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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-11 · Heft 41 (11.10.1916) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 41 (11.10.1916)
Date
1916-10-11
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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482 Strauße in der Hand feiern wir ein Erntedankfest und danken Gott, daß er den Boden der Heimat gesegnet hat mit reicher Frucht, die uns die Bürgschaft des Nichterlahmens bietet, und harren in Demut und Vertrauen dem Tage entgegen, da Gott uns vergönnt, uns wieder einer Ernte harmlos zu freuen, nicht gequält durch den peinigenden Nebengedanken, ob sie auch ausreichen wird, um das ganze Land, den Reichen wie den Armen, den Städter wie den Landmann, zu schützen vor Not und Mangel, Wie bei dem Feststrauß, so verstärken sich auch angesichts der Zeitereignisse und unserer Erlebnisse bei dem zweiten Symbol, das dem Fest seinen Namen gegeben hat, der Hütte, die Motive, die in ihm anklingen. Sie soll, wo wir sie benutzen oder sehen, nach einer Deutung unserer Alten uns die Lehre vermitteln: '*017 2271 172p fi*V!Ö X2C „Geh hinaus aus deiner sicheren, festen Wohnung und nimm Aufenthalt in einer dem Zufall und allen Wechselfällen ausgesetzten Wohnung." In ruhigen Zeiten vernahm man solche Mahnung: der Mensch solle nicht Leben und Besitz hinnehmen als etwas Selbstverständliches, Festes, für die Ewigkeit Gegründetes, so daß die Wechselfälle des Lebens ihn dann um so tiefer erschüttern und rasch entwurzeln, sondern er solle der Flüchtigkeit und Hinfälligkeit alles Irdischen eingedenk sein und beizeiten lernen, zwischen Wichtigem und Unwichtigem, Irdischem und Ewigem zu unterscheiden, und man nahm sie hin als abgeleierte Phrase und übliche Redensart des Moralpredigers. Aber, wie haben wir es in diesen Tagen neu gelernt, daß nichts Festes in der Welt ist, daß der Mensch seine Lebensverhältnisse nicht als ein Gegebenes hinnehmen darf, daß man auf alle Güter äußerer Kultur verzichten und gern und freiwillig verzichten können muß! Wenn uns nun der Anblick der Hütte das Wort 172p frVHÖ XL ins Bewußtsein hebt, dann haben wir ein tiefes Mitleid mit allen denen, denen die Form ihres Lebens bis zum Kleinsten zur Selbstverständlichkeit und zu innerem Bedürfnis geworden war, die ihr Herz daran gehängt haben und gemeint haben, so müsse es sein und anders könne man nicht leben und so von Herren zu Sklaven der Lebensform wurden. Und es wird uns in innerer Fortbildung des in ihm ruhenden Gedankens zur Mahnung, daß wir uns die Beweglichkeit erhalten müssen, dank der das Hinaustreten aus dem Kreise der Lebensgewohnheit nicht als unmögliches Opfer erscheint; wird uns zur Mahnung, daß, je freier man sich von dem Zirkel der Lebensgewohnheit fühlt, die Weite der Seele um so größer ist. Bedarf es erst eines Hinweises, daß uns diese Beweglichkeit der Seele, dieses Sichfreimachen von dem Verharren in gewohnter Bahn bei dem kommenden Aufbau eines neuen Lebens und neuer Existenz bitter not tun wird? Sich nicht einspinnen in Gewohntes, das gilt nicht nur für den äußeren Rahmen des Lebens, das hat auch zu gelten für alles Seelische, für Urteil, Anschauung und Meinung. Wir sind nur zu leicht geneigt, ein einmal erworbenes Urteil, eine einmal gewonnene Meinung über Welt, Leben und alle Dinge unseres Interesses, eine einmal gewählte Parteistellung als etwas Sicheres, unverbrüchlich Feststehendes zu betrachten, sinden darin wohl gar das Zeichen einer besonderen Charakterstärke, eines Sich-selbst-getreu-Seins. Meinung und Urteil, die wir einmal uns geprägt, erscheinen uns wie ein festes Häus, von dessen schützendem Dach man sich nicht entfernen dürfe, wenn man nicht schutzlos dastehen wolle, dessen Mauern in ihrem Standhalten über jeden Zweifel erhaben sind, so daß man nicht nötig hätte, sie auf ihre Unversehrtheit zu prüfen. Das ist nun freilich leicht und bequem, wer aber die Mahnung des Festes 172p XL »Geh hinaus aus deiner festen Wohnung" in ihrer ganzen Tiefe begreift, der wird aus ihr die Erkenntnis schöpfen, daß man sich auch in Denk- und Urteilsgewohnheiten nicht einspinnen und sie nicht hinnehmen darf als etwas Festes, daß es vielmehr nötig ist, sich von Zeit zu Zeit außerhalb des schützenden Daches fertiger Meinung zu begeben und sich von neuem unabhängig und selbständig sein Urteil über Welt, Leben und alle Lebensbeziehungen zu bilden. Wir haben alle in den verflossenen zwei Jahren es neu gelernt, altgewohnte Denkformen zu verlassen und neue aufzusuchen; es wird in dem kommenden Ausbau neuen Lebens viel darauf ankommen, daß man an ihn herangeht nicht beschwert mit. Erinnerungen und Urteilen und Meinungen aus vergangenen Tagen. In allen Lebensbeziehungen wird ein Neues gelten müsien, alle Parteistellung wird neu geprüft werden müssen, alte Vorurteile müssen begraben, neue Ziele und neue Wege müssen gefunden werden. Auch innerhalb der Judenheit werden wir durch das veränderte Weltbild gezwungen werden, bislang feststehende — für uns scheinbar feststehende — Meinungen und Urteile, Pläne und Ziele neu zu prüfen; wir täten da gut, das Wort des Hüttensestes aufzunehmen und wohl zu beachten: fn'Hte 172p „Geh hinaus aus deiner festen Wohnung". Wenn wir sonst dies Wort vernahmen, dann fühlten wir immer schon, daß das, was hier, wörtlich und nicht erst bildlich genommen, vom einzelnen verlangt wird, im großen das typische Los Israels im Materiellen und Seelischen geworden ist und daß es den im Satze enthaltenen Gedanken heroisch fortgebildet hat; denn es hat in ihm zugleich die Forderung erblickt, sich nicht um des ruhigen Wohnens willen mit irgend etwas in der Welt abzufinden, lieber ein Wohnen unter flüchtigem Zelt, ausgesetzt allen Unbilden und Nöten, lieber Wanderung, Unruhe und Unrast hinzunehmen, als daß es je von seinem Ziel, seiner Art, Gott, Mensch und Welt anzuschauen, abließe. Was wir von Israels Leiden und Ausharren aus geschichtlicher Ueberlieferung gelernt haben, wird uns in unseren Tagen zum Gegenstand unmittelbarer Anschauung und zum eigensten Erlebnis. Vor unseren Augen vollzog und vollzieht sich für einen Teil unserer Brüder eine Anhäufung von Leiden, wie sie kaum je eine Epoche des Mittelalters gesehen hat, vollzieht sich eine der grausigsten, entbehrungsreichsten und opfervollsten Wanderungen, die Israel je zu bestehen hatte. Wenn jene unmittelbar Betroffenen mit solchem Heldenmut und mit dem unerschütterlichen Vertrauen auf den Gott der Väter ihr Schicksal ausnehmen und zu altererbter Zähigkeit neue übermenschliche Kräfte des Widerstandes gesellen, wie muß uns das erst eine Mahnung sein, unsere geringeren Opfer nicht als unerhörte Leistung zu buchen, wie muß das uns ein Ansporn sein zum Ausharren und Weiterkämpfen! Wenn wir in diesen Tagen die Hütte betreten, möge da in uns einziehen der Wille, auch unsererseits nicht um des geruhigen und bequemen Lebens willen der Väter Ideale preiszugeben, flüchtiges Zelt, Opfer und Entbehrung nicht zu scheuen, sondern in Treue auszuharren und Israels Kampf um.die Selbstbehauptung weiterzukämpsen. Sie Woche. Berlin, den 8. Oktober 1916. uch für die nachfolgende Uebersicht gilt das, was wir vor 14 Tagen den Lesern anzudeuten hatten: Die Feiertage nötigen zu einer früheren Drucklegung dieser Nummer; daher muß die nachfolgende Uebersicht, wenn sie auch erst unmittelbar vor dem tzüttenfest erscheint, geschrieben werden, noch ehe die Versöhnungstagsnummer ausgegeben ist. Aus diesem Grunde ist es erklärlich, daß wichtige Nachrichten entweder gar nicht oder nur in einer Schlußbemerkung am Endender Nummer erwähnt werden können.

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