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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-06 · Heft 40 (6.10.1916) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 40 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
Seite 474 (sequence 6)
Language
German
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außerhalb Eitglcmds gab, ist aus dem Jahre 1812 bekannt, und er stand sogar gegen England im Felde: es war der amerikanische Brigadegeneral Joseph Bloom fiel d. Auch der Kommandant des Hafens von New York in jener Zeit, Kolonel Nathan Meyers, war ein Jude. In den amerikanischen Sezessionskriegen (1861 bis 1864) kämpften auf beiden Seiten etwa 8000 Juden; unter ihnen waren 658 Offiziere, von denen neun den Generalsrang erwarben. Später gab es dann, bis in die gegenwärtige Kriegszeit, Zahlreiche jüdische Generale in Holland, Italien und in anderen Ländern.) Dem „Berliner Lokalanzeiger" entnehmen wir folgende Notiz: Eine russisch-jüdische Legion in London. Haag, 23. September. An den Mauern in Eastend von London ist ein Aufruf angeschlagen worden, der die jungen russischen Juden auffordert, sich freiwillig zur Bildung einer russischen Legion für den englischen Militärdienst zu melden. Der Aufruf ist von einem gewissen Jabotinskh unterzeichnet, der gleichzeitig eine neue jüdische Zeitung, die „Iewish Tribüne", herausgibt. Auch ein anderes jüdisches Wochenblatt, die „Iewish Voice", ist in der letzten Woche (mit Unterstützung englischen Geldes) erschienen, um für den Eintritt der Juden in die britische Armee zu werben. Bon weiteren Regierungsmaßnahmen zum Militärdien st - zwang der Juden ist es inzwischen stillgeblieben. Sodann schreibt die „Frankfurter Zeitung": Die Beteiligung der Juden am Kriege. Hgag, 22. September. Major Baron v. Rothschild gibt im „Daily Chroniele" eine Uebersicht über die Beteiligung der Juden Englands am Kriege. Er sagt, bereits zu Anfang des Krieges sei eine große Anzahl von englischen Juden bei dem Expeditionsheer mit nach Frankreich geschickt worden; auch ein jüdischer Geistlicher habe sich am Feldzuge beteiligt. Sofort, nachdem der Aufruf für die Freiwilligenwerbungen erfolgt sei, sei eine im Verhältnis zur englisch - jüdischen Bevölkerung des Landes sehr große Anzahl von Juden zum Dienste geeilt. Der bereits erwähnte jüdische Geistliche habe dieser Tage versichert, daß in Frankreich allein 2 0 0 0 0 freiwillige englische Juden ständen. Auch auf G a l l i - poli habe eine große Anzahl von jüdischen Soldaten bei dem englischen Expeditionsheer gekämpft. Außerdem sei ein zionistisches Maultierkorps gebildet worden, das in der Hauptsache aus russischen Flüchtlingen bestand und das nach der Aussage des Oberstleutnants Patterson, der ein interessantes Buch über diesen Gegenstand geschrieben hat, ganz ausgezeichnete Arbeit geleistet hat. Im Felde hätten sich die Juden als gleich gute Soldaten bewährt wie ihre Landsleute anderen Glaubens, auch hätten sie eine proportional ebenso große Anzahl von Auszeichnungen erhalten. * Die letztgenannte Zeitung enthält einen großen Artikel: „Miljukow in C hr istia ni a." Seine Aufschlüsse über die innerrussischen politischen Verhältnisse haben im allgemeinen für unsere Zwecke kein Interesse; nur der Schluß seiner Ausführungen, der über die Juden handelt, verdient hier wiedergegeben zu werden. Er lautet: Die Juden frage dagegen sei schwieriger. Die Regierung treibe eine zielbewußte antisemitische Propaganda, sogar in der Armee, um alle Schuld für Unglück und Niederlagen auf die Juden zu wälzen und den Blick von den eigenen Verschuldungen abzulenken. Das russische Volk sei aber jetzt erwacht und wisse, von wem es Rechenschaft zu fordern habe. Die jüdische Frage werde nach dem Kriege mit den anderen großen Fragen der inneren russischen Politik gelöst werden. * Um auf friedlichere Verhältnisse einzugehen, seien zunächst zwei Notizen gebracht, die sich auf das WilnaerJüdische Theater beziehen. Sie lauten: Wilna. Eine zweite jüdische Schauspieler truppe hat sich hier gebildet, die sich „Habomo Hoiwrit" nennt und Stücke in jüdischer und hebräischer Sprache aufführen wird. In der Eröffnungsvorstellung im Zirkustheater soll Gutzkows „Uriel Acosta" in hebräischer Sprache gegeben werden. Ein jüdisches Volks stück auf der Wilnaer Bühne. Aus Wilna wird uns gemeldet: Vor kurzem ging im Jüdischen Theater im Zirkusgebäude am Lukischkyplatz als Benefizvorstellung für das gesamte Personal das Fischerdrama „D e r D o r f j u n g e" von Leo Kobrin über die Bretter. Das Stück, dramatisiert nach der Erzählung Jankel Boyles, das in Amerika viele Aufführungen erlebt hat und von der jüdischen Theaterwelt sowie von der Kritik als künstlerisches Volksstück bezeichnet worden ist, kam mit dieser Aufführung zum er st en mal aus einer jüdischen Bühne in Europa zur Darstellung und fand großen Beifall. * In dem „Neuen Pester Journal" findet sich eine ausführliche Schilderung des Judenghettos in Lublin von M. Waldmann, aus der ich folgende Stelle heraushebe: Mit zwei Kollegen bin ich durch die Judenstadt Lublins geschlendert. Ich habe im Osten viel Unglück, Elend und Schmutz gesehen; was ich im Lubliner Ghetto sah, übertraf in allen drei Hinsichten alles, was ich bisher erlebt und erfahren habe. Man erlasse mir die Schilderung der baufälligen Hütten ohne Fenster und Türen, der in Fetzen gekleideten Kinderscharen, die auf der Straße herumlungern, der gebrechlichen, tiefäugigen Greise und Greisinnen, die auf den Schwellen der duinpfen Kramläden sitzen und mit hoffnungslosen Mienen vor sich hinstarren. All das bietet ein so grauenerregendes und häßliches Bild, daß man sich wundern muß, wie Menschen unter solchen Umständen nur einige Tage zu leben imstande sind. Not und Krankheit herrschen im Lubliner Ghetto. Ein hoher Beamter erzählte mir, daß vor einigen Wochen wegen vorgekommener epidemischer Krankheiten sich die Notwendigkeit herausstellte, hygienische Maßnahmen im Judenghetto zu treffen. Sanitätssoldaten wurden ausgeschickt, um die Säuberung der ärmlichen Wohnungen zu veranlassen. Man fand Stuben, in denen bis fünfzehn Personen wohnten. Man fand Personen, die seit Jahren die Wäsche nicht gewechselt und kein Bad genommen hatten. Mit Gewalt mußten diese in Schmutz und Unwissenheit versunkenen Ghettobewohner in ein Bad geführt und dort gereinigt werden. Beim Erscheinen der Sanitätssoldaten fielen Männer und Weiber in Ohnmacht. Kein Wunder. Diese verschüchterten, auf der tiefsten Stufe der sozialen Leiter stehenden Menschen sind seit jeher gewöhnt, in jeder fremden und obrigkeitlichen Person den Feind zu sehen. Sie konnten es nicht fassen und begreifen, daß uniformierte Menschen daherkämen mit der Absicht zu helfen. Und doch ist das Menschenmaterial der Ghetti wertvoll. Man erinnere sich, was aus diesen Ghettomenschen nach einer Generation in Amerika geworden ist. In der Sonne der Freiheit werden auch diese verkümmerten Menschenpflanzen sich entwickeln können. Man muß ihnen aber mit Verständnis entgegenkommen und begreifen, daß die Entwicklung keine Sprünge kennt; man kann aus dem Ghettojuden im Laufe der Zeit einen arbeitsamen, wissenden Menschen machen, man muß aber zu dem Zwecke zu ihm in seiner Sprache reden und ihn merken lassen, daß man seine Art nicht gering schätzt, denn nicht alles an diesen Ghettojuden ist rückständig und schlecht. Ich habe mir erzählen lassen, welch tiefer Familiensinn, innige Gläubigkeit und heftiger Bildungsdrang in diesen verachteten und abgesonderten Menschen vorhanden sind. Was ihnen not tut, ist Licht und Lust. Das Licht der Volksbildung und die Luft der Freiheit. Wer gewillt ist, ihnen diese beiden Güter trotz innerer und äußerer Widerstände zu bringen, der wird sie erlösen und zu brauchbaren Menschen machen. * Diese Nummer erscheint unmittelbar vor unserem heiligsten Feste, dem Versöhnungstage. Unsere Leser werden diesen Tag in ernsten Gedanken und in würdiger Erhebung feiern. Wir wünschen von ganzem Herzen nicht nur, daß es der letzte Versöhnungstag in dieser fürchterlichen Kriegszeit sein möge, sondern daß, wie sich auch das Geschick vollziehen möge, die Erhebung, die dieser Tag den meisten gewährt, nicht mit dem Tage vergehe.. Es mag ja manchen seltsam berühren, in diesen Tagen allgemeiner Feindschaft von Versöhnung zu sprechen. Und doch sollte nicht nur der einzelne. Mensch sich mit seinem Gott versöhnen, sondern auch bemüht sein, zu der

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