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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-06 · Heft 40 (6.10.1916) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 40 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 verwendet werden könnte. Man beschloß deshalb, die Annahme der Briegerschen Stiftung vorläufig auszusetzen. Die Kosten der Errichtung einer jüdischen Nervenklintk würden sich, wie der Gemeindepräses Herr Eduard Sachs, der zugleich auch Vorsitzender der Israelitischen Krankenverpslegungsanstalt ist, bei dieser Gelegenheit bemerkte, ans 600 000 Mark belaufen. Es ist begründete Aussicht vorhanden, für eine derartige segensreiche Anstalt auch die Restsumme znsammeuzubringen. E. Z. Geisa, 25. September. Die hiesige jüdische Gemeinde hat durch das Hinscheiden ihres Lehrers und Kantors Herrn M. Golds ch m i d t einen schmerzlichen Verlust erlitten, unsere Stadt einen ihrer besten Bürger verloren. Weit über Deutschlands Grenzen hinaus hat er unser Städtchen und das ganze Rhöngebirge bekanntgemacht. In erster Linie war er ja Lehrer. Seinen Lehrerberus faßte der Verstorbene so hoch und edel ans, erfüllte ihn mit solch edler Pflichttreue unb Liebe, daß kein Wort des Lobes gut genug ist. Neichen Dank von seiten seiner Schüler und hohe Anerkennung seitens seiner Vorgesetzten Schulbehörde hat er ja auch dafür geerntet. Daneben war Herr Goldschmidt aber auch ein bekannter und anerkannter Naturforscher. Es gibt wohl kein Fleckchen der Rhön, das er nicht besucht und durchforscht hätte. Seit mehr denn 20 Jahren war er damit beschäftigt, die Pflanzenwelt der Rhön zu 'erforschen. Eine große Reihe von Veröffentlichungen in naturwissenschaftlichen Zeitschriften und verschiedene kleinere und größere Werke, sowie außerordentlich reiche und wertvolle Sammlungen zeugen von dem staunenswerten Fleiß dieses seltenen Mannes. Ailf den Hüten der Hohen Rhön leitete er umfangreiche Kulturversuche ein und erzielte glänzende Resultate. Auf seinen grundlegenden Arbeiten baut man jetzt weiter, um die großen Hutflüchen der Rhön ertragreicher zu machen. Mit vielen großen Naturforschern des In- und Auslandes stand er in regem Briefwechsel und machte so die Rhön in aller Welt bekannt. Alle Arbeiten dieses Mannes aufzuzählen und recht zu würdigen, würde zu weit führen. Es soll an anderem Orte geschehen. Groß waren auch seine Verdienste, die er sich um die politische und um seine Glaubensgemeinde erworben hat. Eifrig wirkte er ebenfalls in vielen Vereinen; genannt seien nur der Kriegerverein, der Rhönklub, der Lehrerverein, Verein für Heimatschutz u. a. Und all dies, trotzdem er seit 20 Jahren unter dem Druck einer furchtbaren Krankheit stand. Kein Wunder, wenn schon l nährend seines schweren Leidens, welches sich in der letzten Zeit sehr verschlimmerte und dem sich auch noch Blindheit zugesellte, die Teilnahme an seinem traurigen Schicksal allgemein war. Kein Wunder, daß das Trauergefolge, das ihm die letzte Ehre gab, sehr groß war. Alle Schulkinder Geisas, die Lehrer seiner Konferenz und anliegender Bezirke, der Kriegerverein, die Mitglieder des Rhönklubs und viele, viele Bürger Geisas folgten trauernd seinem Sarg. Herr Landrabbiner Dr. Wiesen (Eisenach) feierte in packender, zu Herzen gehender Rede die reichen Verdienste des Dahingegangenen. Ein Schüler, der aus weiter Ferne herbeigeeilt war, gedachte seines ehemaligen treuen Lehrers mit herzlichen Worten des Dankes. Lehrerkonferenz und Kinder ehrten den Verstorbenen durch erhebenden Gesang. So erntete er im Tode noch reichen Dank. Nie wird er bei uns vergessen werden. — Stuttgart, 26. September. Im hohen Alter von 84 Jahren starb am 12. d. M. der Privatier Herr Moritz L e v i. Lauge Jahre hat er die von seinem Onkel Rafael Levi hier gegründete, mit Antigua r rat verbundene Buchhandlung (Eallver Straße) geführt, deren angesehenen Namen er in weiteren Kreisen bekannt machte. Sein besonderes Interesse widmete er den: Gewerbevereinswesen. Dein hiesigen Gewerbeverein besorgte er jahrzehntelang die Kassengeschäfte in mustergültiger Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit und führte unter der Vorstandschaft von Professor Gießler, 1895 bis 1901, die Kasse des Verbandes der württembergischen Gewerbevereine. Der hiesige Gewerbeverein ernannte ihn für seine vielfachen Dienste zum Ehrenmitgliede, ebenso der Männerturnverein, dem er auch lange Jahre die Kasse geführt hat. Dem liebenswürdigen und allezeit dienstbereiten Manne wird ein langes und gutes Andenken beschieden sein. Gksterrrich-Angsrn. Z. Wien, 27. September. Im Alter von 6(> Jahren ist dieser Tage der Wiener 11u i ve r fit ätsp r ofess o r für Ohrenheilkunde Dr. Josef Pollak gestorben. Josef Pollak, aus Ungarn gebürtig. legte seine Studien an der Wiener Universität zurück, war jahrelang Assistent an der Klinik für Ohrenheilkunde des Professors Dr. Adam Politzer und assistierte später auch an der Klinik des Professors Hosrates Dr. Exner. Eine Anzahl seiner Forschungen sind in der „Wiener Klinischen Wochenschrift", der „Allgemeinen Wiener Medizinischen Zeitung" mtb in Fachzeitschriften für Ohrenheilkunde sowie im Handbuch der Zahnheilkunde erschienen. Von umfangreicheren Veröffentlichungen sind die Anatomie und Physiologie der inneren Ohrmuskelu, die elektrische Behandlung des Ohres und die Beziehungen der Zähne zum Ohr schon deshalb hervorzuheben, weil sie auf dem Gebiete der Ökologie reformierend wirkten. In späteren Jahren arbeitete Dr. Josef Pollak, der sich im Jahre 1899 als Dozent für Ohrenheilkunde an der Wiener Universität habilitierte und bald hernach den Titel eines Professors erhielt, im Institut des Universitätsprofessors Hvfrates Dr. Franz Ern er. Neben vielen wissenschaftlichen Vereinigungen gehörte er mehreren hervorragenden Vereinen in leitender Stellung an und war namentlich bestrebt, alle humanitären Bestrebungen kräftigst 511 fördern, wie er überhaupt als Arzt und Mensch für die Bedürftigen, rintrat. Professor Pollak gehörte dem Bertreterkollegium der Israelitischen Kultusgemeinde und dem Vorstande der „Israelitischer'. Allianz" all und hat an allen Bewegungen innerhalb des Judentums lebhaften Anteil genommen. Eine ungewöhnlich große Zahl von Tranergästen, namentlich ans ärztlichen und Schriftstellerkreisen, gab dem Verewigten das letzte Geleit. — Das Professorenkollegium der medizinischen Fakultät der Universität hat in seinerletzten Sitzung, in der es sich mit der Ernennung von Professoren beschäftigte, den Privatdozenten Dr. Robert Barany. der bekanntlich Nobelpreis - Träger ist, ab gelehnt. In Aerztekreisen wird erzählt, diese Ablehnung sei auf Bedenken zurückzuführen, die bezüglich der wissenschaftlichen Arbeiten Baranys geltend gemacht werden. (?!) Die Angelegenheit erregt begreiflicherweise Aussehen. Dr. Barany ist Jude, war in Przemysl als Militärarzt tätig und geriet in russische Gefangenschaft, aus der er preisgekrönt nach seiner Auslieferung in Stockholm unter großen Ehren gefeiert wurde. Und jetzt haben die Wiener Antisemiten — zu triumphieren. 1 Amerika. Z. New Uovk, im September. Am 10. v. M. fand hier eine P l e n a r s i tz it 11 0 des K 0 n a r e ß - E x e k n t i v - K 0 m i t e 0 s statt, in der nach längerer Debatte das Uebereiukommen der Subkvmitees des Kongreß-Komitees und der Konferenz der nationalen Organisationen angenommen und bestätigt wurde. Die wichtigsten Punkte dieses Uebereinkoumrens sind, nach einem Bericht der Neve Porter jüdischen Tageszeituim „Die Wahrheit" vom N. Äuglest folgende: Der Kongreß wird nicht nach dein Kriege, sondern während des Krieges äbaehalteu. ungefähr nur die von dem Kongreß-Komitee bestimmte Zeit. Ein Jahr nach dem Friedensschluß wird die „Exekutive". die der Kongreß wählen wird, den Kongreß wieder einrnfen ltub ihm über die Erfolge ihrer Tätigkeit Bericht erstatten. Darauf lvird der Kongreß sich auflösen; ein ständiger jüdischer Kongreß lvird also laut diesem Abkommen nicht stattfinden. Die neue Körperschaft, in die sowohl das Kongreß-Komitee wie die Konferenz nationaler Organisationen eintreten lverden, lvird den alten Namen der Kongressisten „Kongreß- Erekutive-Koinitee" führen. Der Kongreß lvird einen ausschließlich politischen Eharakter haben: ökouo mische Fragen sollen nicht behandelt lverden. Die jüdische Wanderung-trage in allen ihren Formen sowie die Fraae des Wiederaufbaues uach der Zerstörung auf ökonomischem Gebiete sind ausaeschlosseu. Ausgeschlossen sind ferner alle all ge l ne in abstrakten unb theoretischen Fragen betreffend jüdischen Glaubelis und indischer Anschanilnaen. Der Kongreß wird ausschließlich eingerufeu, um den entrechteten Juden volle bürgerliche, politische unb religiöse Neckte iu allen Ländern zu verschaffen. Unter „allen Ländern" ist auch Palästina zu verstehen. Der Kongreß soll des weiteren suchen, den Indien Nation a l e R e ch t e zu verschaffen. Im Uebereiukommeu lverden die nationalen Rechte '.licht mit diesem Namen bezeichnet, sondern mit dem Ausdruck „Gruppeurechte". Sie sollen beit Juden in den Ländern gewährleistet lverden, lvv andere Nationalitäten solche besitzen oder besitzen sollten, und zwar nur dann, wenn die Juden der betreffenden Länder es wünschen. Aber keine andere Autorität als der Kongreß selbst kann darüber entscheiden, ob die betreffenden Indendiese Rechte wünschen oder nicht. Das neue Kongreß-

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