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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-10-06 · Heft 40 (6.10.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 40 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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80. Jahrgang Nr. 40 Allgemeine Berlin, 6. Oktober 1916 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-preisdarch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32<*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 56-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Zum Versöhnungsfest. DieWoche —- Geheimer Iustizral Albert Mosse. Von l.. 0. — Persönliche Erinnerungen an Professor Friedrich Gernsheim. Von S. Rothschild, Worms a. Rh. — Richard Wolsfenstein. — Polnische und russische Dichter und Erzähler über Juden. Von Dr. Marcus Landau, Wien. — Feuilleton: Bekenntnis. Von Ludwig Geiger. — Miszellen. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig, Breslau, Geisa, Stuttgart, Wien, New Hort. — Von Nah und Fern. Lum Verlöhnungsftst. Von Dr. 33, Seligkowitz, Köthen. lle Kulturarbeit führt zwar zu einer Bereinigung der Menschen und zum Austausch und zur Wechselwirkung der Kräfte und der Leistungen; zugleich aber erzeugt sie eine Steigerung des natürlichen Egoismus. In der Berufsarbeit, in dem Schaffen für andere sucht der Mensch den eigenen, den persönlichen Erfolg. Daraus entspringt der Wetteifer, der zum Wettstreit, zum Wettkampf wird. Die Religion aber fordert den Frieden, den gesunden, gedeihlichen Frieden. Der Widerstreit der Vereinigung in der Leistung und des Wettkampfes um persönlichen Erfolg muß gelöst werden. Die Aufgabe der Religion ist es, die Grenzen der Berechtigung beider, des Egoismus und der Hingebung, festzustellen. Glücklicherweise sind beides keine absoluten Gegensätze. Der Egoismus und die Hingebung können und sollen nebeneinander bestehen. Von der Ausbildung und der Geltung seiner eigenen Person kann der Mensch naturgemäß sich nicht trennen; alles dies aber kann und soll er zugleich im Dienst und zum Zweck der Gesamtheit verwenden. Und je höher der einzelne Mensch an Gestalt und Fähigkeit, an Bedeutung und Leistung ist, desto reicher und vielseitiger wird seine Wirksamkeit für das Ganze. Je vielseitiger aber seine Betätigung für die Gesamtheit, desto höher steigt das einzelne. Schon die Natur bietet uns viele Gleichnisse, wie die Gegensätze nebeneinander ohne Störung bestehen. Um ihre eigene Achse kreist die Erde und zugleich bewegt sie sich um die Sonne. So bewegt sich die Handlung des Menschen um das eigene Ich und zugleich bewegt sie sich um die Sonne der Gesamtheit. Beides, die stark hervorgehobene Verpflichtung und Verantwortlichkeit jedes einzelnen und die innige Vereinigung aller zu einem einheitlichen Organismus, ist die durchaus charakteristische Anschauung des Judentums von Anfang an. Es ist der älteste und höchste Gedanke in der Entwicklung des Judentums, daß jeder einzelne Jude für die Heiligung des göttlichen Namens zn sorgen und sich auf das peinlichste vor Entweihung des göttlichen Namens zn hüten hat. Die Heiligung des göttlichen Namens wurde vorzugsweise darin gefunden, daß jeder sich verpflichtet fühle, nicht n n r seinem eigenen Gewissen, sondern dem G e - samtgewissen zu genügen, nicht nur seine eigene Ehre zu wahren, sondern die Ehre des gesamten Judentums, das Gute, wo er kann, zu fühlen, das Arge, wo er kann, zu vermeiden, damit die Ehre und der sittliche Bestand der Gesamtheit des Judentums nicht Schaden leiden. Diese gegenseitige Verantwortung in ethischer Beziehung wird uns auch von unseren Feinden zudiktiert, die stets für den Juden die Juden sehen. Ein einziger schlechter Jude unter Hunderten trübt den Namen Israels, zerrt die Ehre der Gesamtheit in den Staub. Es geziemt dem einzelnen nicht zu sagen: „Ich bin deutscher, kein russischer Jude, ich bin aufgeklärter Jude und habe mit den im Ghettosumpf noch Watenden nichts zu tun" — die ganze Judenheit wird in Mitleidenschaft gezogen, wenn ein einziger Jude Unrecht tut. Dagegen Helsen eben keine logischen Gründe, noch energische Proteste; wir müssen den höheren sittlichen Anforderungen, die man an uns stellt, genügen. Auch der Hohepriester hatte eine dreifache Sühne am Versöhnungstag zu vollbringen: „er sühnte für sich, für sein Haus und für die ganze Gemeinde Israel". Kraft und Wirkung des hohenpriesterlichen Dienstes im Heiligtum sind auf uns übergegangen. Darum belebt sich das Bild, wenn es, wie am Versöhnungstag, vor uns anfgerollt wird. Nich t bloß nns, nicht bloß unser Haus, sondern auch den Ehrennamen Israels, den wir tragen, sollen wir bei all unserem Tun im Auge haben; wir sollen an die große Aufgabe, die uns geworden ist, uns angeknüpft fühlen und für ihre Erfüllung einstehen. Die Lehre Israels ist eine große, gemeinsame Menschenaufgabe; durch sie soll das Gottesreich auf Erden gegründet werden; die Menschen sollen sich allmählich hinanläutern in Gottesheiligkeit, sie sollen allmählich die Selbstsucht und die Trennung überwinden lernen. Eine solche Ausgabe zu verwirklichen, ist nicht der einzelne imstande, sondern die Gesamtheit vermag es mit ihrer gemeinsamen Arbeit, mit ihren Leistungen und Institutionen. Die weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums in seiner Stellung unter den Völkern ist im Grunde nichts anderes als die Versöhnung der Gegensätze, die ausgleichende Vermittelung aller Unterschiede der Volkscharaktere in Anschauung, Sitte und Leben, die Verbindung aller unter der Herrschaft des Gottesgedankens und des lauteren Sittengesetzes. Nicht ein Ruf an Israel allein, sondern ein Nus an die Menschheit ist dieser Tag der Versöhnung. Der Versöhnungstag, der alles Nationale abstreift und nur das rein sittliche Moment hervortreten läßt, hat durch seine strenge Feier und die unnennbar tiefe, heilige Scheu, die ihn umgibt, mehr als alle schönen Worte und Lehren über Feindesliebe und Aehnliches Herzen versöhnlich gestimmt. Und es ist wahrhaft rühmenswert und ein Zeugnis echten sittlichen Kerns, daß unter den feindseligsten Verfolgungen und Bedrückungen, die über anderthalb Jahrtausende auf dem

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