Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1916)
- Date
- 1916-09-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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-3 Prüfung überwiesen. Zwei Dringlichkeitsanträge des Gemeindevorstandes, betreffend Bewilligung der Mittel für die Errichtung einer Kastellanstelle für das neue Gemeindehaus und Gewährung einer einmaligen Beihilfe von 200 Mark an den Hilfsverein für kranke russische Juden in Königsberg i. Pr., werden genehmigt. Es tritt dann geheime Sitzung ein. J. A. Nürnberg, 22. September. Zur Einweihung des neuen Justizgebäudes weilte am 11. d. M. Seine Majestät König Ludwig III. einen Tag in unserer Stadt. Vor der alten Kaiserburg, in welcher die Festtafel stattfand, war eine Ehrenwache, ausschließlich aus Feldzugssoldaten bestehend, ausgestellt, -bei welcher der mit der goldenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnete Ofsizierstellvertreter Walter F r e u d e n t h a l als Wachkommandant eingeteilt war. Als die Wache beim Herannahen des königlichen Wagens ins Gewehr getreten und die Ehrenbezeugung erwies, fiel dem König sofort der junge Soldat mit der seltenen Auszeichnung auf, und er bemerkte zu dem neben ihm sitzenden General der Kavallerie v. Könitz: „Da ist ja einer mit der goldenen Medaille!", worauf Exzellenz Könitz erwiderte: „Das .ist der Sohn unseres hiesigen Rabbiners." Rach der Festtafel wurde Offizierstellvertreter Walter Freudenthal zum König befohlen und durch Exzellenz Könitz vorgestellt, wobei sich Seine Majestät lange Zeit in eingehendster und huldvollster Weise mit dem Vorgestellten unterhielt, ihm feine Anerkennung über sein Verhalten im Felde aussprach und ihn zu der bevorstehenden Ernennung zum Offizier beglückwünschte. Bei der am Nachmittag im großen Rathaussaale stattfindenden Begrüßung durch die Stadt wurde Herr Rabbiner Dr. Freudenthal durch den Oberbürgermeister vorgestellt, bei welcher Gelegenheit der König auch Herrn Rabbiner Dr. Freudenthal gegenüber zum Ausdruck brachte, daß er sich freue, seinen Sohn heute mittag kennengelernt zu haben, und daß er auch den Vater zu der schönen Auszeichnung seines Sohnes beglückwünsche. Trotz der kurzen Zeit, welche für den hiesigen Aufenthalt zur Verfügung stand, hat der König mit seinem Gefolge als einziges industrielles Etablissement die Schraubenfabrik von Gebr. Saemann besichtigt. Der König, welcher durch den Fabrikteilhaber Landrat Jakob Saemann begrüßt und durch die Fabrikräume geleitet wurde, sprach sich hochbefriedigt über die Einrichtung und die Leistungen des Werkes aus, welches aus kleinen Anfängen innerhalb weniger Jahre zu großer Blüte gelangt und in großem Maßstabe für die Heeresverwaltung beschäftigt ist. Bei dieser Veranlassung wurden von seiten der Herren Gebrüder Saemann 25 000 Mark für die Kriegsfürsorge gespendet und eine Stiftung von 50 000 Mark für Arbeiter und Angestellte der Fabrik gemacht. J. A. Nürnberg, 22. September. Das Eiserne Kreuz erster Klasse erhielt: Dr. phil. Chemiker Otto Rosenthal, Leutnant d. R. im bayerischen Ersatzfeldartillerieregiment, Sohn des Privatiers Jakob Rosenthal (Nürnberg), in den Kämpfen an der Somme. Das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse erhielten: Dr. Mainzer, Oberarzt im 12. bayerischen Infanterieregiment, Nervenarzt in Nürnberg; Krackenberger, Feldwebelleutnant im 14. bayerischen Infanterieregiment; Kurt Dessauer aus Bamberg, Leutnant der Landwehr beim Train; Oberarzt Dr. Wilhelm D rehf u ß beim bayrischen Feldlazarett Nr. 2. Den M i l i t ä r Verdi e n st o r d e n 4. K l"a s s e e r h i e l t: Oskar Lövinsohn, Mitglied des Freiwilligen Automobilkorps in Nürnberg. Das bayerische Ludwigskreuz für Kriegsverdieuste erhielten: Rabbiner Dr. F r e u d e n t h a l, Bankdirektor Scheue r, Kaufmann Justin Erlanger, Augenarzt Dr. Sigmund Neuburger, Kommerzienrat Albert Meyer- Dinkel, Kaufmann Hermann Schloß, praktischer Arzt Dr. Leo Sommer, Konsulsgattin Anna B a ch, Kaufmannsgattin Marie Ottenstein, K-ommerzienratstochter Helene Kohn, Kommerzienratsgattin Elise Rosenwald, sämtlich in Nürnberg; Distriktsrabbiner Dr. Meyer, Regensburg; Distriktsrabbiner Dr. Stein, Schweinfurt; praktischer Arzt Dr. L a z a r u s, Burgkundstadt, Privatier Emil Neuburger, Aschaffenburg; Theodor B e r g m a n n, Oberarztgattin Alice F r a n k, Rechtsanwaltsgattin Jeanette Prager, Stabsarztgattin Pauline Prager, sämtlich in Fürth; Kaufmannsgattin Paula L n n d e ck e r, Neumarkt (Oberpfalz). Den bayerischenMilitärverdien st or den viert erKlasse erhielt: Artur L u st, Leutnant d. L. im 8. bayerischen Feldartillerieregiment, Kaufmann in Nürnberg, zur Dienstleistung Zugeteilt zur Orientarmee. Das bayerische Militärverdienstkreuz zweiter Klasse erhielt: Feldlazarettinspektor Stefan W a n g e r s h e i m, Kaufmann in Nürnberg. Das Eiserne Kreuz erhielt: Oberjäger Ernst Beilchenfeild aus Fürth vom 2. bayerischen Neserve- Jägerbataillon, Sohn des Schuldirektors Veilchenfeld, Fürth. — Aachen, 22. September. Der Oberkantor der hiesigen Gemeinde Herr Sally Meyer hatte dem Vorsitzenden des Oesterreichisch-ungarischen Hilfsvereins, Herrn Kaiserlichen Rat Wunsch, 50. der von ersterem erfundenen Tasten-Notenblätter zur Uebermittlung an das österreichische Rote Kreuz überreicht. Diese Notenblätter geben verwundeten Soldaten die Möglichkeit, ohne irgendwelche besondere Vorkenntnisse Lieder auf dem Klavier zu spielen, was vielen Verwundeten einen angenehmen Zeitvertreib bereiten dürfte. Auf dieses Geschenk ging dem Herrn Rat Wunsch nachstehende Zuschrift zu: In Beantwortung der hochgeschätzten Zuschrift wird diensthöflichst mitgeteilt, daß Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der durchlauchtigste Herr General der Kavallerie Erzherzog Franz Salvator die von Herrn Oberkantor Sally Meyer gespendeten 50 Stück Tasten-Notenblätter zur Verteilung an verwundete Soldaten huldvollst anzunehmen und anzubefehlen geruhten, daß dem Spender der Ausdruck Höchstseines wärmsten Dankes bekanntgegeben werde. Es ergeht daher an Euer Hochwohlgeboren das Ersuchen, dies dem Spender in geeigneter Weise zur Kenntnis zu bringen und ihn zu verständigen, daß seine Widmung dem Patriotischen Hilfsverein vom Roten Kreuz in Nieder-Oesterreich überwiesen wurde. Im Aufträge des k. u. k. Generalinspektors der freiwilligen Sanitätspfleoe: Gen. d. Kav. Erzherzog Franz Salvator. Der Vorstand (gez.) Siskowsky, Oberstleutnant. z. Bern, 22. September. Am 3. d. M. fand hier die Zweite Plenarversammlung des Komitees „Pro Causa Judaica“ statt. Präsident Drehsus-Brodsky erstattete den Bericht über die Tätigkeit des Komitees seit seiner letzten Plenarversammlung vom 3. Mai. Nach Beendigung der organisatorischen Vorarbeiten trat die Pro Causa Judaica durch' Veröffentlichung ihres Manifestes in der in- und ausländischen Presse in die Oeffentlickikeit. Das nn Manifest enthaltene Programm der Pro Causa Judaica-Fordernng der Gleichberechtigung in Rußland und Rumänien und Behandlung der Frage kolonisatorischer Emigration wurde sowohl in jüdischen als auch in christlichen, zum Teil einflußreichen Kreisen günstig ausgenommen, und die Tätigkeit des Komitees erfuhr lebhafte moralische und materielle Unterstützung. Das Komitee setzte sich sodann mit den Organisationen der neutralen Juden Europas und Amerikas in Verbindung, um sie zu gemeinsamer und einheitlicher Arbeit zwecks Besserung der Lage der in Osteuropa bedrückten Brüder Zu gewinnen. Auch mit den jüdischen Organisationen der kriegführenden Staaten ist das Komitee in informative Fühlung getreten. Ueberall wurde die Initiative der Pro Causa Judaica freudig begrüßt und auch tätige Mitwirkung von vielen Seiten zugesichert. Daneben wurde die Aufklärungsarbeit in der Schweiz selbst in Wort und Schrift eifrig betrieben. In einigen Staaten steht auch die Gründung von der Pro Causa Judaica ähnlichen Komitees bevor. Nach Genehmigung des Berichts faßte die Versammlung mehrere Beschlüsse für die weitere Tätigkeit der Pro Causa Judaica und legte deren allgemeine Richtlinien fest. Grsterreich-Aligsrn. z. Prag, 22. September. Vor hundert Jahren starb in Tachau in Böhmen ein durchreisender, frommer Jude aus dem Osten, ein Wunderrabi, der auf dem dortigen Friedhof beerdigt wurde. Er hat ein Testament hinterlassen, das sich im Jüdischen Museum in Prag befindet. In diesem in, hebräischer Sprache geschriebenen Testament wurde der Ausbruch des Weltkrieges vorhergesagt. Es heißt da, daß nach hundert Jahren gewaltiges Unglück über die ganze Welt und besonders über die östlichen Juden Hereinbrechen und daß ein schrecklicher Krieg die ganze Welt erschüttern werde. Viele fromme Juden würden zum Wanderstab greifen müssen. Diese Juden, heißt es im Testament, mögen an das Grab des Rabbi nach Tachau pilgern und dort ihre Gebete verrichten, dann werde Gott sich erbarmen und das Unglück abwenden. Der Ruf des Wunderrabbi und die Kunde von seinem Testament hat sich bei den Ostjuden erhalten, und tatsächlich pilgern jetzt unzählige Flüchtlinge nach Tachau, um dort am Grabe des Heiligen zu wehklagen und zu beten.