Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1916)
- Date
- 1916-09-27
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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466 ein Schmerz — „Herbst, bald Winter" — sie preßte die Hände an die Schläfen) „nicht daran denken, nur nicht daran denken". Uebertriebene Empfindsamkeit hatte sie stets gehaßt und würde sich dieser auch jetzt nicht hingeben. Alle behaupteten, das Leben müsse weitergehen, also auch bei ihr. Gestorben bin ich ja doch, dachte sie. Ihr Mädchen empfing sie im Vorzimmer und nahm ihr den Mantel ab. Das Mädchen stand in einer gewissen Verlegenheit vor ihr. „Ist etwas vorgekommen?" „Es ist ein Besuch da, gnädige Frau, eine ältere Dame. Ich konnte sie nicht abweisen, sie trat so bestimmt auf, daß es mir nicht möglich war, etwas gegen sie zu sagen. Ich habe sie ins Wohnzimmer geführt. Sie hat mit dem Kopf genickt und gesagt: „Beruhigen Sie sich, liebes Kind, Ihrer Herrin wird es schon recht sein." Die junge Frau öffnete hastig die Tür. Da saß die alte Dame am Fenster, das Gesicht der Eintretenden zugewandt. Ludwigs Mutter — seine Mutter! Als sie diese Augen, seine geliebten Augen, auf sich gerichtet fühlte, da durchdrang sie wieder das scharfe harte Kältegefühl, von den Fingerspitzen zum Herzen dringend, das sie bei der Nachricht seines Todes fast gelähmt hatte. Sie klammerte sich an den Türgriff, um nicht umzusinken. Sie fühlte, wie sich ihre Züge veränderten, wie sich die Lippen hart und schmal zusammenpreßten. Seine Mutter erschrak fast über die starke Bewegung der jungen Frau. Sie ahnte das Walten eines ungeheuren mit letzter Willensanstrengung zurückgedrängten Leids. „Kind, Kind," sie sagte es leise, fast demütig. Die junge Frau zählte nicht zu den Schwachen ihres Geschlechts, es gelang ihr auch jetzt den Ausbruch ihres tiefsten Wehs zurückzuhalten. Sie hatte die schöne alte Frau, die weit in einem kleinen Städtchen der Provinz Posen ihr stilles, ernstes Witwendasein führte, wohl stets als seine Mutter aufrichtig verehrt, aber ganz nahe waren sie sich noch nicht gekommen. Sie glaubten ja noch so viel Zeit zu allem zu haben. Nun hatte sie sich wieder in der Gewalt. „Willkommen, Mutter, wie gut von dir, daß du gekommen bist — die große beschwerliche Reise — ich will doch gleich für eine Erfrischung sorgen," sagte sie nach der ersten herzlichen Begrüßung. „Bin ich dir wirklich willkommen, Kind?" Sie war nahe an die junge Frau herangetreten und sah ihr ernst in die Augen. „Du, doch, gewiß — du bist die einzige, die hier Rechte hat — aber verzeih mir, mein Herz ist verbrannt und öde, ich lebe und bin tot." „Kind —" Nun fühlt sie den Blick der dunkelblauen, noch nicht gealterten Augen fest auf ihrem Gesicht; sie ahnte, es war ein Vorwurf. „Soll ich dich in das Gastzimmer führen, Mutter?" fragte sie ablenkend. „Kind, so geht das nicht! Ich kam, um dich zu bitten, mir meinen Anteil an deinem Schmerz zu geben, und um das ernste hohe Fest mit dir zu begehen." „Für mich gibt es keine Feste mehr, weder ernste noch frohe, und was weißt du von meinem Schmerz?" „Ein Schmerz, der untergehen muß in den allgemeinen Opfern." „Quäle auch du mich noch, Mutter; alle kommen sie mir damit, laut und leise höre ich die Mahnung, aber ich will nicht, hörst du, Mutter, ich will nicht." „Du mußt, Kind, du mußt, aus freiem Willen mußt du." Die junge Frau sprang von dem Sessel auf, auf dem sie soeben Platz genommen hatte. „Ich kann nicht, verstehst du denn nicht, ich kann nicht. Weißt du denn, wie wir uns geliebt haben, er mich und ich ihn, Gott ich ihn! Welche äußeren Hindernisse haben wir nicht niedergerungen, bevor wir einander verbunden waren! — Fünf Jahre habe ich gegen alberne Vorurteile kämpfen müssen um den Edelmenschen, dem ich gehören durste. Dieses Glück, diese namenlose Seligkeit! Und wir waren nicht laut, demütig haben wir die Last unseres Glückes getragen. Wenn ich ihn nur hatte, wenn ich ihn nur sah. Ich habe mein Ich, mein Selbst, auf das ich doch so stolz war, nicht mehr gefühlt, nur ihn, ihn ganz allein. Warum lebe ich nun, wavum hat mich die Kugel nicht mitgetroffen, warum muß ich hier still verbluten! Wir schelten das indische Gesetz der Witwenverbrennung grausam eine Vergewaltigung einer zweiten Persönlichkeit. Ich wollte, ich könnte mich so in Flammen aufgeben, ich besänne mich nicht einen Augenblick, ich tät's!" Die alte Frau hätte nicht seine Mutter sein müssen, um von diesem heißen Strom, dieser elementaren Gewalt einer einzigen Empfindung nicht tief berührt zu werden, aber sie schüttelte noch abwehrend den Kopf. „Kind, du verlierst dich." „Und alles war uns neu, jeden Morgen grüßte ich als ein Geschenk. Uns beiden wäre die heilige Flamme nicht erkaltet, und nun? Was kann ich nun — ich kann nicht den Geliebtesten mit meinem Leibe zudecken und sein Grab teilen. Wo ist dieses Grab überhaupt? Ich kann ihn nicht rächen, an niemandem, ich muß eine von den vielen werden, die mit stillen weißen Gesichtern und schwarzen Gewändern über die Straßen gehen und mit der Ruhe, die die Unberührten für edelste Fassung halten." Die Mutter wollte nicht mit allgemeinen Trostgründen an dieses Leid rühren. „Es muß seine Zeit haben," sagte sie mehr für sich. „Mutter, Mutter, um alles in der Welt, nur das nicht, das kann nicht eintreten, es wird auch nicht — niemals." „Sollst du denn vergessen — wäre ich seine Mutter, verlangte ich das? Aber du hast eine Pflicht, eine heilige große Pflicht gegen die Allgemeinheit allein, allein gegen dich selbst, gegen deinen Toten; opfere ihm deinen Schmerz, und du wirst leben. Kind, wie bist du doch gesegnet vor so vielen, die das Geschick zu Boden drückt." „Das Kind — Mutter, ich muß dir etwas Furchtbares gestehen, dir allein kann ich es — niemandem sonst — ich habe Stunden, in denen ich das Ungeborene zu hassen glaube. Es ist wie Raub an ihm, Mutter, Raub an meinem unausdenkbar großen Leid!" „Kind, wohin verlierst du dich?" — Ihre Stimme gewann einen strengeren, härteren Klang. — „Du offenbarst mir Geheimstes und ich will dir nicht zürnen, wie ich müßte. Das Kind Ludwigs, meines Einzigen, sollte wie ein Schuldiger zur Welt kommen —" „Du hast mich herausgefordert, Mutter — und nun wirst du mich zur Pflicht ermahnen, wie ich es selbst hundertmal tue. Pflicht, o ja, es wird ja auch gehen." „Pflicht allein ist ein hartes Wort. Du hast so viel Liebe in dir, das weiß ich, Hast du denn nicht Glauben?" „Ich habe geglaubt, daß in unserem Bund, diesem geheiligten Bunde, Wille und Gedanke des Schöpfers auf Erden so etwas wie eine Erfüllung erhalten habe!" „Diesen Glauben habe ich jetzt natürlich nicht gemeint — ich gedachte der schönen Zuversicht, daß alles Leid der Welt uns von Gott auserlegt wird. Die sind auserwählt auf Erden, die leidgeprüft den tieferen Sinn des Lebens zu erfassen vermögen. Möge der erschütternde Klang des Schofars morgen