Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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471 Die Bestrafung Deutschlands für seine Missetaten — z. B. an Miß Cavell und Kapitän Fryatt -- wird am zweckmäßigsten in der Weise stattfinden, daß einige neuzeitliche deutsche Paläste und das Gebäude des Generalstabs in Berlin angezündet werden. Auch die Zerstörung der großen Kölner Rheinbrücke und des Kieler Kanals sind Wiedervergeltungsmaßregeln, die hier in Betracht kommen. Um die Ausführung dieser Bedingungen zu erzwingen, sind größere Teile Deutschlands so lange zu besehen, bis alle Verpflichtungen erfüllt sind. Es kommt hier namentlich die Jndustrieg e g e n d in den rheinischen Provinzen und nördlich der Eifel in Betracht, ferner die Pfalz und Schlesien, vielleicht auch Königsberg und Danzig, Gebiete westlich des Rheins, die deutschen Nordseeinseln unv die Elbmündung. Wir müssen ferner erwägen, ob wir das Deutsche Reich durch Aufteilung in seine einzelnen Teile zerstören sollen. Die Negierungen der Verbandsmächte sollten es der Welt klarmachen, daß sie zu solchen äußersten Maßregeln greifen, wenn die deutsche Regierung nicht um Frieden bittet, sobald die Verbandstruppen sich innerhalb der Grenzen Deutschlands befinden. Frankreich und Rußland dürfen nicht weniger als England entschlossen sein, einen Frieden unter den angedeuteten Bedingungen zu erzwingen, und dieser Auffassung muß Italien beitreten. Daß Japan sich ausschließen sollte, ist nicht anzunehmen. Ein geheimer Vertrag muß unverzüglich zwischen den fünf Regierungen abgeschlossen werden mit genauem Inhalt über diese dem Feind aufzuzwingenden Friedensbedingungen. Gewisse äußerste Maßregeln, wie die Wegnahme des gesamten deutschen Eigentums im Gebiete jeder Verbandsmacht, können noch in Reserve gehalten werden." Der Herausgeber der englischen Zeitschrift schickt dem Aufsatz die Bemerkung voraus, daß seine Leser vielleicht durch den „allzu maßvollen" Inhalt enttäuscht werden könnten. Zum Trost füg: er jedoch hinzu, daß es sich ja nur um die Darlegung des Mindestmaßes der englischen Ansprüche handle. Diese würden sich naturgemäß mit jedem weiteren Kriegsmonat steigern. Diese Worte sind in mehr als einer Hinsicht bezeichnend. Sie lassen erkennen, daß der mit niedriger Habgier gepaarte Vernichtungswille, der aus jeder Zeile des Aufsatzes spricht, in England nicht etwa auf wenige überspannte Köpfe beschränkt ist, sondern daß er weite Kreise des Volkes durchdringt. Auch in den anderen gegen uns verbündeten Staaten setzt der Verfasser den gleichen Willen voraus. Er täuscht sich darin auch zweifellos nicht, denn die feindliche Presse gibt ihm ja täglich recht. Nur desto wertvoller ist es aber für uns, daß sein Haß um so viel größer ist als seine Klugheit. Kein deutsches Wort der Aufklärung könnte so eindringlich wirken wie dieses offene und erschöpfende G e - ständnis englischer Feindschaft. Auch das blindeste Auge kann aus solchen Enthüllungen sehen, weshalb wir kämpfen müssen bis zum bitteren Ende. Auch die ehrlichsten Freunde des Friedensgedankens muß diese Sprache zum heiligen Zorn entflammen. Selbst dem Mildesten zwingt sich das Schwert in die Faust, um das zu schützen, was uns auf Erden das Höchste ist. Wer nun noch immer nicht begreift, daß unser Kampf ein Krieg der Verteidigung ist, an dessen siegreichem Ausgang hoch und niedrig, arm und reich in gleicher Weise gelegen sein muß, der verdient nicht die Ehre, ein Deutscher zu sein. Und auch der Bescheidenste wird sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß dieses Kampfes Preis nur ein Friede sein darf, der solchem verblendeten Haß auch die letzte Hoffnung nimmt, das Deutschland der Zukunft jemals wieder so gefährden zu können wie das der Gegenwart. Die Drohung der englischen Federhelden, daß jeder weitere' Monat des Krieges die feindlichen Ansprüche steigern werde, ist aber auch ein Beweis dafür, daß der Verfasser in dem Wahne lebt, als wäre Bismarcks stolzes Wort bei uns vergessen, nach dem der Appell an die Furcht in keinem deutschen Herzen Widerhall findet. Haben ihm Vergangenheit und Gegenwart noch nicht gezeigt, daß er sich darin grausam täuscht, so wird es ihn die Zukunft desto gründlicher lehren. Mehr als zwei blutige Jahre hindurch hat unser Vaterland einer Welt in Waffen ruhmvoll Trotz geboten. Verleumdung und Hungerkrieg haben es ebensowenig niederzwingeu können wie der Ansturm der weißen und farbigen Völkerhordeu gegen die deutsche Wehrmacht am Feind. So fest wie diese allen weiteren Stürmen trotzen wird, so fest und stark wird auch die innere Kraft der Heimat bleiben. Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt! Man könnte sich der Hoffnung hingeben, daß diese wahnsinnigen Pläne nur diktiert sind von dem Bewußtsein des Unvermögens, von der Lust, den gesunkenen Mut der Verbündeten zu heben; wenn sie aber wirklich die Anschauungen der Gegner aussprechen, so kann man nur sagen, es bleibt trotz aller Opfer, die schon gebracht worden und noch zu bringen sind, nichts anderes übrig, als die Waffen zu führen bis zum letzten Augenblick. Denn es gilt nicht nur unsere Ehre und unseren Ruhm, sondern es geht um unsere ganze Zukunft. Wollen die Gegner wirklich, wie es scheint, unsere Vernichtung, fo müssen wir ihnen und der Welt zeigen, daß wir für das Vaterland jedes Opfer zu tragen bereit sind. Ein Volk von 60 Millionen, das bis jetzt große Teile der feindlichen Länder besetzt und das Besetzte größtenteils gegen alle Anstrengungen verteidigt hat, läßt sich nicht aus der Reihe der geschichtlichen Mächte streichen. - Nun könnte man ja freilich sagen: das Angeführte ist nur die Aeußerung eines beliebigen englischen Blattes. Daß aber wirklich das Angegebene der Anschauung der maßgebenden Kreise entspricht, geht daraus hervor, daß der englische Kriegsminister Lloyd George einem amerikanischen Berichterstatter über Englands Gesinnung folgendes mitgeteilt hat: „Deutschland hat seine Entscheidung getroffen, daß es mit England kämpfen will, bis einem von beiden der Rest (Finish) gegeben worden ist. Wir werden dafür sorgen, daß es befriedigt wird. Der Kampf wird fortdauern bis zur Niederschmetterung (Knock out). Die ganze Welt und auch die Neutralen mit den edelsten menschlichen Beweggründen mögen wissen, daß eine Einmischung von außen in diesem Abschnitte des Kampfes nicht in Frage kommen kann. Großbritannien hat keine Vermittlung angerufen, als es zum Kampfe nicht vorbereitet war. Es wird jetzt keine dulden, da es zum Kampfe bereit ist, bis der preußische Militärdespotismus auf ewig zerstört ist. Keine Träne ist von den Freunden der Deutschen vergossen worden, als Tausende von englischen Bürgern, deren militärische Ausbildung nur wenige Monate gedauert hatte, das Schlachtfeld betraten, um dort niedergemäht, bombardiert oder mit Gas vergiftet zu werden, und diese Leute sind jetzt bis zu Tränen bewegt bei dem Gedanken an das, was kommen wird. Sie haben mit trockenen Augen den ersten Runden (rounds) des ungleichen Kampfes Zugesehen. Kein Hinschlachten und keine Leiden, die noch kommen können, können schlimmer sein als die Leiden dieser Toten der Alliierten, die das ganze Gewicht der preußischen Kriegsmaschine im Anfang über sich ergehen lassen mußten. In dem englischen Entschluß, den Kampf bis zur völligen Niederwerfung fortzuführen, liegt mehr als das natürliche Verlangen nach Rache. Gegen ihn sprechen die Unmenschlichkeit und die Unbarmherzigkeit des bevorstehenden Kampfes; diese können aber nicht verglichen werden mit der Grausamkeit, die darin bestünde, den Krieg jetzt zu beenden, solange die Zivilisation von demselben Feinde bedroht bleibt. Wenn wir auch das Ende des Krieges noch nicht sehen, so haben wir doch keinen Zweifel darüber, wie dieses Ende sein wird." Dieser Kundgebung über die Ansicht Englands fügte der Minister hinzu, daß auch Frankreich und Rußland derselben Ansicht sind. Nach einer Mitteilung über diese Anschauung schließt der englische Minister seine Ausführungen mit folgenden Worten: „Dieses Schreckliche darf sich nicht wieder aus Erden ereignen. Ein Mittel, ihm ein Ende zu machen, besteht darin, den Urhebern dieses Verbrechens gegen die Menschheit, eine solche Strafe aufzuerlegen, daß die Versuchung, ihr Beginnen zu wiederholen, ein für allemal aus den Herzen der Regierenden, die einen verderbten Geist haben, getilgt wird. Das ist das, was E ng landw ill." Da nun auch die neutralen, besonders die nordischen Staaten in einer neuerdings abgehaltenen Zusammenkunft erklärt haben, daß sie nicht die Absicht hegen, eine Friedensvermittlung eintreten zu lassen, und da England seinerseits