Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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47» „Hier, in, der Stadt/' erzählt der Geistliche, „fand atlch vor meinem Kommen allwöchentlich ein Gottesdienst statt, den ein polnischer Jude abhielt, der früher Kantor in irgendeinem kleinen galizischen Nest war und nun hier als Landsturinmann Dienst tut. Als ich nach meinet' Ankunft diesen Gottesdienst das erstemal anssuchte, war ich fassungslos. Ein nnaufgeräumtes Zimmer, in dem an fünfzig Menschen herumstanden, die laut durcheinander schrien, sich in verzweifelten Bewegungen gefielen, kurz, einer schien den anderen an Frömmigkeit „überbieten" zu wollen! Freilich, das amreit meist Juden aus orthodoxen galizischen Gemeinden, die einen anderen Gottesdienst nicht kennen, und die anderen Elemente, die an eine ruhigere Art von Frömmigkeit und Andacht gewöhnt sind, konnten sich mit den Gebräuchen dieser Majorität nicht befreunden. Da habe ich also vor allem erst erzieherische Arbeit leisten müssen. Selbstverständlich sind mir diese orthodoxen Elemente anfangs mit Mißtrauen entgegengekommen — aber sie Haben sich doch bald davon überzeugt, daß ich zumindest ein so guter Jude wie der Lauteste unter ihnen bin, und jetzt geht's . . . Sie werdeu's selbst sehen" . . . Als wir in den Saal treten, erheben sich die Soldaten. Der Feldrabbiner salutiert dankend, setzt sich vor sein Tischchen, das mit einem weißgestickten Tuch bedeckt ist. Ich nehme in einer der Hinteren Bankreihen Platz — man hat aus einer Schule etwa 20 .solcher Bankreihen herangeschafft, so daß ungefähr 200 Menschen im Saale sitzen können — es sind aber mehr erschienen, so daß viele in den Seitengängen stehen müssen. Selten sah ich ein sonderlicheres Bild: dieser schulzinnnerähnliehe hohe Raum mit den niederen, für die Allerkleinsten bestimmten Bänken, in ihnen die Soldaten, darunter viele graubärtige, in den oft zerfetzten Uniformen . . . Die hohen Fenster, die auf die Bia Luuga, eine der durch ihren großen Verkehr lärmendsten Straßen der Stadt, hinausgehen, werden geschlossen — ein Soldat entzündet die Kerzen in den beiden silbernen Leuchtern, die aus dem Tischchen neben dem Rabbiner stehen; ein anderer verteilt kleine hebräische Gebetbücher unter den Anwesenden . . . Während dies vor sich geht, lasse ich den Blick durch den Saal wandern, eines der mir unvergeßlichen Bilder dieses Krieges in mieh aufnehmend: In den vorderen Reihen sitzen, die Kappen selbstverständlich auf dem Kopf, da die religiöse Vorschrift ein Entblößen des Hauptes beim Gottesdienst nicht kennt, unsere Soldaten. Ganz alte und blutjunge intelligente Gesichter und ausgesprochene Bauerntypen, schmalivangige Großstädter und galizische Dorfjuden mit langen, schlvarzen Bärten, Köpfe, wie sie Lesser Urh gezeichnet haben könnte oder Kaufmann und denen man die Rassenzugehörigkeit auf 50 Schritte vorn Gesichte liest; andere wiederum, wie z. B. drei Tiroler Landesschützen, die kein Mensch für Juden halten würde. Infanteristen, Dragoner, Artilleristen, Sappeure, Eisenbahner, Landsturinmänner -- alles ist vertreten -, auch Offiziere, die in der Seitenbankreihe Platz genommen haben. Viele der Blusen sind mit Auszeichnungen geschmückt, Tapferkeitsmedailleu, Verdienstkreuze, ein paar schwarzweiße Bänder des Eisernen Kreuzes sehe ich darunter. Ein schwarzbärtiger Jnfanteriekorporal, dem man im ersten Augenblick den galizischen Talmudgelehrten ansieht, trägt die „Große silberne" neben der Kleinen silbernen und der bronzenen Tapferkeitsmedaille: bei einem der drei Landesschützen sehe ich die „Goldene", der junge Oberleutnant neben mir trägt das Verdienstkreuz und die Eiserne Krone ... In den Hinteren Bänken sitzen die Kriegsgefangenen, Russen, auch — wie merkwürdig mutete mich gerade dies an! — drei Serben. Die Russen meist sehr hochgewachsene, schlanke Gestalten, mit blondem, fast hellblondem Haar und Bart, die nicht die geringste Spur einer Rassenverwandtschaft mit dem Typus des schivarzbärtigen, kleinen Galiziers haben, den wir so oft als jüdischen Typus bezeichnet sehen, wie ihn der Gefreite in Reinkultur zeigt, der eben, den Gebetmantel um die Schultern, an den Vorbetertisch tritt und laut die hebräischen Melodien zu singen beginnt, die den Sabbat begrüßen, die „hohe Braut" ... Er ist kein Sänger von Gottes Gnaden, dieser Kantor, gewiß nicht; seine Stimme ist brüchig und rauh — aber, ich weiß nicht, was es ist, sie wirkt in der traurigen Melancholie der alten Gesänge, deren Melodik seit Jahrhunderten die ewig gleiche geblieben ist, in ihrem Schluchzen, Aufschreien, demütig-zerknirschten Bitten erschütternd . . . Die anderen beten halblaut mit, nur hier und da versucht einer von ihnen aus alter Gewohnheit seine Stimme über die der anderen zu erheben - aber schuldbewußt blickt er zum -Feldrabbiner und mäßigt sofort seine Besonderheit. Manche sitzen da, den Kops in die verschlungenen Hände tief auf die Bank gebeugt, andere schauen mit großen Augen in eine Ferne, die wir nicht ahnen können, Gebete murmelnd mit unermüdlichen Lippen . . . Die Russen beten auswendig, sich von Zeit zu Zeit tief verneigend und ihre Stimme mäßig erhebend. Der junge Serbe in der letzten Bankreihe betet ebenfalls stehend: die Tränen rinnen unaufhörlich über seine eingefallenen Wangen . . . Plötzlich Stille. Der Borbeter stimmt den Sabbatpsalm, den feierlichen, au: „Sei uns gegrüßt, du heilige Bratit, Sabbatbraut . . ." Alle fallen ein, und jubelnd klingt die schöne Melodie empor, erfüllt den ganzen Raum, schallngt. durch die geschlossenen Fenster hinaus aus die Straße, daß die Vorübergehenden horchend stehenbleiben . . Dann spricht der Feldrabbiner. Er erklärt den „Wochenabschnitt" der heiligen Thora, spricht dann von den Sorgen und Kümmernissen aller, allrd immer herzlicher, immer brüderlicher, immer hinreißender .. . Ein Meister der Rede steckt in diesem zierlichen, bescheidenen Mann, manchmal schallllt seine Stimme an und dröhnt durch den Raum. „Es ist nicht genug, daß ihre eure Pflicht tut!" ruft er ihnen zu. „Denkt daran, daß ihr Juden seid, daß ihr mehr tun müßt als eure Pflicht, lvenn unsere Hasser und Feinde schämigen sollen, daß euch keiner mehr feige zu nennen ivage, vergessend, daß euer Ahnherr Juda Makkabi der Hammer Judas hieß . . ." Erschöpft hält er dann iune. Spricht ein kurzes Gebet und beginnt darauf das „Gott erhalte" zu singen. Alle erheben sich, auch die Russen sind aufgestanden, singen laut mit. Der Gottesdienst ist zu Ende . . . Einer nach dem anderen geht zu dem Feldrabbiner hin, dankt ihm nach seiner Weise: der Großstädter mit einem herzlichen Wort, der Bauer mit einem strammen „Habt Acht" und Salutieren. Unten bei dem wundervollen, steinernen, aus alter Zeit geretteten Tore sehe ich den Langsam sich Entfernenden nach, von denen einige schon im heftigen Disput über die „Auslegung" des Wochenabschnittes sind. Unter Führung ihrer Wache kommen die Kriegsgefangenen herunter — aber auch sie scheinen aufrechter zu gehen. * Ein gewisses Abflauen des Antisemitismus in Oesterreich geht aus folgender Notiz hervor: Bon dem Bestreben geleitet, die durch den Krieg hervorgerufene große Verantwortung nicht allein zu tragen, hat sich die christlichsoziale Majorität des Wiener Gemeinderats veranlaßt gesehen, ihren seit Lueger verteidigten prinzipiellen Standpunkt aufzugeben, die Opposition nicht in den engeren Ausschuß des Gemeinderates gelangen zu lassen. Wiederholt waren im Laufe der Jahre diesbezügliche Verhandlungen eingeleitet worden, die immer daran scheiterten, daß die Majorität verlangte, unter den Vertretern der Opposition dürfte sich kein Jude befinde n. Aus der im Kompromtßwege getroffenen Wahl der Kandidaten geht jetzt hervor, daß die Ueberlassung von drei Sitzen im Stadtrat an die Opposition, nämlich zweier an die Bürgerlich-Freiheitlichen, eines an die Sozialdemokraten, an leine einschränkende Bedingung mehr geknüpft worden ist. Die Zahl der Stadträte wird von 2 7 aus 30 erhöht werden, und da der niederösterreichische Landtag, dessen Zustimmung zu dieser Aenderung des Gemeindestatuts notwendig wäre, nicht versammelt ist, wird die Veränderung in der Wiener Gemeindevertretung im Wege einer kaiserlichen Verordnung Gesetzeskraft erhalten. * Sehr merkwürdige Nachrichten werden aus England mitgeteilt. Zunächst berichtet das „Berliner Tageblatt": R o t t e r d a in , 23. September. Die englische Armee hat infolge der Beförderung des Obersten I o h n M o n a s h zum Generalmajor ihren e r st e n jüdischen G euer a l. „Manchester Guardian" sagt: Es hat wohl schon mehrere Generale jüdischer Herkunft gegeben, aber kein Jude, der Jude geblieben war, ist noch General gewesen. (Die Angabe des „Manchester Guardian" trifft zu, soweit sie England betrifft. Der erste jüdische General, den es