Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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479 Des Kampfes froh, im Siegen und im Leiden, Triumphunlüstern, spottend der Gefahr, Der, grade, aufrecht, krumme Wege meiden, Deutlich und laut bekennen mußt', was wahr. Der Judengasse engem Raum entsprossen, Sprengt' er die Ketten mit ureigner Kraft, Und ohne Meister, stützend die Genossen, Ward Diener er, dann Herr der Wissenschaft. Der Wissenschaft. Wenn auch Profanes lockte Den frohgemuten Geist zu lichten Höh'n, Er duldet', daß der Fuß beim Schreiten stockte, Und blieb vor selbstgebauten Toren stehn. Und mochten Zweifel auch den Sinn beschleichen Und Unrast lenken von dem sichern Port, Er zwang unholden Locker zu entweichen Und kündet', ein Bekenner, Gottes Wort. Ein Gottesdiener, und doch menschlich froh, Ein Meister in Gespräch und muntern -Scherzen. Wohin er kam, der trübe Sinn entfloh Dem Urquell, der ihm strömt aus warmem Herzen. Den Seinen Meister, Führer, streng und mild, -Der großen Schar der Armen treuer Hüter, Kraftvoller Ruhe -leuchtend schönes Bild, Des Maßes Freund, nicht trotziger Gebieter. Und weil dem Glauben seiner Väter treu, Wollt' er ihn säubern von des Rostes Flecken, Das Laut're schlürft' er aus der Ties' herbei. Enthüllt, befreit von Staub- und Schlammesdecken. Ein Deutscher -war er, und der Freiheit Sohn, Nicht Knecht der Formel, die Parteien bindet. Die Einheit als mutvollen Strebens Lohn, Sie ward, beredten MundeS, durch ihn verkündet. Ein Held, ein Weiser, unverzagt im Tun, Dem allzu kurz die Parz' den Faden spann, Den nur der grimme Todbezwang zum Ruh'n Vom großen Lebenswerk — er war ein Mann. 2. Meine Mutter. Sie -war der Typus reiner Weiblichkeit, Voll Anmut, Lieblichkeit und zartem Streben, Ihr ganzes Wesen war Holdseligkeit, Und Kindlichkeit gab Prägung ihrem Leben. Sie wuchs heran in gutem Bürgertum, Und sich're Tüchtigkeit ward ihr Gel-eiter. Des Rheines Frohsinn blieb ihr Eigentum Und seine Munterkeit ihr Wegbegleiter. Bis er erschien, der tapfre Gottesmann, Der, als er sie geschaut, die holde Blume, Sie gleich zu seinem Lebensgut gewann Und sie erzog zu stillem Heldentume. Denn Heldentum, so ward ihr schlichtes Leben, Ein Heldentum in Leiden und Gefahr, In reiner Weiblichkeit bescheid'nem Streben, Und auf dem Krankenlager manches Jahr. Sie kannte nur das Haus, der Kinder Kreis, Die sie in Qual -und Schmerzen schwer geboren. Der Gatte blieb ihr Ruhm-, ihr Segensreis, Der sie in ihrer Jugend Blüt' erkoren. Sie sonnte sich au seinem Kämpfertum, Das fern ablag voll ihren schlichten Bahnen, Sie freut' bescheiden sich an seinem Ruhm, Nicht kühn genug, zu folgen seinen Fahnen. Still waltend in des Hauses enger Welt, Jedwedem spendend aus -des Herzens Schätzen, So baute sorgsam sie ihr Ackerfeld Und schasste um sich Lust und froh Ergehen. Und als die tück'sche Krankheit sie besiegt, Trug sie mit Tapferkeit die schweren Qualen, Als Heldin, die im Kampf nicht unterliegt, Unheilbar -Siechtum wärmt mit Sonnenstrahlen. Noch kurz bevor vor grausem End' sie bebt. Eh' Tod die Lippen schließt, der grimme Schweiger, Dem bleichen Munde noch e i n Wort entschwebt. Der Schmerzens- und der Jubelruf: „Me i n Geiger 3. Judentum. Vom Vater lernt' ich srüh die alten Sagen, Wavd in die Sprach' -der Ahnen -eingeführt. Den Brauch, die Lehren aus -der Vorzeit Tagen Hat weisen Meisters Finger zart berührt. Mit heil'gem Eifer wiesest du dem Geist, Erfüllend ihn mit ehrfurchtsvollem Schauern, Was sich als schwankend, schwach, verkehrt erweist, Was würdig war, die Zeit zu überdauern. Du sähest gern in mir nicht bloß den Sohn, Fortsetzer auch in schön begonn'nem Werke, Das wähntest du -des Strebens höchsten Lohn, Der dich im W-eiterschreiten hob' und stärke. Das ward ich nicht. Doch Träger der Idee Von unsres Glaubens göttergleichen Rechten, Vom Fortschritt, von Entwicklung zur Höh', Von Wahrung des Gehalts, des Guten, Echten. Daß wir, zersprengt in andrer Völker Reih'n, Nicht nationale Sonderheit -erhoffen. Daß unsres Glaubens Wahrheit fest und rein Der ganzen Welt die Pforte mache -offen. Daß wir, trotz aller Glaubensinnigkeit, Verwandt uns fühlen unfern deutschen Brüdern, Daß wir, dräut man uns auch mit Bitterkeit, Nicht Zorn und Neid mit gleichem Maß erwidern. Und drängt uns mancher auch vom -deutschen Herd Mit höhn'schem Ruf: „Zurück zur Trödelbude", Wir wollen rein erhalten Schild und Schwert, Drin eingegraben steht: Ein -deutscher Jude. 4. Deutscht u m. Ein Deutscher bin ich, -deutsch ist mein Empfinden, Und deutsch mein Fühlen, Denken, Sprechen, Sinn. Zwar wollt' ich gern auch fremden Geist ergründen, Doch immer z-og's mich -neu zu Deutschem hin. Ich liebt' es, Frankreichs Große zu belauschen. Ergötzt' mich an Italiens Dichterklang. Doch Fremdgenuß blieb nur ein Sichberauschen, Erquickung tief bot Deutschlands Dichtersang. Hielt Zwiesprach' gern mit Edler Geisterchor, Der großen Meister wunderbarem Laute, Wie Sphärenklang ertönte meinem Ohr Der deutsche Sang-, der -heimische und traute.