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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-27 · Heft 39 (27.9.1916) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 39 (27.9.1916)
Date
1916-09-27
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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463 „täncoijtrteren" in dem Sinne von begegnen. Sodann ist darauf hinzuweisen, daß, obgleich die Handschrift regelmäßig und sorgsam ist, der Name des bekannten Berliner Dichters und Kritikers Rammler einmal mit zwei, das andere Mal mit einem m geschrieben ist. Auch auf die falsche, aber damals gelegentlich vorkommende Schreibung des Wortes bequehmere (mit h) ist hinzuweisen. Alle diese Eigentümlichkeiten: Geschäftsstil, Gebrauch französischer Worte, orthographische Nachlässigkeiten oder Seltsamkeiten begegnen gerade in den Briefen Mendelssohns aus den 60er Jahren ziemlich häufig. Der Brief selbst, abgesehen davon, daß er uns eine neue literarische Beziehung Mendelssohns enthüllt, beweist aufs neue die angesehene Stellung, die Mendelssohn unter den Schriftstellern jener Zeit einnimmt. Kölnische und rullilche Dichter und LrMler über Juden. Von Dr. Marcus Landau, Wien. (Fortsetzung.) wan Sergejewitsch Turgenje w, geboren 1818 in der \ Gubernialstadt Orel, gestorben 1873 in Bougival bei Paris, hat außer seinem von endlos langweiligem Geschwätz erfüllten Quasi-Roman „Väter und Söhne" und mehreren anderen schönen und interessanten Werken auch zwei kleine Novellen geschrieben, die weder seinen schriftstellerischen Ruf verbessern noch seinem Charakter Ehre machen — die nicht einmal ganz originalen unverständlichen „Visionen" und „Der Faktor", in dem die Hauptperson ein mit allen möglichen Schlechtigkeiten behafteter Jude ist. Der Autor scheint seinen ganzen Judenhaß aus diesen einen Hirsche! konzentriert zu haben, denn er machte ihn zum Spion, Verräter und Kuppler, der seine eigene Tochter verkuppelt. Schließlich wivd er nach Verdienst gehenkt, wobei er „sich mit so absonderlichen Geberden, Rufen und Bemerkungen ausdrückte, daß man sich, so traurig an sich die Veranlassung war, eines Lächelns nicht erwehren konnte". Daß die Juden Ferkel besitzen und in der Umgebung von Danzig (!) in „kleinrussischer Mundart" reden, ist vielleicht Schuld des Uebersetzers, paßt aber zum ganzen Machwerk. Den Franzosen lohnt T. (in den „Visionen") die ihm gewährte Gastfreundschaft, indem er ihre die Tuilerien bewachenden Zuaven „in vieler Hinsicht den Tieren ähnlich" nennt. Kurios ist, daß er die armen Gutsbesitzer so schildert, als ob sie und nicht die faulen, diebischen und zänkischen Bauern die Ausgebeuteten und Geplagten wären. In I. U. Pot apenkos (geboren 1856 in Kischinew) Novelle „Entthront" fand ich nur einen Juden, den Schneider A b r a m k a S r u l e w i s ch Stiftig. Er bildet keinen Gegensatz zu dem Jankiel im „Herr Thaddäus", ist auch ein ehrlicher, vertrauenswürdiger Mann und übt in der löblichen Stadt Tschmyrsk (ob der Ort auf irgendeiner Karte zu finden ist, weiß ich nicht) das ehrsame Schneiderhandwerk nicht bloß mit Geschick und Geschmack, sondern auch mit Diplomatie aus. Denn es ist keine Kleinigkeit, die Kundschaft der miteinander rivalisierenden angesehensten Regimentsdamen, der Hauptmannsfrau und der Regimentsarztensfrau, zu erhalten beziehungsweise zu erwerben. Und beide sind die größten Modenärrinnen der Stadt und eine will die andere auf dem bevorstehenden Regimentsballe mit chrer Toilette ausstechen. Dazu bedarf es nun der Hilfe Abramkas, denn, sagt eine der Damen, ohne „ihn sind wir Regimentsdamen gleichsam hilflos". Und demgemäß wird er von ihnen mit besonderer Höflichkeit behandelt. Die Hauptmannsfrau ladet ihn — den jüdischen Handwerker — zum Sitzen ein und bittet, er soll ihr sein Ehrenwort geben, ihre Toilettengeheimnisse nicht zu verraten. Von dem Musiker Jankiel verlangt die Zosia des Herrn Thaddäus, nur er solle bei ihrer Hochzeit aufspielen. Aber der arme Abramka verliert trotz Diplomatie und Schneiderkunst sein Spiel und die Kurvdschast der Frau Hauptmännin, denn das vom Ausland mitgebrachte Kostüm der Arztensfrau kann weder von ihm noch von den Kiew« Damenschneidern übertroffen werden. Aber eigentlich ist nicht der anständige und geschickte, nur mit einem leichten Anflug von Komik geschilderte Jude, der nicht ausdrücklich als solcher genannt wird, die Hauptperson, sondern die zwei grausam lächerlich gemachten Regimentsdamen sind es. Viel besser ergeht es einem anderen jüdischen Frauenschneider Potapenkos, obwohl er in der Novelle „Unersetzlicher V e r l u st" nicht die Hauptperson ist und sie eigentlich erst mit seinem Tode beginnt. Es ist auch, wie sein Abramka, nicht der übrigens nicht geschmeichelte Jude, der hier lächerlich gemacht wivd, sondern wieder die christlichen Damen und Modenärrinnen „vom Regiment". Und der Tod dieses Schneiders ist eben der unersetzliche Verlust für die Damen, denn einen anderen ebenso geschickten Schneider gibt es nicht in der Stadt, so daß wegen seines Todes weder der projektierte Ball noch die Liebhabertheatervorstellung stattfinden kann. Diesem Moses Abramowitsch Mischeles ist es anfangs ziemlich schlecht gegangen; erst als ein Regiment als Garnison in das Städtchen kam, wurde er der Lieblingsschneider der Offiziersdamen. Und als es ihm gut ging, begann er sich bei ihnen in Respekt zu setzen und wurde von ihnen dementsprechend behandelt. Wenn eine Dame bei ihm etwas bestellen wollte, schickte sie zu ihm den Diener mit den Worten: die gnädige Frau bittet sie, zu besuchen. Aber Mischeles beeilt sich nicht mit dem Besuche, er läßt einige Stunden warten, um für vielbeschäftigt zu gelten. Wenn er endlich in die Gesellschaft der Damen kommt'J, stürzen sie von allen Seiten auf ihn zu: „Ach, Mischeles! Ach, Moses Abramowitsch, nehmen Sie Platz!" Er dreht sich zuerst ruhig eine Zigarette und läßt die Damen warten. Dies tut er nicht aus böser Absicht, nur weil ihm jemand gesagt hat, daß man Damen um die Erlaubnis bitten müsse, in ihrer Gegenwart zu rauchen. Wenn aber ein Offizier hereinkam, sprang Mischeles augenblicklich auf, löschte schnell seine Zigarette und stand wie ein blöder Junge da, bis der Herr Offizier weggegangen war. „Diese Furcht", meint unser Erzähler, „ist vollkommen unerklärlich, um so mehr, als die Offiziere dieses Regiments"") gutmütige und zartfühlende Menschen waren und ihn nie bedroht hatten." Doch wir müssen von Moses Abramowitsch Abschied nehmen und wollen nur noch erwähnen, daß er von zwei Damen, die sich einmal Kleider in Warschau machen ließen, keine Bestellungen mehr annahm. In einige Verlegenheit bringen mich die „Memoiren eines Juden" von G. I. Bogrow""), da man ihn weder zu den Polen noch zu den Russen zählen kann, den zwei Völkern, mit deren Schriften ich mich hier zu beschäftigen habe. Da seine Memoiren russisch geschrieben sind und er mit besonderer Vorliebe die schlechten und lächerlichen Seiten der Juden schildert, so könnte man in ihm einen „Assimilierten", wenn nicht gar einen Renegaten vermuten. Auch daß die russische Zensur den Druck des Werkes, das auch die Bestechlichkeit und Korruption -L) Hier scheint mir Potapcnko einen Fehler begangen zu haben, denn es ist nicht Brauch der Modedamen, zu den Verhandlungen mit dein Schneider ihre Freundinnen einzuladcn. *'-) Wenn ein solches existierte, ist es jedenfalls nicht nach Galizien gekommeir. Aus dem Russischen übersetzt vom M. Ascharia, 2 Teile, St. Petersburg, 1880.

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