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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-06 · Heft 40 (6.10.1916) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 40 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
Seite 476 (sequence 8)
Language
German
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476 Berufe erprobte Verstandesschärfe Schwierigkeiten zu lösen, verschlungene 'Fäden zu entwirren; bei ihm ist diese Klarheit in der Stellung der Fragen, in der Lösung der Probleme bewundernswert. Und endlich die Versöhnlichkeit: gerade der Vornehme, der rastlos Arbeitende, der Klardenkende kommt leicht dazu, bei seiner Meinung zu verharren, mit einem gewissen Eigensinn nur seine Ueberzeugung gelten zu lassen. Ihm ist es gegeben, unter widerstreitenden Meinungen die Vermittlung herzustellen und ohne Schwäche oder Wankelmut zu bekunden und ohne den Schein, anderen seine Meinung auf zudrängen, die Debatten zu einem gedeihlichen Ende zu führen und Beschlüsse herbeizurufen. Albert Mosse leidet unter der Schwere der Zeit mehr als mancher andere von uns. Sein leicht erregbares Temperament, das er freilich zu zügeln versteht, sein hochentwickelter Patriotismus, die gerade während der Kriegszeit an ihn gestellten, bis fast ins Ungemessene gesteigerten Arbeitsleistungen, der Schmerz, den er kürzlich erlitten, die Sorge, die ihn für zwei andere Söhne, die im Felde und in militärischer Tätigkeit stehen, erfüllt, dies alles nagt an ihm. Möchte es dem verehrten Manne, der kräftig und arbeitsfroh nun in das biblische Patriarchenalter eintritt, beschieden sein, die Schrecknisse der furchtbaren Zeit glücklich zu überstehen, und möge es den Seinen, mit denen er in herzlichster Weise verbunden ist, mit denen er ein vorbildliches Familienleben führt, und inöge es allen, namentlich uns deutschen Juden, gegönnt sein, uns noch lange seiner ersprießlichen Tätigkeit zu erfreuen! L. G. Derlönliche Erinnerungen an Orokeltar Friedrich Gernsheim. Von S. R o t h s ch i l d , Worms a. Rh. er mit der Musikliteratur einigermaßen vertraut ist, der weiß, daß Friedrich Gernsheimzu den hervorragendsten Musikern der Gegenwart zählte, und zwar nicht nur als bedeutender Pianist, sondern auch als ebenso bedeutender Dirigent und Komponist. Nichts ist daher natürlicher, als daß in Worms, seiner Geburtsstadt, Juden und Ehristen stolz daraus sind, Gernsheim den Ihrigen nennen zu können. Als Sohn eines Arztes am 17. Juli 1839 geboren, führten ihn seine Eltern bei hervorragender Begabung dem musikalischen Berufe zu, und nachdem er den Anfangsunterricht in seiner Vaterstadt genossen, kam der kaum neunjährige Knabe nach Frankfurt und von da später nach Leipzig und Paris, wo er mit den berühmtesten Zeitgenossen in Verkehr trat. Seine erste selbständige Stellung war in Saarbrücken; in K ö l n verlebte er Jahre reichen Schaffens, und als er 1874 als Kapellmeister nach Rotterdam berufen wurde, fühlte er sich hier, nachdem er schon auf dem Gebiete der Kammermusik-, Klavier- und Chorkompositionen Bedeutendes geleistet, zu seinen großen O r ch c ste r w er k en angeregt: zu zwei Symphonien, denen die Mirjam-Symphonie folgte. Trotz hoher Befriedigung, die ihm die trefflichen Musikverhältnisse in Rotterdam gewährte, war sein Herz doch dem deutschen Vaterlande zugewandt. Und so folgte er 1890 gern dem Rufe nach Berlin, und zwar als Dirigent des Sternschen Gesangvereins. Bald wurde er in die oberste Kunstbehörde, die Königliche Akademie der Künste, als Mitglied berufen, wurde Vizepräsident und 'Leiter der akademischen Meisterschule für musikalische Kompositionen. Nachdem Gernsheim überall als einer der bedeutendsten Meister auf musikalischem Gebiet gefeiert wurde, konnte man bei vielen Wormsern den Wunsch begreiflich finden, ihn auch einmal hier am Dirigentenpulte zu sehen. Und das war anläßlich des I. Pfälzisch-hessischen Musikfestes am 2. und 8. Juli 1893 der Fall. Prof. Gernsheim hatte Freiherrn Hehl zu Herrnsheim veranlaßt, dieses Fest in Worms stattsinden zu lassen, das jetzt in dem neu eröffneten Festhause stattfinden könne. Unter anderen größeren Werken, die in Anwesenheit des Großherzogs von Hessen zur Aufführung kamen, dirigierte Gernsheim sein „ Preislied ". Sänger und Sängerinnen konnten den Ailgenblick nicht erwarten, bis der Komponist in einer Probe erschien, bei der niemand fehlte. Alles schaute bei seinem Eintreten nach dem Manne, dessen Namen in allen musikalischen Kreisen so ehrfurchtsvoll genannt wurde. Aber bei den meisten konnte man eine gewisse Enttäuschung in den Mienen lesen, als der kleine Mann mit seinem stark ausgeprägten orientalischen Typ eintrat. Bald änderte sich aber die Situation, als er, den Dirigentenstab in der Hand, einem General glich, der mit Energie und Selbstbewußtsein sein i Heer leitet. Am Konzerttage wurden ihm viele, wohlverdiente Huldigungen entgegengebracht. Wiederum trat Gernsheim in Worms an das Dirigentenpult. Es war im Jahre 1912, anläßlich der 100 jährigen Jubiläumsfeier der Musikgesellschaft und Liedertafel. Gernsheim dirigierte am zweiten Festtage sein Werk „Zu einem Drama", Tondichtung für großes Orchester, eine prächtige Komposition, in der, man könnte fast sagen, die Motive seines eigenen Lebens anklingen. Am Abend vorher fand nach Aufführung der Missa solemnis von Beethoven ein Festessen in , „Hehls Hof" statt, zu dem die Künstler, die Spitzen der Staats-, , Militär- und städtischen Behörden, die Kapellmeister hervor- . ragender Theater Einladung erhalten hatten. Auch ich war . als Vorstandsmitglied der Liedertafel und als Verfasser der Festschrift eingeladen. Als Gernsheim mich erblickte, begrüßte . er mich sofort und nach längerer Unterhaltung bat er mich, ihn am anderen Tage in die Synagoge und aus den Friedhof j zu begleiten, da er diese beiden ehrwürdigen Stätten seiner Tochter zeigen möchte. Selbstverständlich war ich gern zu diesem Führerdienst bereit. In der Synagoge zeigte G. seiner Tochter den Platz, wo einst sein Vater gestanden, wo er Bar ■ Mizwoh geworden, und man merkte es ihm an, daß jugendliche Bilder an seiner Seele vorüberzogen. Der Weg zum Friedhose führte an seinem elterlichen Hause vorbei. „Hier," sagte er seiner Tochter und mir (ein Haus am Mainzer Tor, in unmittelbarer Nähe der Judengasse) „hier haben meine Eltern gewohnt. Früher stand hier, wie mein Großvater erzählte, ein kleines, einstöckiges Gebäude, das eine Tafel mit ' der Aufschrift „Judengefängnis" trug. Dort wurden die Juden, die sich dem damaligen Judenzoll zu entziehen versuchtengefangen gehalten. Als im Jahre 1793 die französische Armee aus ihrem Siegeszuge durch die Rheinlande das alte Worms besetzte, wurden die sogenannten Menschenrechte „Iss ckr'oits cks l’homme“ angeschlagen und öffentlich verkündet. Nach, diesen Rechten gab es weder Christen noch Juden, sondern nur Bürger, die nach der Devise „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" eine einzige Gemeinde bildeten. Kaum waren diese Menschenrechte proklamiert, als mein Großvater auf einer Leiter zur Tafel mit der Inschrift „Judengesängnis" hinaufstieg und sie mit einem Beil zertrümmerte." Er erzählte mir noch von einer alten Tante Reichele, die im Alter von 100 Jahren gestorben war und als 90jährige ihre Einkäufe auf dem Markte noch selbst besorgt hatte. Der Besuch aus dem Friedhofe war dem Grabe seines Vaters gewidmet, da seine Mutter in Rotterdam begraben liegt. Der Aufenthalt konnte hier nur kurz sein, da das Konzert bald seinen Anfang nahm. Es galt wohl dem Komponisten und Dirigenten, und nicht zuletzt dem „Wormser Kinde", daß diese Aufführung des zweiten Tages bei ausverkauftem Hause stattfand. Man war von der Komposition und dem meisterhaften Dirigieren

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