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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-06 · Heft 40 (6.10.1916) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 40 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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470 Nacken des Judentums lasteten, dennoch kein feindseliger Geist im Judentum erzeugt wurde, daß die Geschichte keinen einzigen Akt des Hasses seitens dieses Volkes gegen Menschheit, Nation, Staat und Gesellschaft, von denen es so grausam behandelt worden, zu verzeichnen hat. Gerade das tragische Geschick, das das Judentum seit der Zerstörung seines Politischen Gemeinwesens getroffen hatte, die schweren Kämpfe, die es noch jetzt um sein bloßes Dasein zu bestehen hat, entwickelten und nährten in ihm die schönsten Seiten des ethischen Lebens: Mitleid, Milde, Erbarmen, werktätige Menschenliebe einerseits und Besonnenheit, Geduld, Enthaltsamkeit, Mäßigkeit und Nüchternheit anderseits. Das jüdische Herz wird rasch und leicht bewegt, gerührt, ergriffen und hingerissen zum Mitleid und Erbarmen. — Daher haben wir neben allen, auch den prinzipiellen Unterschieden und Gegensätzen innerhalb des Judentums immer noch e i n K r i - terium: „das jüdische Herz". Die Erfahrung lehrt es hundertfältig, daß es unter den radikalsten Gegnern des gesamten Thora-Inhalts doch Männer gibt, die ein sehrwarmes Herz für die Ehre, das Recht, das ideale Erstgeburtsrecht des Judentums haben — und die Erfahrung lehrt ferner, daß der Orthodoxe solche Männer noch zu den Unsrigen rechnet. Er hat ja auch dafür seine Gründe: „Obgleich er gesündigt hat, ist er Israelit." „Wer den Götzendienst negiert, heißt Jude." So war das Judentum trotz seiner Zerstreuung ein Ganzes, eine Einheit, und blieb es auch in unseren Tagen. Wenn der Hilferuf ertönt von weiter Ferne her, da verklingt er nicht in den entlegenen Ländern, da beeilte sich ein jeglicher — und war er noch so entfernt —, die Bruderhand entgegenzureichen, das warme Herz war auf dein weiten Wege nicht erkaltet und nicht erstorben. Und nicht bloß auf Israels Kreis beschränkt sich das „jüdische Herz", es ist ein unerschöpfliches, es erstreckt sich, soweit die Kräfte reichen, über die ganze Menschheit: wo eine Not hervortritt, da sind zuerst die Hände Israels geöffnet, wo ein Jammerschrei ertönt, da ist zuerst das teilnehmende Wort aus Israels Mitte, das besänftigt und berrihigt. Das Judentum hat keinen Pöbel, der die Menschennatur durch Gewalttätigkeit, blutige Händel, Plünderungswut, grausames und erbarmungsloses Wüten und Morden entwürdigt. Es gibt nirgends eine jüdische Volkshefe, in der die gemeinsten und rohesten tierischen Instinkte gären. Die Lust am Zerstören, Verwüsten, die wilde Bestien und wilde Menschen miteinander gemein haben, wird man vergebens unter den Söhnen des Judentums suchen. Wenn sich auch die Religion Israels nicht die Religion der Liebe nennt, so ist sie doch durch und durch eine Religion der werktätigen Liebe. Sokrates hat die herrlichsten moralischen Lehren verbreitet; es ist ihm aber nicht gelungen, die Athener zu ethischen Personen in seinem Sinn umzugestalten. Seneca hat in seinen Schriften so prächtig-ethische Grundsätze ausgesprochen, daß man sie mit denen des Apostels Paulus verglich. Sein Freund aber war Nero, und sein zeitgenössisches Rom war voll ethischer Ungeheuerlichkeiten. Dem Judentum aber ist es gelungen, nicht bloß durch schöne Worte, sondern durch seine ganze kulturhistorische Entwicklung das echte jüdische Herz zu erziehen, das leicht bewegt, gerührt, ergriffen wird von Mitleid und Erbarmen. „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, betet für die, die euch kränken und beleidigen", das sind allerdings Lehren, die viele in den alten Urkunden des Judentums vermissen. Aber, je älter das Judentum, je mehr ist seine Lehrform eine natürliche, praktische, geschichtliche. Es lehrt nicht, wie viele jüngere Zeitalter lehrten — es predigt, wie die Sterne die Majestät des Herrn predigen. Das innere Geistes- und Gemütsleben des Judentums, aufblühend und hervorbrechend in den edelsten Taten seiner großen Männer, lehrt Feindesliebe und Versöhnung. Me Woche. . Berlin, den 3. Oktober 1916. ie weit die Verblendung unserer Feinde geht, erhellt am besten aus folgendem Artikel eines englischen Blattes, den wir samt der Widerlegung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" an dieser Stelle 'wiedergeben: Das Septemberhest der „National Review" enthalt einen Aufsatz über die Fr i ed eu sb ed i n g u n g en Englands. Sein Verfasser setzt im Anschluß an eine allgemein gehaltene Vorbetrachtung zunächst auseinander, welche Forderungen die uns feindlichen Verbündeten all Oesterreich-Ungarn, die Türkei und Bulgarien richten müßten. Dann fährt er wörtlich fort wie folgt: „Was nun den wichtigsten Punkt, die Bestrafung Deutschlands, betrifft, so werden wir den Hunnen unseren Willen aufzwingen, indem wir ihren Fürsten, Politikern und Soldaten, deren Wort wertlos ist, die Bedingungen diktieren. Die Leiter der deutschell öffentlichen Meinung, die das Volk beeinflussen, wollell ja ohnehin keinen Vertrag als bindend anerkennen. Großmut wäre daher bei einem so anmaßenden und niederträchtigen Volk wie den Preußen nicht um Platze. Vielleicht wird es sich llicht geradezu als absolute Notwendigkeit hermrsstellen, Deutschland vollständig zu zerstören, gleichwohl aber sollte das „Germania delenda est“ doch die allgemeine Richtschnur für unsere Bemühungen im Feld wie bei den dein Besiegten aufzubürdendeu Friedensbedingungen bilden. Deutschlands Kolonien werden unter den Mächten, die sie erobert haben, aufgeteilt werden. Belgien mllß wiederhergestellt werden und nach Osten einige Meilen Gebietszuwachs erhalten. Auch rnuß Aachen und sein prächtig gedeihendes Nachbargebiet zeitweise dem belgischen Königreich einverteibt lverden, mag aber all Deutschland zurückfallen, wenn die den Deutschen auferlegte Entschädigung rechtzeitig bezahlt wird. Das Großherzogtunl L u x e m bürg, dieser Anachronismus, müßte dem belgischen Königreich eiuverleibt werden, jedoch könnte es gewisse selbständige Rechte und aus der deutschen Kriegsentschädigung einen Teil erhalten, nämlich zehn Millionen Pfund. Ferner sollte ihm wieder das Recht verliehen lverden, Festungen zu errichten. Im übrigen muß, was die K r i e g s e ll t s ch ä d i g u n g betrifft, Deutschland an B e l g i e n 100 Millionen Pfund als Strafe wegen Vertragsbruchs zahlen und lveitere 500 Millionen zum Ausgleich für alle an Leben, Gesundheit, öffentlichem und privatem Eigentum zugefügten Schäden. Entsprechende Entschädigungen hat Deutschland selbstverständlich an G r o ß b r i t a u - n i e n, Frankreich und R u ß l a n d zu entrichten. Elsaß-Lothringen kommt all Frankreich zurück, dazu das Saartal sowie Trier nebst Umgebung. Welche Entschädigungen die Franzosen im übrigen verlangen, müssen sie noch sagen. Ganz P r e u ß i s ch - P o l e n wird Russisch-Polerl einverleibt, also sowohl die Provinz Posen wie ein Teil W e st Preußens fallen an Rußland, und eine Grenzberichtigung auf Kosten von Ostpreußen tritt ein (rechtes Memelufer und Zugang zu den masurischen Seen). Ferner hat Deutschland seinen ganzen F l o t t e n b e sta n d a u sz u l i ese rn, Schlachtschiffe, Kreuzer, Zerstörer sowie Unterseeboote und ferner Handelsschiffe als Ersatz für die von ihm gegen das Völkerrecht versenkteil Schiffe. In Betracht kommt ferner die Uebergabe von Handelsschiffen als Ausgleich für die der neutralen Schiffahrt ungesetzlich zugefügten Schäden. Alle gekaperten deutschen Handelsschiffe bleiben Eigentum der Verbandsmächte. Was die Entwaffnung der militärischen Landmacht Deutschlands betrifft, so muß dem Feind so viel Kriegsmaterial genommen werden, daß keine deutsche Armee von mehr als etwa einer halben Million Al min aufgestellt werden kann. Das bedeutet also unter anderem die Wegnahme von einigen tausend Geschützen, einigen Millionen Gewehren, einer entsprechenden Zahl Maschinengewehre, Flugzeuge usw. Ueber die genauen Summen müssen wir zur Zeit der Friedensverhandlungen schon Beschluß gefaßt haben. Hinsichtlich des Kieler Kanals kann man sich mit einer Jnternationalisterung oder Neutralisierung nicht begnügen, da ja ein „Fetzen" Papier, wenn man es mit einem Staat wie Deutschland zu tun hat, wertlos ist. Es käme wohl die vorübergehende Besetzung Kiels durch internationale Truppen in Frage.

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