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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-11 · Heft 41 (11.10.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 41 (11.10.1916)
Date
1916-10-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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80. Jahrgang Nr. 41 Berlin, 11. Oktober 1916 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s«p r e^s-. durch den Bn%v Handel oder die Post (in Berlin und Vorworten durch unsere verrrtebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: ttuciolk Ü1o88e, verlin, Ieru8alemer Stra88e 4S-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6-*% zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Zum Hüttenfest. Von Rabbiner Dr. Dienemann, Ratibor. — Die Woche — Zunz' Synagogenordnunsi für Prag. (1836.) Mitgeteilt von Ludwig Geiger. — Ein Kapitel Geschichte jüdischer Krankenpflege. Von Dr. Alphons I. Sutznitzki. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialroman von Bi. Pulvermann. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindcbote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Dortmund, Nürnberg, Geroda, Würzburg, Frankfurt a. M, Budapest, Warschau, New Jork. — Von Nah und Fern. Tum tzüttenkelt. Von Rabbiner Dr. D i e n e m a n n, Ratibor. s ist das wunderbare Geheimnis der Symbole unserer Festtage, daß sie nicht in engen Grenzen Ausdruck der Empfindungen bleiben, die man einstens in alten Zeiten mit ihnen zu verknüpfen gewohnt war, sondern daß bei ihrem Gebrauch oder der Erinnerung an sie aus -der Eigentrast, die in ihnen lebt, mancherlei Gedanken in uns auskeimen, und daß sie in den verschiedenstgearteten Zeiten und Verhältnissen zum Ausgangspunkt der Empfindungen werden, die aus dem Charakter der Zeit in unserer Seele auskeimen, und sie ins Religiöse erheben. Der Feststrauß, den wir am Hüttenfest zur Hand nehmen, mochte in alten Tagen im Lande seiner Geburt, im Heiligen Lande, außer den religiösen Gefühlen, die mit ihm, sei es durch Unaussprechbares, sei es durch hergebrachte und ini Denken bereits eingewurzelte Deutung, verknüpft waren, kaum etwas Besonderes bedeutet, kaum ein Erstaunen hervorgerufen haben. Was man da zur Hand nahm, das waren Dinge, die greifbar und in erreichbarer Nähe vor jedermanns Auge lagen; die vier Arten, Zweige und Frucht, aus denen er sich nach Vorschrift und Ueber'lieserung zusammensetzt, zu suchen und zu finden, machte keine Mühe. Auch wenn wir, fern vom Lande der Väter, fern vom Orte des Wachstums der meisten der vier Arten, den Feststrauß sonst zur Hand nahmen, kam kaum eine Regung des Verwunderns in uns empor. Man dachte vielleicht einen Augenblick darüber nach, daß es doch seltsam sei, daß wir einen Strauß winden aus Erzeugnisien fremder Zonen und nicht aus den Gewächsen unserer Heimat, und besiegte dies Befremden rasch durch den Hinweis auf Recht und Pflicht geschichtlichen Zusammenhanges und der Einheit ganz Israels in allen Ländern seines Wohnens. Aber daß diese Dinge aus fremden Ländern zur Hand sind, wenn man sie braucht und haben will, wem kam darüber ein Verwundern, ein Gefühl des Dankes an? Man will sie haben, so schafft man sie her; man braucht sie, so sind sie da. Aber heut ist das ganz anders. Manche Gemeinde, besonders im besetzten Gebiet, mag bei den durch den Krieg erschwerten, zum Teil aufgehobenen Verkehrsmöglichkeiten die gewohnte Fülle der Sträuße entbehren, manche ganz auf sie verzichten müssen. Und wo wir selbst eines Feststraußes heute ansichtig werden, überkommt uns ein Gefühl des Dankes, daß alles zur Hand ist. Was mögen wohl für Schwierigkeiten zu überwinden gewesen sein, daß rechtzeitig alles an Ort und Stelle eintras! Wir sind nun allerdings die ersten nicht, die in Zeiten der Unruhe und des Zerreißens aller Verkehrsbande leben, aber Erfahrungen aus älter Zeit berühren unsere Welt selten; jedes Geschlecht schöpft ans den eigenen- Erlebnissen sein Verwundern und sagt aus ihnen, wofür es in dem Bilde seiner Zeit am tiefsten dankbar ist. Wie gedankenlos haben wir in Friedenstagen das Wunderwerk des Weltverkehrs, des Austausches aller natürlichen und künstlichen Erzeugnisse hingenommen, wie ward uns das schwierige, mit tausend Mühen, mit der Gedanken- und Händearbeit von Millionen Verknüpfte zum Selbstverständlichen! Wie wenig war uns zum Bewußtsein gekommen, wieviel Hände in aller Welt sich regen müssen, damit der äußere Rahmen unserer Lebensgewohnheiten erstehe und die Fülle unserer Bedürfnisse im Wichtigen und Kleinen gedeckt sei! Wie wenig hatte man darauf geachtet, daß in all diesem Hin und Her des Menschen-- und Güteraustausches unendlich fruchtbare Keime eines das Trennende überbrückenden Denkens verborgen lagen, vielversprechende Ansätze zur Ausbildung und zur Reife des Gedankens einer einigen, durch Gemeinsames mehr geeinten als durch Verschiedenheit getrennten Menschheit lagen. Und der Feststrauß, der nach einer Deutung der Alten in sich selbst ein Abbild verschiedener menschlicher Typen sein sollte, wird uns mit seinen aus fernen Ländern mühsam herbeigeschafften Teilen, die sich, mit der heimischen Bachweide harmonisch verbinden, zu einem Symbol der Hoffnung auf die Einheit der heut noch so zerrissenen und zerklüfteten Menschheit, zu einem ^Symbol der Hoffnung, daß die Zeit bald wiederkehre, in der die Früchte menschlichen Fleißes von Land zu Land, von Erdteil zu Erdteil hinüber und herüber gehen mögen, zur Erhöhung der Lebensfreude und zur Erweckung der Gemeinsamkeit. Einstens im Lande der Väter war der Feststrauß ein Symbol des Dankes für die glücklich beendete und heimgebrachte Ernte. Wir haben in den Ländern unseres Wohnens auch davon geredet, aber kam es uns eigentlich je so unmittelbar zum Bewußtsein, welche Fülle des Segens von Gott in der wohlgediehenen Ernte liegt? Eine an die Stadt gebundene Bevölkerung, wie wir durch den Zwang einer wider unseren Willen gekommenen Entwicklung geworden waren, waren wir des unmittelbaren Zusammenhanges mit der Ernte entwöhnt; heut, in der Abgeschlossenheit unseres Landes, kommt uns allen mit vermehrter Wücht eine neue Erkenntnis von dem Wert und der Wichtigkeit der Ernte des eigenen Landes, ein neues Gefühl des Verbundenseins mit dem Boden steigt in uns aus, eine vermehrte Liebe zu dem fruchtbar ergiebigen Boden unserer Heimat: und wenn wir den Feststrauß zu Hand nehmen, wird uns das Fest in einem viel tieferen und umfassenderen Sinne als je, in der Seele und nicht nur im gewohnheitsmäßig gesprochenen Wort, zum ksDrrn D „zum Fest der Ernte". Mit dem

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