Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1916)
- Date
- 1916-09-27
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
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464 bet russischen Beamten und ihre grausame Behandlung der Juden schildert-, gestattete, ist verdächtig. Gewiß, die Juden sind nicht das einzige auserwählte Volk, sie haben, wie andere Völker, ihre Fehler, aber der Verfasser hebt mit besonderer Vorliebe letztere hervor und hält nicht die richtige Proportion ein. Unter der großen Menge der im Buche vorkommenden Personen finden sich nur zwei oder drei anständige. Besonders schwarz sind die Frauen gezeichnet. Doch schildert er auch die Leiden der Juden-'), und seine genaue Kenntnis der jüdischen Schulen (Eheder) läßt schließen, daß er in einer solchen unterrichtet wurde. Am Schlüsse des Werkes verteidigt sich der Verfasser im voraus gegen seine Kritiker. Da es nicht als zweite Auflage bezeichnet ist, so muß er geahnt haben, welchen Eindruck es machen wird. Hier näher auf dessen Inhalt einzugehen, finde ich nicht für nötig, doch will ich, um nicht in seinen Fehler des Hervorhebens des Tadelnswerten zu verfallen, die rührende Schilderung des armen, als Kind einem russischen Bauern zur „Erziehung" übergebenen Jeruchim erwähnen. Wir haben bis hierher Juden nur in ihrem Verkehr mit Christen betrachtet, und zwar moderne Juden, als welche uns nicht bloß die bei Potapenko und Turgeniew, sondern auch die in Gogols „Taras Bulba" vorkommenden erscheinen, im Vergleich mit jenen, welche wir in den Romanen der Orzeszko und Sienkiewicz', den römischen Heiden gegenüberstehend, finden. Wir sind auf historischem Boden und könnten die Quellen mancher Episoden Nachweisen, die wir im Roman „Mirtala" von Elise Orzeszko (autorisierte Uebersetzung von Malwina Blumberg, Deutsche Verlagsanstalt, 1890) finden: Der kostbare Ring, den Titus für Berenike aus dem Orient bringen ließ, ist Juvenals („Satire" IV, 156/60) Diamant, den der Barbar Agrippa, aus dem Lande, wo man die Schweine schont, seiner geliebten Schwester schenkte, nur hat Frau Orzeszko, indem sie den Titus zum Geschenkgeber machte, die boshafte Anspielung auf einen Inzest entfernt-''). Nach Juvenal III, 12—15, haben Juden den Hain der Egeria zum Holzfällen gepachtet; in unserer Erzählung ist es Frankfurt a. M.: Rothschildhaus, Börnestraße 26. 24) Unter anderem: „Eine ganze Meute von Dorfältesten, Schulzen, Gemeindeschreibern, Ordnungs- und Bezirksrichtern fiel über uns her. Wir wurden gehetzt, wie Zitronen ausgepreßt und schließlich vertrieben", ferner: „Jude sein ist das schwerste Verbrechen; diese Schuld wird durch nichts gesühnt; dieser Mecken kann nicht abgewaschen werden; dieses Kainszeichen hastet von der Stunde der Geburt an auf der Stirn; es ist das Signal für alle nröglichen Beschuldigungen, der Verbrecherstempel des Schicksals. Der Seufzer eines Juden erregt kein Mitleid: Es geschieht dir schon recht, warum bist du ein Jude! Nein, auch das ist nicht genug! Warum bist du als Jude geboren?" 25) Vielleicht von Juvenal beeinflußt, nannte Mommsen („Römische Geschichte" V, 540) sie „eine Kleopatra im kleinen". der Jude Menochim, der Pflegevater Mirtalas, der für den „reichen jüdischen Wucherer Monobazius" das Eintrittsgeld von den Besuchern des Hains einkassiert. Mit diesem wird sie wohl den gleichnamigen, zum Judentum übergetretenen Prinzen von Adiabene gemeint haben. Der Name des Königs und der Prinzen dieses Landes wird von Josephus und im Talmud wiederholt erwähnt und ihre Freigebigkeit gerühmt. In dem Palaste ihrer Verwandten Grapte in Jerusalem hatte während des Krieges gegen Vespasian der Zelotenführer Johann von Giskala Hauptquartier und Schatzkammer. Auch dieser wird in „Mirtala" erwähnt; ebenso, aber viel ausführlicher, der von seinem Gegner, dem Ueberläufer und Günstling des Titus, dem Historiker Josephus, der sich Flavius nannte, aus Konkurrenzneid getadelte Justus von Liberias, der eine leider verlorengegangene Geschichte des Jüdischen Krieges geschrieben hat. Der Talmud (Babyl. Baba Bathra Ila, Jerus. Peah 15 Kol. b) teilt eine von König Monobaz in Jerusalem gehaltene Rede mit, welche merkwürdige Aehnlichkeit mit einigen Stellen der Bergpredigt Jesu (Matthäus VI, 19) hat, die beide sich auf Stellen des Alten Testaments berufen2"). So spricht kein Wucherer. Interessant ist die der Wirklichkeit kaum entsprechende Schilderung der prachtvollen Synagoge in Rom, deren Baumeister natürlich niemand anders als Frau Orzeszko ist, sowie der Tapferkeit, mit der die von Johann von Giskala angeführten Juden Jerusalem verteidigten. Auch die Bibel kennt sie gut, denn sie zitiert die Stelle von den vier Kleinsten (Sprüche Salomonis 30, 24). Die Uebersetzung von Schefanim mit Hasen statt Kaninchen ist vielleicht der deutschen Uebersetzerin zuzuschreiben. Teilnahmsvoll werden auch die dem Vespasian opponierenden Republikaner und Stoiker geschildert. Zu diesen gehört der Prätor Helvidius Priscus, in dessen Hause Mirtala freundliche Behandlung findet. Dort verkehrt auch der Maler Artemidorus, ein Heide, der sich in Mirtala verliebt, die seine Liebe erwidert. Aber sie will doch bei ihrem unglücklichen Volke und ihrem Verlobten, dem Fanatiker Jonathan, bleiben. „Ich gehe mit ihm," ruft sie, als die Liktoren ihn sortschleppen, scheint aber selbst ihrer Standhaftigkeit nicht zu trauen und den Tod als Retter zu begrüßen, da Jonathan sie, wie Odoardo Galotti seine Tochter, mit dem kalten Stahl durchbohrt: „Eine Rose, gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert." — So endet das interessante, rührende Buch, in dem sich nicht bloß viele Sympathie für Juden und Jüdisches findet, sondern auch die wohl aus Erfahrungen der Gegenwart geschöpfte Erkenntnis, daß die Wurzel alles Judenhasses in dem Konkurrentenneid der erwerbenden Klassen steckt. (Schluß folgt.) 2") Vgl. meine „Proselytenfamilie" in „Allgem. Zeitung", März und April 1893, und „Skizzen auS der jüdischen Geschichte", Prag, I. B. Brandeis, 1897.