Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1916)
- Date
- 1916-09-27
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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465 Das Stammhaus der Ksthschild. Von ®. Bieneck. enn man, im östlichen Teil der Frankfurter Altstadt befindlich, von der Fahrgasse aus in die Börnestraße (früher Bornheimer Straße) einbiegt und schon nach wenigen Minuten die zur Linken stehende Hauptsynagoge hinter sich hat, kommt man zu einem ziemlich hohen und recht altertümlich aussehenden Gebäude. Es ist das Stammhaus der Rothschild, das letzte Ueberbleibsel der vor etwa drei Dezennien vorzugsweise aus hygienischen Gründen (wie auch anderswo) niedergelegten Judengasse und wobei man selbst das Geburtshaus unseres Ludwig Börne — leider! — nicht verschont hat. Das so pietätsvoll stehengebliebene, im Jahre 1886 durch Architekt v. Hoven etwas renovierte, in die neue Straßenflucht eingerückte Haus (Nr. 26) fesselt den Beschauer durch seine bräunliche, den mittelalterlichen Stil aufweisende Fassade. Während das Erdgeschoß durch das breite Eingangstor nahezu ausgefüllt wird, befinden sich in den drei Stockwerken je sechs Fenster, die im zweiten etwas niedriger, im dritten dagegen wieder etwas höher werden und hinter denen weiße Mullgardinen schimmern; das Ganze dazu angetan, die helle Freude jedes Freundes von altertümlichster Architektonik zu erwecken. Die Tiefe des Hauses dürfte seiner Breite gleichkommen. Wir steigen die schmale, enge Holztreppe zum ersten Stock hinauf und betreten die Zimmer, die noch die alte Wohnungseinrichtung der Rothschild enthalten und einen recht behaglichen Eindruck machen. Unwillkürlich denkt man an die Liebe und Anhänglichkeit, mit welcher die Verstorbenen all diese Gegenstände gehegt und gepslegt, ja einen oder den anderen als ein Heiligtum verehrt haben mußten; man wird von ehrfürchtigen Schauern durchweht, wenn man sich die soweit größere Vergänglichkeit der einstigen Besitzer vergegenwärtigt. Und man weiß nur zu gut, daß in den lieben, uns so anheimelnden Stuben ein wahrhaft Patriarchalisches Familienleben, ungeachtet aller Stürme von außen, geherrscht hat, einerseits, wie es eben die Tradition gebot, und andererseits durch das infolge des Zwanges so enge Zusammenleben der Individuen bedingt ward. Wieviel Seufzer und Tränen mögen diese Wände vernommen, wieviel Freud' und vielleicht noch mehr Leid mögen in diesen Räumen gewaltet haben. Wenn die Wände reden könnten! Sieht man dann zu einem der Fenster hinaus, so erblickt man nur einförmige Neubauten, Altes und Neues berührt sich hier. Wie verwaist muß sich unser Haus Vorkommen inmitten seiner vornehm modernen Nachbarn, die es meist noch überragen. Und tritt zur Rechten nicht das hohe, eiserne Tor vor unser geistiges Auge, mit dem laut obrigkeitlicher Verordnung lange Jahrhunderte hindurch wochentäglich bei eintretender Dunkelheit die von etwa 4000 Seelen bewohnte Gasse (nach Börnes Schilderungen war es der „bevölkertste Fleck der ganzen Erde, Malta nicht ausgenommen") abgeschlossen ward, an Sonntagen dagegen niemand heraus gelassen wurde. Tempi passati! Was die Räumlichkeiten der übrigen Stockwerke betrifft, so dienen sie gleichzeitig zu Wohnungszwecken. In diesem Hause erblickte der Gründer des internationalen Bankhauses Rothschild, Mayer Anselm, als Sohn armer Handelsleute 1743 das Licht der Welt. Er sollte Rabbiner werden, wurde aber statt dessen Gehilfe in einem Bankhause in Hannover, und als er, mit einem kleinen Vermögen nach seiner Vaterstadt zurückgekehrt, sich große Kenntnisse im Münzwesen erworben hatte, trat er in Beziehungen zum Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen, rettete bei dessen Vertreibung durch die Franzosen das Vermögen seines hohen Gönners und wurde sein Hofbankier. Dies geschah im Jahre 1801, und ein Jahr darauf wurde von Mayer Anselm die erste große Anleihe, und zwar mit Dänemark, im Betrage von zehn Millionen Taler vermittelt. Er starb am 19. September 1812 und hinterließ fünf Töchter und fünf Söhne, von denen der am 12. Juni 1773 geborene Anselm Mayer, späterhin vom Kaiser von Oesterreich in den erblichen Freiherrnstand erhoben, zum preußischen Geh. Kommerzienrat, bayerischen Konsul und Hosbankier ernannt, Chef des Frankfurter Bankhauses „M. A. von Rothschild Söhne" ward und am 6. Dezember 1855 kinderlos verstarb. Die beiden Neffen von Anselm Mayer, Karl (geb. am 5. Mai 1820) und Wilhelm Karl (geb. am 16. Mai 1828) führten das Bankhaus weiter, und als nach dem Tode von Wilhelm Karl am 25. Januar 1901 das Frankfurter Haus im Mannesstamm erlosch, trat, wie altbekannt, die Liquidation des Geschäftes ein. Nicht mit Unrecht hatten Altertumsfreunde es recht sehr bedauert, daß das alte Ghetto „applaniert" worden; ist doch damit ein Stück Altfrankfurt dahin geschwunden für immer. Wenn mich als träumerisch, weich und ideal veranlagter Knabe mein Weg durch die lange, enge und düstere Gasse führte, dann schweiften jedesmal meine Gedanken in Vergangenes zurück und machten halt bei ihren Bewohnern, ihren so zahllosen Erniedrigungen, Demütigungen, ihren kärglichen Freuden und unsäglichen Leiden. Meine gute Stimmung war dahin, und traurig kehrte ich heim. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit," sagt Schiller. Am des Lindes willen. Eine Neujahrsgeschichte. Noch einem vorhandenen Stoff bearbeitet von Regina N e i f; e r. s war am Rüsttage des Neujahrsfestes 1914. Durch die stillen, in der frühen Vormittagsstunde des milden klaren Septembertages noch wenig belebten, schon herbstlich gefärbten Parkanlagen schritt langsam, gesenkten Hauptes, eine hohe jugendliche Frauengestalt in tiefer Trauerkleidung. Ihr Mädchen, das ihr schon seit ihren Kindertagen treu anhing, hatte sie zu einem Spaziergang veranlaßt. Die sie umgebende Stille tat ihr wohl. Sie hätte am liebsten überhaupt keinen Menschen gesehen, seit der Schlag gleich zu Anfang dieses furchtbaren Völkerringens auch aus sie herabgesaust war und ihr Leben an seiner Wurzel getroffen hatte. Die Sonne ihres Lebens war erloschen und sie wußte, daß sie ihr niemals wieder scheinen konnte. Als die Nachricht kam, da weinte und klagte sie nicht, sie wurde auch nicht ohnmächtig, aber ein eisiges Gefühl kroch ihr zum Herzen — ihr Fühlen und Denken wurde wie von einer Erstarrung befallen, die ihr ganzes Wesen veränderte.. „Sie trägt es geradezu heldenhaft," „da sieht man die gute Erziehung." So lautete das Urteil ihrer Freundinnen. Sie meinten es alle gut mit der jungen Witwe, die das Los der vielen teilte. Was aber sollte ihr Trost, der von außen kam! Sie schloß sich völlig ab, gab allen zu erkennen, daß sie allein zu sein wünsche, und wies alle diejenigen, die sie zu bewegen suchten, ihr herbes Leid durch Ausübung von Liebestätigkeit zu mildern, fast schross zurück. Hier und da erregte ihr ablehnendes Verhalten Mißfallen, aber man ließ ihren Zustand als Entschuldigung gelten. Sie hatte ihr kleines Heim erreicht. Auf den Beeten des Vorgartens strahlten Georginen in feuriger, Astern in sanfter Farbenpracht. Durch Herz und Hirn der jungen Frau stach