Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1916)
- Date
- 1916-09-27
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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462 Yorker und Londoner Konfektionsindustrie geht ihre Zahl in die Hunderttausende. Werfen wir einen Blick nach Polen. Bis zuletzt gestatteten die russischen Gesetze den Juden nicht den Erwerb landwirtschaftlicher Grundstücke. Sie wohnten daher eng zusammengedrängt in den Städten. Als landwirtschaftliche Arbeiter kamen sie zudem schon wegen der Sabbatfeier und wegen ihrer Speisegesetze nicht in Betracht. Wenn nun auch ein überaus großer Teil der dortigen jüdischen Bevölkerung im Handels- und Gastwirtsgewerbe tätig ist, so ist doch die große Mehrheit auf ihrer Hände Arbeit angewiesen und zwar in ganz hervorragendem Maße als Handwerker. Nicht etwa bloß als Schneider, Schuster, Kürschner, Friseure, Konditoren und Edelmetallarbeiter, sondern gerade auch in allen den Handwerken, welche schwere körperliche Anstrengungen erfordern, wie Schmiede, Schlosser, Zimmerer, Maurer, Dachdecker, Tischler, Stellmacher, Glaser usw. Ein mir befreundeter Direktor eines großen oberschlesischen Hüttenwerks, der früher ein solches in Polen leitete, erzählte mir in diesen Tagen, daß er dort mit Vorliebe jüdische Bauarbeiter und Tischler beschäftigt habe, weil sie sich nicht nur durch Nüchternheit, sondern auch durch tüchtige und fleißige Arbeit ausgezeichnet und die Arbeit stets pünktlich zum verabredeten Termin sertiggestellt hätten. Er freute sich, unter den seinem jetzigen Werk zur Arbeit überlassenen Kriegsgefangenen eine größere Anzahl Juden zu haben, und rühmte ihren Fleiß und ihre Anstelligkeit auch als Hüttenarbeiter; das gleiche wurde rmr über ihre Verwendbarkeit als Grubenarbeiter berichtet. Wenn man in den polnischen großen Textilfabriken nur ausnahmsweise jüdische Arbeiter trifft, so beruht dies, wie schon erwähnt, auf der Sabbatheiligung; denn in Polen ist es dem Juden kaum möglich, sich davon zu emanzipieren. Um so zahlreicher sind sie aber in der Heimarbeit und in der Kleinindustrie jüdischer Unternehmer. Für den gesetzestreuen Juden werden nun die sozialen Verhältnisse in dem Maße ungünstiger, als die Heimarbeit von der Fabrikarbeit verdrängt wird — ein Vorgang, der sonst im allgemeinen als wirtschaftlicher wie als sozialer Fortschritt gilr. Man wird deshalb bei der Lösung der überaus schwierigen Ostjudensrage in Erwägung ziehen müssen, ob man den Fabriken, von denen der Sabbat geheiligt wird, nicht die Sonntagsarbeit freigeben kann. In Deutschland mit seinen 0,88 Prozent Juden, von denen zudem nur ein verschwindender Teil sich an die strenge Sabbarheiligung hält, kann eine solche Maßnahme nicht in Betracht kommen; anders dagegen in den von uns besetzten Teilen Westrußlands, wo die Juden in den Städten durchschnittlich 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen und auf Heimarbeit angewiesen sino. Man wird dort auch an die Errichtung jüdischer Ackerbaukolonien gehen müssen, um einer Uebersüllung der Städte und der ausschließlichen Zusammenhäufung der Juden in ihnen zu begegnen. Natürlich bedarf es dazu erst einer sorgfältigen landwirtschaftlichen Erziehung der dafür in Betracht kommenden Familien. Wo aber eine solche vorangegangen ist, haben sich die Juden selbst unter schwierigen Verhältnissen als fleißige und erfolgreiche Acker- und Gartenbauer wie auch als Viehzüchter erwiesen. Auch die neuesten Ackerbaukolonien in Palästina haben das erneut bewiesen. Mit starker Betätigung — namentlich in den Freilustgewerben — wird aber auch die körperliche Beschaffenheit, Gesundheit, Körperkrast und Leistungsfähigkeit der heute in der Heimarbeit vielfach verkümmernden jüdischen Bevölkerung Polens eine Hebung erfahren. Und „in einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist". Man schaffe nur die Schranken fort, welche sich der jüdischen Handarbeit in den Weg stellen, und man kann sicher sein, sie wirv es nicht an sich fehlen Lassen! Lin unbrkanntrr lörtek Molrs WenörHohns. Veröffentlicht von Ludwig Geiger. 3 m nächsten Bande des „Jahrbuchs für jüdische Geschichte und Literatur" veröffentliche ich einige Briefe Mendelssohns, ferner viele an und über den jüdischen Weltweisen, zumeist, wenn nicht alle, aus der berühmten Lessingschen Handschristensammlung, von der in diesen Blättern schon einmal die Rede war. Bei dieser Gelegenheit hielt ich Umschau nach anderen Briefen des Weltweisen, um auch meinerseits etwas für eine große und wirklich vollständige Ausgabe von Mendelssohns Korrespondenz zu tun, die in den Kreisen der Kenner schon lange als notwendig empfunden wird. Dabei fand ich, daß sich in der hiesigen Königlichen Bibliothek die Originale der schon gedruckten Briefe an Herder und an den Oberförster Jung sowie ein ungedruckter Brief an Willamov befinden. Ich unterlasse es hier, die Abweichungen mitzuteilen, die sich in den Handschriften gegenüber dem gedruckten Texte finden, und teile nur den bisher unbekannten Brief mit. Ich brauche wohl nicht um Entschuldigung zu bitten, wenn ich dieses merkwürdige Aktenstück an dieser Stelle veröffentliche, obwohl es nichts Jüdisches enthält; denn was von Moses Mendelssohn herrührt, hat seines Urhebers wegen Anrecht, an dieser Stelle einen Platz zu finden. Der Adressat Willamov, von dessen Beziehungen zu Mendelssohn man bisher nichts wußte, ist ein in der deutschen Literaturgeschichte nicht ganz unbekannter Mann, wenn er auch nicht zu den Großen zählt. I. G. Willamov, 1736 bis 1777, ist ein Ostpreuße, der bis 1767 am Gymnasium zu Thorn tätig war. Er machte sich besonders durch Dithyramben und Oden bekannt und hatte 1763 eine Dissertation oder ein Programm über Pindar herausgegeben. Seine Dithyramben, Berlin 1763, waren ausführlich in den „Literaturbriesen" (aber nicht von Mendelssohn) behandelt worden. Das in unserem Briefe vorgetragene Urteil Mendelssohns über Pindar ist merkwürdig, wenn man daran denkt, daß wenige Jahre später durch Herder Goethes Aufmerksamkeit auf Pindar gelenkt und von ihm sowohl Uebersetzungen des griechischen Odendichters als Nachahmungen seiner Dichtungen versucht wurden. — Der in unserem Briefe erwähnte Pastor Krickende ist nicht weiter bekannt. Unser Brief steht auf einem Quartbogen, auf dessen vierter Seite die französische Adresse geschrieben ist: A. M. Willamov, professeur en Poesie. Der Brief selbst lautet: Mein Herr. Ich bin seither nicht imstande gewesen, Ihr sehr wertes Schreiben zu beantworten und da ich mich ungern entschuldige und über dem die Entschuldigung, daß man allzusehr beschäftigt sei, ziemlich abgenutzt ist, so habe lieber eine bequehmere Zeit abwarten wollen. Indessen bleibt diese gewünschte Zeit allzu lange aus und ich bin allzusehr beschämt, so oft ich Ew. Hochedelgeboren Schreiben auf dem Pulte liegen sehe. Ich sehe mich also genötigt, um Verzeihung zu bitten und der Herr Pastor Krickende haben mir versprochen, meine Bitte zu unterstützen. Ich schließe für dieses Mal und füge nur dieses hinzu, daß Ihre Gedanken über Pindar so sehr begründet sind, daß sie sich mit der Meinung unseres berühmten Rammlers über eben dieselbe vollkommen rencontrieren. Eine übel verstandene Nachahmung deS Pindars würde in unfern Tagen durchaus mißfallen. Aber dieses, hoffe ich, werden Sie so wenig als Herr Ramler in Abrede sein, daß der Grieche eine Seite habe, von welcher er mit bestem Effekt nachgeahmt werden kann und zu werden verdient. Bei müßigen Stunden werde so frei sein, meine Gedanken hierüber Ihrer gütigen Beurteilung zu unterwerfen. Für dieses Mal habe die Ehre nach gehorsamster Empfehlung mit aller Hochachtung zu sein dero ergebenster Diener Moses Mendelssohn. Berlin, den 2. August 1765. Nach den schon oben gemachten Bemerkungen braucht zur Erklärung des Briefes nichts weiter hinzugefügt zu werden. Sehr merkwürdig ist nur der Geschäftsstil des Ganzen, das zweimal ausgelassene „ich", ferner das ziemlich seltene Wort