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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-06 · Heft 40 (6.10.1916) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 40 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
Seite 472 (sequence 4)
Language
German
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472 die Versicherung abgegeben hat, ein solches Angebot von Friedensverhandlungen nicht zu berücksichtigen, so mnß der furchtbare Krieg bis zu Ende weitergeführt werden. * Wie es mit den K r i e g s e r e i g n i s s e n steht, mag am einfachsten aus der offiziellen Darstellung wiedergegeben werden, die der deutsche Reichskanzler am 28. September bei der Eröffnung des Deutschen Reichstags gegeben hat. Aus den Schlachtfeldern toben harte Kämpfe in Ost, West unb Süd. Seit Anfang Juli dauert, fast ohne jede Unterbrechung, an der Somme der erbitterte Angriff der Engländer und Franzosen an. Die große Offensive der Ententeheere, lange vorher angekündigt, hat eingesetzt; jetzt sollte es glücken, jetzt sollte die Front der verhaßten Deutschen durchbrochen, Frankreich und Belgien befreit und der Krieg über den Rhein hinweg nach Deutschland hineingetragen werden. Und was ist geschehen? Wohl haben die Franzosen und Engländer Borteile erstritten, wohl sind unsere ersten Linien nur einige -Kilometer zurückgedrückt, auch schwere Verluste an Menschen und Material haben wir zu beklagen; bei einer in so großein, gewaltigem Maßstabe angelegten Offensive ist das unverm-eidbar. Aber das, was unsere Gegner hofften und erstrebten, der Durchbruch im großen Stile, die Aufrollung unserer Stellung im Westen, das ist nicht geglückt. Ungebrochen steht unsere Front da. Schwer und hart sind die Kämpfe an der Somme da draußen, und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Sie werden noch manches Opfer kosten, noch ein und der andere Graben, noch ein und das andere Dorf mögen verloren gehen — aber durch kom - ni e n s i e n i ch t! Dafür bürgt uns unsere Führung, dafür bürgt die unvergleichliche, die beispiellose Tapferkeit der Truppen aller deutschen Stämme. Auch im Osten tobt der Kampf weiter. Nachdem die große Offensive des Generals Brussilow von den Truppen des Erzherzogs Earl und des Generals.v. Linsingen zum Stehen gebracht war, haben schwere russische Angriffe westlich von Luek, an der Narajowka und in den Karpathen erneut eingesetzt. Unter blutigen Verlusten der Nüssen sind sie zusammengebrochen. Auch hier werden die Kämpfe sortgehen, aber auch hier wird Einhalt geboten werden dank dem unvergleichlichen Heldenmut unserer Heere. Seit einem Jahre ist der neue große Balkan Plan der Entente gereift, bestimmt, den Vierbund zu sprengen, unsere Vereinigung mit dem Orient zu zerreißen, die Türkei, Bulgarien, Oesterreich-Ungarn, eines nach dem anderen, niederzuzwingen, um dann die vereinten Kräfte allein gegen Deutschland richten zu können. Seit fast einem Jahre wird als Vorbereitung dazu ein großes Heer in Saloniki unterhalten. Immer neue Divisionen treten hinzu, englisches und französisches Völkergemisch von der ganzen Welt wird mit Russen, Serben, Italienern und schließlich Portugiesen zusammen gedrillt. Ter Verrat Rumäniens schloß die Kette. Und wieder frage ich: was ist erreicht? Tie Lage unserer treuen und tapferen Verbündeten ist unerschüttert. Oesterreich- Ungarn steht an der Ostfront zusammen mit uns bis nach Siebenbürgen hinein. Türkische Truppen kämpfen in Galizien. Bulgarische, deutsche und türkische Truppen haben die Rumänen in der Dobrudscha geschlagen, vereint kämpfen sie in Mazedonien. Der Plan der Entente, in der Dobrudscha und in Mazedonien einen entscheidenden Schlag zu führen, ist im Entstehen getroffen. Die Saloniki-Armee ist über schwächliche Angriffe nicht hinausgekommen, und in der Dobrudscha ziehen bulgarische, deutsche und türkische Truppen gegen Norden, anstatt, wie die Feinde es sich dachten, Russen und Rumänen nach Süden. Im ganzen also, meine Herren: An der Sommesront einzelne Erfolge der Gegner, die aber die Gesamtlage nicht ändern. Im übrigen erfolgreiche Abwehr aller feindlichen Angriffe und damit Durchkreuzen der feindlichen Pläne! # Ist nun freilich beim Hinblick auf die allgemeinen Angetegenheiten kein Grund gu besonderer Freude vorhanden, so jedenfalls auch kein Anlaß zur Entmutigung oder gar zur Verzweiflung. Es sind schwere Zeiten, die überstanden werden Müssen; der Heroismus unserer tapferen Truppen und die Widerstandskraft der Daheimgebliebenen werden sich, des sind wir sicher, weiter bewähren. Die Schicksale des unglücklichen Griechenlands müssen sich in diesen Tagen vollenden. (Freilich sind wir nur auf Nachrichten angewiesen, die von dem Vierverband verbreitet und so zugestutzt werden, wie es ihm paßt.) Griechenland ist völlig von dem Vierverband geknechtet, die von Herrn Venizelos geleitete Revolution scheint zum Ziele zu führen. Und dem Könige, der den ernsten Willen hat, neutral zu bleiben, wird nichts anderes übrigbleiben, als abzudanken, wenn nicht eben noch andere Gewaltmaßregeln gegen ihn vollzogen werden. An eine Beteiligung der Griechen scheint der Vierverband selbst nicht zu denken; ob die griechischen Truppen, wenn sie sich wirklich mit ihren Peinigern vereinigen müssen, gefährliche Gegner für uns sind, ist kaum zu erwarten. * Aus Deutschland liegen nicht allzuviel Nachrichten vor. Nachträglich mag bemerkt werden, daß die Synagogengemeinde Elberfeld einen mit einem hübschen Bilde verzierten „Gruß an ihre tapferen Söhne" zum jüdischen Neujahrsfeste veröffentlicht hat: Darin kommen folgende Sätze vor: „Hätte man uns beim Beginne des Krieges vorausgesagt, was wir alles erleben würden: wir hätten geglaubt, wir könnten es nimmer tragen. Und wir haben es getragen, mit Mut und Standhaftigkeit, weil in unseren Herzen das alte jüdische Gottvertrauen lebte, das Gottvertrauen unserer Psalmensänger und Propheten, das Gottvertrauen unserer Edlen und Frommen, das Gottvertrauen unserer Helden und Märtyrer." Und am Schlüsse des Grußes heißt es: „Das kommende Jahr wird uns so stark und so vertrauensvoll finden, wie das vergangene uns gefunden hat. Als gute treue Bekenner des Judentums werden wir an der Ueberzeugung festhalten, daß ein heiliger Wille die Welt Negiert. Und von euch insbesondere wissen wir, daß ihr auch im neuen Jahre nicht ermüden werdet in eurer treuen Pflichterfüllung, nicht erlahmen werdet in eurer unerschrockenen Tapferkeit und eurer beharrlichen Ausdauer, daß ihr nicht eher in die Heimat zurückkehren möchtet, bis ihr unserem Vaterlande das Ansehen geschenkt habt, das es in der Welt verdient, und die Achtung, die ihm gebührt. * In dem „Berliner Lokal-Anzeiger" finden wir folgende ansprechende Schilderung des jüdischen Feldg.ottesdienstes in Südtirol: Im Befehl lese ich: „Für Offiziere und Mannschaften sowie für Kriegsgefangene jüdischer Religion hält Herr Feldrabbiner Dr. Link Freitag abend halb acht Uhr im Palazzo Venditti einen Gottesdienst ab . . Ich erinnere mich, den Feldrabbiner vor einigen Tagen draußen in der Korpssanitätsanstalt getroffen zu haben, als er Verwundete besuchte. Ein kleiner, etwas zierlicher Mann in der Uniform der Feldgeistlichen mit den drei goldenen Streifen am Arm, eine sympathischbescheidene Erscheinung. Am Abend also finde ich mich im Palazzo Venditti ein, sehe ein «paar Soldaten in den ersten Stock hinaufsteigen und folge ihnen. Oben, vor der Türe, steht ein junger Landsturmmann mit aufgepstanztem Bajonett. Gottesdienst unter Postenbewachung? denke ich unwillkürlich. Aber der Feldrabbiner, den ich im Vorraume des Saales treffe, in dem der Gottesdienst vor sich gehen soll —ein polnischer Soldat ist eben damit beschäftigt, ihm den weißseidenen, mit Gold gestickten Gebetmantel um die Schultern zu legen —, klärt mich auf. Der Posten steht wegen der Kriegsgefangenen da, die er hierher brachte und die er nach Schluß der Feierlichkeit wieder nach Hause zu führen hat. Ob ich schon eimn-al bei einem Freitagabendgottesdienst im Felde gewesen sei? fragt der Rabbiner. Ich verneine. Es ist das erstemal, daß ich von einem solchen überhaupt höre.

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