte man fast vergessen, daß man im Lande des Krieges war. Solche Stunden kommen immer wieder; über sie sind nicht die bezeichnenden für diese Zeit, wie sie jeder hier durchlebt, der seinen Platz jenseits der gesicherten Straße hat. Wen nur von ihnen spräche, zeigte ein falsches Bild, ein ebenso falsches, wie jene anderen, die spannende Erzählungen von den Taten und Ereignissen geben. In vielen Darstellungen, die aus dem Kriegsgebiet in die heimatliche OeffentlichHeit gesandt werden, tritt freilich die Neigung hervor, alles entweder als stilles Idyll oder als gesteigertstes Drama erscheinen zu lassen. Man kann es verstehen, wodurch diese beiden „Dichtungsarten" zustande kommen. Auf den einen Grund hat ein früherer Bericht schon einmal gelegentlich hingcwiesen. Wer hier draußen ist, ohne den Platz der eigentlichen Arbeit und der mühevollen Pflicht zu haben,

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