Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- Seite 475 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229273--72570-3285020- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
475 Versöhnung der Menschheit beizutragen. Wann auch der Friede erscheinen mag, er soll uns bereit finden zur wirklichen Versöhnung: die Deutschen, daß sie die inneren Kämpfe mit Mäßigung führen; die Juden aller Länder und besonders Deutschlands, daß sie den Gedanken fasten und ausführen, es gäbe höhere Angelegenheiten als Streit und Hader innerhalb der Gemeinschaft: die ganze Menschheit in dem Bewußtsein, daß nach jahrelangem Blutvergießen und einein unerhörten Vernichtungskampse, dessen traurige Folgen gewiß Jahrzehnte andauern werden, das Streben aller darauf gerichtet sein müßte, sich gegenseitig in ihrem Werte zu erkennen, sich in friedlicher Arbeit die Hände zu reichen und gemeinsam in versöhnlichem Geiste zur Beglückung der Welt einherzuschreiten. Solche Gedanken sind freilich im Augenblick den meisten fremd; von ihrer Verwirklichung trennt uns die grausame Gegenwart; aber sie müssen, wie sie den Inhalt unserer Festgebete bilden, auch das Leitziel sein, das zu verwirklichen wir bestrebt sein müssen. Geheimer luttiHrat Ulbert Molle sah am l. Oktober 1916 auf ein siebzigjähriges, arbeitsreiches und gesegnetes Leben zurück. Er feiert diesen Geburtstag nicht, teils weil er ein Feind jedes Festgepränges ist, wenn es seiner eigenen Person gilt, teils weil er niedergebeugt ist durch eine schwere Wunde, die der furchtbare Krieg geschlagen hat. Aber wir wollen es uns nicht nehmen lassen, an diesem Tage seiner zu gedenken, wenn wir ihn auch durch eine laute Feier nicht kränken wollen. Albert Moste, der Bruder des Verlegers unseres Blattes, ist aus bescheidenen Verhältnissen emporgewachsen. Sohn eines schlichten Landarztes, hat er wie seine zahlreichen Geschwister sich durch eigene Kraft zu Bildung und Ansehen emporgerungen. Vier Stufen sind in seinem Leben leicht kenntlich: die erste ist Sie eines richterlichen Beamten und eines fleißigen gediegenen Schriftstellers, die zweite eine reiche langjährige Universitätslehrertätigkeit in Japan, die dritte die eines hohen richterlichen Beamten und Universitätslehrers in Königsberg i. Pr., die vierte seit fast einem Jahrzehnt in Berlin. Vielleicht ist diese letzte und die Art, wie Moste sie verbrachte, die charakteristischste für sein Wesen. Er hatte sich in noch rüstigem Mannesalter von seinen Aemtern zurückgezogen, um in Ruhe zu leben. Unter Ruhe verstand der rastlos Tätige durchaus kein Nichtstun, sondern stille Sammlung und . ununterbrochene wissenschaftliche Arbeit. Statt daß er diese Geh. Justizrat Prof. Dr. Gilbert Moste beging am i. Oktober seinen 70. Geburtstag. Pläne ausführen konnte, wurde er, der auch von der Jüdischen Gemeinde als Vorstandsmitglied begehrt worden war, zu großen Arbeiten im Verbände der deutschen Juden herangezogen, in das Kuratorium der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums gewählt und vor allen Dingen mit dem Amte eines unbesoldeten Stadtrats in Berlin beehrt. EineStellung der letzteren Art ist für keinen eine Sinekure; für Albert Moste war es eine Epoche riesenhafter Arbeit. Als Dezernent wichtiger Kommissionen: des Stiftungswesens u. a., als eifriges Mitglied des Zweckverbandes, vor allem als einer der bestimmenden Männer in Sachen der Kriegshilfe hat er außerordentlich Ersprießliches geleistet und fast den ganzen Tag, der eigentlich der wissenschaftlichen Arbeit zugedacht war, den großen städtischen Angelegenheiten gewidmet. Auch im Verband hat er wichtige Arbeiten geleistet und im Kuratorium der Lehranstalt durch seine Klarheit, Gesetzeskunde und Geschäftspraxis, in einer ihm sonst fernen Materie, zuerst als einfaches Mitglied, dann als stellvertretender Vorsitzender und seit dem Tode des unvergeßlichen Hermann Veit Simon als wirklicher Leiter der Anstalt segenspendend gewirkt. Wenn ich versuche, die Grundzüge seines Wesens zu bestimmen — ich vermag nur seine Tätigkeit im Kuratorium zu beurteilen, da mir ein Verständnis für seine wissenschaftlichen Arbeiten und für seine im Dienste der Stadt geleistete Tätigkeit abgeht -, so ist es zunächst die Vornehmheit seines Wesens: bei aller äußeren Schlichtheit und Ungezwungenheit des Auftretens eine imponierende Gelassenheit, die ihn gerade zum Leiter von Verhandlungen besonders geeignet erscheinen läßt. Sodann die Selbstv erst ä n d l i ch k e i t seines Tuns: es gibt glücklicherweise in unserer Stadt wie in unserer Gemeinde Al ärmer genrrg, die Ehrenämter übernehmen und diese gewissenhaft, eifrig und verständnisvoll üben. Was Albert Moste von anderen unterscheidet, ist der Umstand, daß er nie von Ehrgeiz getrieben wird, sich zu keiner Stellung drängt oder sie auch nur begehrt, sondern sie nur dann annimmt, wenn sie ihm aufs dringendste angeboten wird, daß er aber, sobald er eine solche Arbeit übernommen hat, sie mit einem Eifer und einer Hingebung treibt, als wäre es die einzige, die er sich erwählt, zu der er sich durch lange Uebung vorbereitet hätte. Ferner die K l a r h e i t. Es ist ja, wie wir anderen häufig beschämt und mit einem gewissen Neide zugestehen, dem Juristen gegeben, sich leicht in schwierige, fernliegende Materien zu vertiefen und durch die im eigenen