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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-27 · Heft 39 (27.9.1916) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 39 (27.9.1916)
Date
1916-09-27
Page
Seite 467 (sequence 11)
Language
German
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an dein Herz rühren und dich lehren, in Demut und Ergebung dich dem Willen des Höchsten zu beugen und ihm tausendfach zu danken, daß er dir in seiner Gnade ein Glück gegeben, wie es nur wenigen aus Erden vergönnt ist, und daß er dieses zurücksorderte, mm dich in deinem herben Leid des süßesten Trostes, des höchsten Erdenglückes, der Mutterfreude, teilhaftig werden zu lassen." Die junge Frau schwieg einige Augenblicke, von Wesen und Wort seiner Mutter tief berührt. „Du hast ihn doch auch verloren." „Mir lebt er, er ist mir innig nah und tröstend, in all meinen Herzensgedanken. Und darum bin ich auch gekommen, ohne daß du mich gerufen hast. Ludwig hat dich meiner Liebe befohlen, bevor er hinauszog. Du hast ihn zum glücklichen Mann gemacht, er hat ein ganzes reiches Leben gehabt in den wenigen Monden, wo ihr vereinigt wart. Er hat die Größe und den Wert einer Liebe, wie es die deine ist, voll und ganz erkannt und gewürdigt. Seine sorgende Seele aber ahnte die Gefahr dieses allmächtigen Gefühls für dich selbst. Du mußt und wirst dem Leben wieder angehören um des Kindes willen, darum bin ich hier. Im Kampfe für die Ehre, Freiheit und Größe des Vaterlandes hat Ludwig den Heldentod gesunden, zeige dich seiner würdig — und „Kommen wird der Morgen Da der Traum erwacht Und daraus sein Bildnis Dir entgegenlacht." Die alte Frau wußte, daß ihr das Werk nicht auf einmal gelingen würde. Sie sah es daher nicht ungern, daß die Schwiegertochter das Zimmer verließ — sie selber bedurfte der Sammlung. Die junge Frau betrat das Arbeitszimmer ihres Toten, in dem ihr jeder Gegenstand, jedes Buch, jedes Blatt Papier wie ein Heiligtum war. Es war, als würde in diesem Raum ihr Schmerz milder: hier, wo sie, oft still in seinem Anblick versunken, dem Geschick dankte, das ihr diesen einen beschert hatte. Sie ließ sich in den Sessel vor seinem Schreibtisch nieder und stützte den Kopf in die Hand. Ihre Seele umfaßte stärker und inniger als je ihn, der ihr in Liebe und Leidenschaft gehörte, aber ihre Empfindung strömte mächtig und ergreifend dem Gefühl der Vaterlandsliebe zu, die er als Deutscher und als Jude mit dem Tode besiegelt hatte. Er war aber nicht nur ihr Geliebter, ihr Gatte, er war auch seiner Mutter Sohn, in Schmerzen geboren, groß geworden, umgeben von dem Schatten ungezählter Stunden liebender Sorge, seine Kraft und Tüchtigkeit erkauft mit Mutterfleiß und Muttergedanken. Ein heißer Protest wallte in ihr auf gegen diese Ernte des Todes, bei der ihr Geliebter, ihr Gatte, dieses einzelne, behütete teure Menschenleben, diese reiche feine Seele, eine Welt für sich, nur so viel bedeutete wie ein Halm aus der Wiese. Würde sie heldenhaft die Krone des Leids tragen können? Würde die große religiöse Lebensmacht ihr dazu helfen, sie lehren, den letzten Sinn des Daseins jenseits zu suchen? Würde die heilige Kraft sie beseelen zu begreifen, daß der Tod auf dem Schlachtfeld eingefügt ist in die große Kette menschlichen Strebens und Ringens, daß mit ihm ein Geschlecht Segen und Entfaltung für die Kommenden erkauft? Würde sie die Kraft finden zu begreifen, daß die Mutter, die mit Todesgefahr ihres eigenen Lebens ihr Kind dem Lichte schenkt, mit dem Manne verwandt ist, der sein Leben für die Zukunft seines Landes in die Schanze schlägt? Die Mutter, die selbst eigenes Leben, eigenes Glück, eigene Hoffnung hunderttausendfach hingibt für Glück und Kraft ihrer Kinder, die ihre Bestimmung darin findet, ihre Gegenwart der Jugend und der Zukunst zu opfern, sie versteht vom innersten Herzen, daß es einer Generation beschieden ist, mit ihrem Blut den Kommenden ein reicheres und wertvolleres Leben zu erkaufen. Im bittersten Schmerz um die Söhne und Gatten, über denen die Geschichte ihre Todeslose ausschüttete, empfinden die deutschen, die jüdischen Mütter doch die Größe des Schicksals, für das sie auserlesen sind; der Tod ihrer Söhne ist ihnen der Sieg ihrer Enkel und Urenkel! — Gestärkt und erhoben durch diese kurze Zeit stiller innerer Einkehr stand die junge Frau aus. Aus der Saat von Blut und Tränen keimte es immer wieder neu, das war das Gesetz. Auch sie war Trägerin dieses Willens. „Wie bist du doch gesegnet von vielen", hatte seine Mutter gesagt — seine Mutter, diese edle, klare Frau, durch deren Herz doch der gleiche Schmerz ging wie durch das ihre — „Wie bist du doch gesegnet"! Für das größte Glück aus Erden hatte sie mit bitterstem Leide gezahlt; nun galt es Hoffnung auf einen Trost zu gewinnen, dessen Wunder sie leise erschauernd zu ahnen begann. Sie kehrte zu ihrer Schwiegermutter zurück und küßte ehrfurchtsvoll deren Hand. Es war das wortlose Gelübde, mit aller Herzenskrast gläubiger Liebe das Ungeborene und dereinst die zarte Menschenknospe zu umfassen und das Kind im Geiste und Sinne des Mannes, der sich und sein Glück mit ernster und doch froher Selbstverständlichkeit dahingab, zur Ehre des Vaterlandes und des Judentums zu erziehen. Heilige Leit. Roschhaschonoh 1916. nd wieder stieg segnend aus Höhen hernieder Die heilige, ehrsurchtgebietende Zeit. Sie brachte der Menschheit den Frieden nicht wieder. Nicht Liebe — Versöhnung — nicht Rettung aus Leid. Noch schlagen die Schlachten uns blutige Wunden, Im Hasse zerfleischen sich Völker der Welt; Noch hat nicht das Recht seinen Richter gefunden, Noch stirbt manche Hoffnung, vom Sturm gefällt. Und doch laßt der heiligen Zeit uns vertrauen, Sie naht, uns den Tempel des Friedens zu bauen. Es ist heilige Zeit! — Die Posaunen erklingen; Sie riefen zum Kampf einst und weckten den Mut. Heut' rufen sie wieder; denn heut' gilt's zu ringen Um Heimat und Freiheit, um Ehre und Gut. So laßt von der Stimme des Schofars euch mahnen: Seid treu in der Liebe und mutig im Streit Und folget dem Rufe wie einst eure Ahnen In heiliger, ehrfurchtgebietender Zeit! Dann sollen die Klänge des Schofars auf Erden Zu jauchzenden Siegesfanfaren uns werden. Es ist heilige Zeit! — Und die Tage und Stunden Sind stiller Erinnerung der Seele geweiht. Wohl brennen die Narben; es bluten die Wunden, Und stumm aus den Gräbern erhebt sich das Leid. Doch heut' wollen wir in Erinnerung nicht klagen; Nur Lieben und Danken sei unser Gebot. Denn, die wir beweinen, sie haben ertragen Um Hohes und Heil'ges die Not und den Tod. Die heilige, ehrfurchtgebietende Stunde, Sie tröste im Schmerz uns und heile die Wunde. Es ist heilige Zeit! — Und sie ruft zum Gerichte, Daß jeglichem werde sein Lohn und sein Recht. Weh' dem, der die Blätter der Völkergeschichte Mit Blut zu durchtränken sich frevelnd erfrecht! Denn, was er ersonnen in Haß und in Tücke, Das reift ihm zur Ernte und wird sein Geschick; Er findet zum Frieden, zum Heil und zum Glücke

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